Auf den Spuren des alten Tenochtitlán in Mexiko-Stadt

Einleitung

„Wir waren baß erstaunt über dieses Zauberreich, das fast so unwirklich schien wie die Paläste in dem Ritterbuch des Amadis. Hoch und stolz ragten die festgemauerten, steinernen Türme, Tempel und Häuser mitten aus dem Wasser. Einige unserer Männer meinten, das seien alles nur Traumgesichte.“[1]

So beschreibt Bernal Diaz del Castillo, einer der Gefolgsleute von Hernán Cortés, den ersten Einzug der Spanier in Tenochtitlán, der Hauptstadt der Azteken am 8. November 1519.         
Was in der Folge geschah, gehört zu den unrühmlichen Taten europäischer Kolonialgeschichte. Stück für Stück zerstörten die Spanier und mit ihnen verbündete Stämme die Stadt bis auf ihre Grundmauern, bis es am 13. August 1521 zur vollständigen Eroberung kam.      
Hier soll jetzt die Historie von Tenochtitlán angerissen und das Antlitz der Stadt anhand von historischen Aufzeichnungen und Exkursionen im heutigen Mexico City dargestellt werden.

Die Entstehung von Tenochtitlán

Der Entstehungsmythos von Tenochtitláns ist der Endpunkt der großen Wanderung des Volkes der Azteken, ausgehend von ihrem bis heute nicht lokalisierten Ursprung in Aztlan. 1111 n. Chr. sollen die sieben Clans auf Geheiß des Gottes (oder vergöttlichten Herrschers?) Huitzilopochtli ihre Wanderung begonnen haben.[2]
Dem Mythos zufolge führte er sie in das zentrale Hochland, wo noch immer ein Machtvakuum nach dem Untergang Tulas bestand. Die Azteken selbst scheinen mit den Tolteken verwandt zu sein; ihr Gott Quetzalcoatl galt als Priesterkönig von Tula. Zumindest waren die Azteken geradezu besessen von den Tolteken und ließen sogar eine Cac-Mool-Figur von Tula nach Tenochtitlán in den Templo Mayor, den aztekischen Haupttempel, transportieren.[3]          
Die Tolteken waren vom 9. bis zum 12. nachchristlichen Jahrhundert eine der beherrschenden Kulturen des zentralen Hochlandes. In ihrer Hochphase umfasste ihre Stadt Tula 15 Quadratkilometer bei geschätzten 60.000 Einwohnern.[4] 
Das kulturelle Zentrum von Tula umfasst neben Ballspielplätzen und Säulenhallen noch heute drei Plattformen mit Pyramiden. Der Tempel D, welcher auch als Tempel des Quetzalcoatl bezeichnet wird, trägt heute Stelen und kolossale Statuen, bei denen es sich vermutlich um Quetzalcoatl als Krieger in der Erscheinung als Tlahuizcalpanteuhtli, dem Morgenstern, handelt.[5]

Abb. 1 Tula Pyramide
Abb. 1: Die Hauptpyramide von Tula mit den „Atlanten“ (Foto: André Kramer).
Abb. 2 Atlanten Tula
Abb. 2: Detailaufnahme der Kolossalstatuen von Tula (Foto: André Kramer).

Gegen 1325 erreichten die Azteken nach mehr als hundertjähriger Wanderung dann den Ort, an dem sie ihre Hauptstadt errichten sollten. Das Zeichen, dass hier der geeignete Platz für die Gründung der Stadt gelegen habe, so der Mythos, sei ein Omen Huitzilopochtlis gewesen, das er ihnen sandte. Auf einer Insel auf dem Mondsee soll, auf einem Feigenkaktus sitzend, ein Adler eine Schlange in seinen Krallen gehalten haben.[6]      
1357 kam es zur Gründung von Tlatelolco als zunächst verbündete Stadt. Die Azteken mussten sich zunächst den Tepaneken unterwerfen und konnten sich erst unter der Herrschaft von Itzcoatl, der „Obsidianschlange“, von deren Joch befreien. 1433 wurde dann der Dreierbund der Städte Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopan begründet.[7]                                          
Unter der Herrschaft von Ahuitzotl (1468‒1502) kam es zur größten Machtausdehnung der Azteken, doch führte eine fatale Fehlentscheidung zu einer großen Katastrophe. Infolge einer Dürre zapfte dieser die Quellen in Coyoacán an und führte eine Überflutung Tenochtitláns herbei. Auhuitzotl selbst starb 1502 bei der Flucht vor den Fluten.[8]

Die Zerstörung Tenochtitláns

Nachdem die Spanier unter Hernán Cortés erst zwei Jahre zuvor in Mexiko gelandet sind, kam es am 13. August 1521 zur vollständigen Eroberung Tenochtitláns und der Unterwerfung der Azteken. In einem filmreichen Spiel aus Diplomatie, Verrat und purer Gewalt belagerten die Spanier und ihre Verbündeten zuvor die Hauptstadt der Azteken und begannen diese von außen nach innen geradezu planmäßig abzureißen und sich so immer weiter ihrem Zentrum zu nähern.[9]                  
Diese systematische Zerstörung ist der Grund dafür, dass unsere Vorstellung von Tenochtitlán sich heute aus verschiedenen Quellen konstituieren muss. Historische Chroniken, Kartenmaterial und archäologische Spuren helfen uns dabei, das Antlitz der Stadt zu rekonstruieren und ein plastisches Bild von ihr zu erhalten.

Beschreibungen Tenochtitláns und heutige Spuren in Mexiko-Stadt

Hernán Cortés berichtete Kaiser Karl V. von Spanien in drei Berichten von seiner Eroberung Mexikos. Er beschreibt, dass seine Männer und er sich Tenochtitlán, das inmitten eines Sees lag, über einen großen Damm näherten. Der Damm selbst, so schreibt er in seinem ersten Brief, sei in einem sehr guten Zustand gewesen und so breit, dass acht Reiter nebeneinander auf diesem laufen konnten.[10]      
In seinem zweiten Brief an Karl V. vom 15. Mai 1522 gibt er eine detaillierte Beschreibung von Tenochtitlán. Er umschreibt zunächst dessen geographische Einbettung und seine besondere Lage inmitten eines Salzsees. Diese bestimmt auch den Aufbau der Stadt, der von mit Kähnen befahrenen Kanälen durchzogen ist:

„Ihre Straßen — ich rede hier von den Hauptstraßen — sind sehr breit und sehr gerade, und einige der letzteren sowie alle übrigen sind zur Hälfte fester Boden, zur andern Hälfte aber Wasser, auf dem die Kähne fahren. Alle Straßen sind in größeren Zwischenräumen durchschnitten, so daß zwischen ihnen eine Wasserverbindung besieht. Alle diese Durchschnitte, deren einige sehr breit sind, haben ihre Brücken, aus großen und starken zusammengefügten Balken sehr gut verfertigt, so daß zehn Reiter in Front hinüber ziehen können.“[11]

Weiter werden die öffentlichen Plätze beschrieben, die als Märkte fungieren und die Geschäfte für den täglichen Bedarf. So gebe es Apotheken, Barbiere und Lebensmittelgeschäfte.[12]     
Cortés ist natürlich von den zeremoniellen Bauwerken beeindruckt, die ganz Tenochtitán durchzogen haben müssen, wie er andeutet:

„Es gibt in dieser großen Stadt viele Moscheen oder Götzentempel von sehr schöner Bauart, für ihre verschiedenen Sprengel oder Bezirke.“[13]

Zu übertreiben scheint er aber bei der Beschreibung des Haupttempels im Zentrum der Stadt. Über dessen Ausmaße gibt er an:

„Unter diesen Moscheen gibt es eine, die die vornehmste ist, deren Größe und Einzelheiten keine menschliche Zunge zu beschreiben vermag; denn sie ist so groß, daß innerhalb ihres ganz von einer hohen Mauer umzogenen Umkreises sehr gut eine Stadt für 500 Einwohner gebaut werden könnte. […] Der Hauptturm ist höher als der Turm der Kathedrale von Sevilla. Sie sind in Mauer- und in Holzwerk so gut gearbeitet, daß sie nirgends besser gemacht oder gearbeitet werden könnten.“[14]

Die von 1402 bis 1506 erbaute große Kathedrale von Sevilla in Spanien weist als Wahrzeichen der Stadt einen Glockenturm (die Giralda) mit einer Höhe von 97 Metern auf.[15]
Eine solche Höhe erreichte der Haupttempel von Tenochtitlán definitiv nicht. Geschätzt wird eine ursprüngliche Höhe der Doppelpyramide von 45 Metern.[16]  Möglicherweise wollte Cortés Kaiser Karl V. durch seine Übertreibung zusätzlich beeindrucken und damit die eigene Leistung der Eroberung der Stadt weiter überhöhen.                                                             
Cortés‘ Gefolgsmann Bernal Diaz del Castillo gibt uns eine weitere umfassendere Beschreibung Tenochtitláns. Seine ersten staunenden Worte wurden ja bereits in der Einleitung zitiert. Beeindruckt zeigte er sich von den „Palästen“, in die die Spanier in der Tenochtitlán vorgelagerten Stadt Iztapalapa einquartiert wurden:

„[…] in riesigen Bauten aus schön behauenen Quadersteinen, die mit Holzwerk aus Zedern und anderen wohlriechenden Hölzern ausgeschmückt waren. Alle Gemächer waren mit baumwollenden Tapeten behangen. Zu diesen Palästen gehörten herrliche Gartenanlagen mit vielerlei blühenden Bäumen, Rosenhecken und Blumenbeeten, mit Obstgärten und einem Teich, der durch einen Kanal mit dem See verbunden war.“[17]

Er schließt dem ‒ bitter klingend, ob wohl er selbst zu den Verantwortlichen hierfür gehörte ‒ an:

„Heute ist von alldem nichts mehr zu sehen. Kein Stein dieser schönen Stadt steht mehr auf dem anderen.“[18]

Der Einzug nach Tenochtitlán wurde dann von gewaltigen Menschenmengen begleitet, die auf beiden Seiten die Straßen säumten und die Fremden betrachteten. Cortés und seine Männer wurden zunächst von Moctezuma II., dem Herrscher Tenochtitláns, eingeladen und konnten in den folgenden Tagen mehrere Areale der aztekischen Stadt besichtigen. So besuchten sie den großen Marktplatz von Tlatelolco, wo allerhand Waren feilgeboten wurden:

„Jede Warengattung hatte ihre Plätze. Da gab es Gold- und Silberarbeiten, Juwelen, Stoffe aller Art, Federn, Baumwolle und Sklaven. […] Dann kamen die Stände mit einfacheren Waren, mit grobem Zeug, mit Zwirn und Kakao zum Beispiel.“[19]

Tlatelolco ist ein heutiger Stadtteil von Mexiko-Stadt, etwa 3 Kilometer vom zeremoniellen Zentrum Tenochtitláns entfernt. In vorspanischen Zeiten zunächst eine Schwesterstadt zu Tenochtitlán, wurde dieses im Laufe der Zeit an letztere angegliedert.[20]     
Inzwischen konnten Teile des alten Tlatelolco wieder ausgegraben werden. Der Platz der drei Kulturen vereint hierbei in einem Panorama Bauten des aztekischen Tempelbezirks von Tlatelolco, die 1609 in der Kolonialzeit errichtete Kirche Santiago Tlatelolco und die Bauwerke des modernen Mexikos.

Abb. 3 Platz der drei Kulturen
Abb. 3: Der Platz der drei Kulturen umfasst Bauwerke aus verschiedenen Epochen der Geschichte von Mexiko-Stadt (Foto: André Kramer).

Der freigelegte Tempelbezirk aus aztekischer Zeit ist hierbei von einer Vielzahl von Gebäuden gesäumt:         
Der rund angelegte Tempel des Ehécatl-Quetzalcóatl war dem Gott des Windes gewidmet; gefundene Opfergaben zeugen von seiner Nutzung.     
Der Kalender-Tempel als dreigestufte Plattform trägt 13 Glyphen, die für die Monate des Kalenders stehen.

Abb. 4 Kalendertempel Tlatelolco
Abb. 4: Der Kalender-Tempel von Tlatelolco (Foto: André Kramer).

Altäre und ein vierräumiges Hauptgebäude mit einem Innenhof gehören ebenso zu dem Areal wie der Haupttempel, der ähnlich wie zeitgleich der Templo Mayor von Tenochtitlán aus zwei Treppenaufgängen besteht.                                                
Auch den Templo Mayor von Tenochtitlán beschreibt Castillo:

„Vom Markt aus kamen wir bald in die großen Höfe, die den Haupttempel der Hauptstadt Mexiko umgaben. Sie waren größer als der Marktplatz von Salamanaka. Um den riesigen Hof lief eine doppelte Mauer aus Kalk und Stein. Er war durchweg mit weißen, sehr glatten Platten gepflastert, die in einem bestimmten Wechsel von einem bräunlichen Estrich unterbrochen wurden. Alles war so sauber, daß man nirgends einen Strohhalm oder ein Stäubchen sah.“[21]

Der Haupttempel habe 114 hohe Stufen gehabt und führte zu einer großen Plattform „mit großen Steinen, auf welche die armen Opfer gelegt wurden. Darüber stand ein großes Götzenbild, ein Drache, umgeben von anderen abscheulichen Figuren.[22]                   
Von der Tempelplattform aus konnte die weite Umgebung überblickt werden und Castillo schreibt:

„Wir sahen die drei Dammstraßen, die nach Mexiko führten: die von Iztapalapa, über die wir eingezogen waren, die von Tacuba, über die wir acht Monate später unter großen Verlusten fliehen mußten, und die von Tepeaquilla. Wir sahen die große Wasserleitung, die von Qhapultepec kommt und die ganze Stabt mit süßem Wasser versorgt, und die langen hölzernen Brücken, von denen die Dammstraßen unterbrochen waren, um die Verbindung zwischen den vielen Teilen des Sees zu ermöglichen. […] Aus allen Orten ragten die weißen Opfertempel wie Burgen über die Häuser mit ihren Söllern, über kleinere kapellenartige Bauten und über die Befestigungstürme hinaus. Es war ein einmaliger Blick.“[23]

Abb. 5 Grosser Tempel Tlatelolco
Abb. 5: Die große Tempel von Tlatelolco (Foto: André Kramer).

Ein namentlich unbekannter Offizier aus den Reihen von Cortés hinterließ uns eigene ethnografische Beschreibungen seiner Erfahrungen in Mexiko. Auch Tenochtitlan, das die Spanier als Temixtitan bezeichnen, beschreibt er sehr detailliert und wir erlangen eine erheblich bessere Vorstellung vom Aufbau der Stadt, als dies noch bei Cortés und del Castillo der Fall ist. So schreibt er richtig, dass die Stadt, mit Ausnahmen im Norden und Osten, von Bergen umgeben ist. Der Vulkan Popokatépetl (Rauchender Berg), den die Spanier passierten, als sie nach Tenochtitlan zogen, liege elf Meilen von der Hauptstadt entfernt und stoße Tag und Nacht Rauch aus.[24] Vermutlich sind mit Meilen hier Leguas gemeint, eine alte spanische Längeneinheit, wobei 1 Legua = 4,24 Kilometer entspricht. Davon ausgehend hat der namenlose Offizier sich um fast die Hälfte verschätzt, gehen wir vom Zentrum Tenochtitlans aus, das mehr als 80 Kilometer vom Popokatépetl entfernt liegt.

Abb. 6 Popocatepetl
Abb. 6: Der knapp 5400 Meter hohe Popocatépetl stößt weißen Rauch aus (Foto: André Kramer).

Auch Bernal Diaz del Castillo spricht von dem Vulkan und einer unternommenen Expedition bis an den Kraterrand, von wo aus sie „die große Stadt Mexiko mit dem See und mit allen Ortschaften, die um ihn herum lagen“sehen konnten.[25]                      
Kommen wir wieder zu unserem namenlosen Offizier. Dieser erwähnt, im Tal von Mexiko lägen zwei große Seen, die durch eine Landenge voneinander getrennt werden. Während der nördliche See ein Salzwassersee sei, sei der südliche See mit Süßwasser gefüllt. Gesäumt ist dieses Areal von verschiedenen Ortschaften, wie er weiter aussagt.[26]
Tenochtitlán selbst habe dann recht mittig im Salzwassersee gestanden und geschätzte 300.000 Menschen beherbergt. Über drei gepflasterte Dammstraßen konnte man die Stadt auf dem See erreichen. Eine dritte Dammstraße sei kürzer gewesen und führte vom Chapultepek, dem Heuschreckenhügel, aus in die Stadt und versorgte diese mit Trinkwasser. Heute liegt hier ein großer Park als Naherholungsgebiet und einem Weiher namens Lago de Chapultepec. Auch das große Anthropologische Nationalmuseum ist hier zu finden.

Abb. 7 Lago de Chapultepec
Abb. 7: Der Lago de Chapultepec am „Heuschreckenhügel“ (Foto: André Kramer).

Weiter schreibt er:

„Die Stadt hat schöne, breite Straßen, unter denen zwei oder drei als die Hauptstraßen gelten können. Alle übrigen gehen auf Backsteinbau neben den Wassergräben hin, die kreuz und quer durch alle Viertel laufen, so daß die Einwohner von ihren Häusern aus zu Land wie zu Wasser überallhin kommen können. Letztes geschieht in Kähnen, die aus ausgehöhlten Baumstämmen hergerichtet sind.“[27]

Es habe, so führt er aus, große Marktplätze gegeben, zum Teil von Säulengängen umzogen, die als Umschlagsplatz für tausende von Menschen fungierten. Die eigentliche Pracht der Stadt rührte aber natürlich von den Prunkbauten her:

„Temixtitan hatte eine Menge großer und prächtiger Tempel, in denen die Götzen des Landes verehrt und Menschenopfer dargebracht wurden. Die Hauptmoschee war ein wunderbarer Bau von riesigem Umfange. In ihrem gesamten Bezirk hätte eine kleine Stadt Platz finden können. Der weite Hof darum hatte vier Haupttore, jedes eine Art Burg, angefüllt mit allerlei Waffen und Kriegsgerät. Alle vier zusammen waren gleichsam das Zeughaus des Sultans.“[28]

10.000 Mann sollen Moctezuma II. beschützt und die Ordnung in der Stadt gewährleistet haben. Außerdem heißt es:

„Die Vornehmen besaßen große, schöne Paläste mit weiten prächtigen Gärten daran […] Alle diese Paläste waren in der Art gebaut, daß die weitläufigen Gemächer und Säle einen Hof umschlossen.“[29]

Wir bekommen so ein Gefühl für Tenochtitlán und seinen Aufbau. Auf dem See gelegen, führten vier Dammstraßen zu der Stadt mit großen Marktplätzen und einem in der Mitte gelegenen zeremoniellen Zentrum mit der großen Hauptpyramide. Als weitere Quelle stehen uns außerdem historische Karten der Stadt zur Verfügung. Die älteste bekannte europäische Karte von Tenochtitlán wurde 1524, nur drei Jahre nach der Zerstörung der Stadt, in Nürnberg als Holzschnitt gedruckt und einer Abschrift des zweiten und dritten Brief von Cortés an Kaiser Karl V. beigelegt.[30]
Die Karte zeigt im linken Abschnitt den Golf von Mexiko und auf der rechten Seite die Stadt Tenochtitlán. Im Zentrum befindet sich das zeremonielle Zentrum Templo Mayor mit zwei Türmen für die Götter Huitzilopochtli und Tlaloc. Dazwischen befindet sich die Darstellung einer Sonne.

Karte 1524
Abb. 8: Nürnberger Karte von Tenochtitlán für Hernán Cortés, 1524 (Wikimedia Commons).

Der weitgehend zerstörte Templo Mayor ist eine große Ausgrabungsstätte im Zentrum von Mexiko-Stadt. Heute lässt sich nur noch erahnen, welchen Eindruck er einstmals auf die Eroberer aus Spanien gemacht haben muss. 1913 kam es zur zufälligen Entdeckung der Südwestecke des Templo Mayor; die bislang umfassendsten Ausgrabungen erfolgten dann 1978.[31]
Umgeben war das zeremonielle Zentrum dereinst von einer schlangenförmigen Mauer.[32] Die Schlangenmauer (Coatepantli) ist teilweise noch immer erhalten.

Abb. 9 Templo Mayor
Abb. 9: Die spärlichen Reste des Templo Mayor in Mexiko-Stadt (Foto: André Kramer).
Abb. 10 Templo Mayor Coatepantli
Abb. 10: Coatepantli um den Templo Mayor (Foto: André Kramer).

Links vom Tempel befindet sich eine Gitterstruktur, die wohl ein Tzompantli darstellt. Hierbei handelt es sich um einen Aufbau, auf denen die Köpfe der geopferten Menschen ausgestellt waren. Ein weiteres Tzompantli finden wir mittig unten im zeremoniellen Zentrum.
Diese hölzernen Gerüste wurden auch in Stein dargestellt und finden sich in verschiedenen Stätten Mittelamerikas. So wurde ein steinernes Abbild eines Tzompantli beim Templo Mayor selbst gefunden, doch auch in Chichen Itza auf Yucatan, einer Stadt der Maya der postklassischen Zeit, finden wir ein solches Abbild.[33] 

Abb. 11 Templo Mayor Tzompantli
Abb. 11: Steinernes Abbild eines Tzompantli am Templo Mayor in Mexiko-Stadt (Foto: André Kramer).
Abb. 12 Chichen Itza Tzompantli
Abb. 12: Steinernes Abbild eines Tzompantli in Chichen Itza auf Yucatan (Foto: André Kramer).

Cortés selbst wurde Zeuge des Brauchs während der Eroberung Tenochtitláns. Als seine Männer und er nach blutigen Gefechten einen weiteren Damm bei Tlatelolco überschritten hatten und vorgerückt waren, so schreibt er „gelangten [wir] bis an eine kleine Pyramide und ihren Tempel, wo wir die Köpfe unserer hingeopferten Freunde fanden, was uns tiefen Schmerz einflößte.“[34]         Links des Tzompantli ist auf der Nürnberger Karte ein Gebäude abgebildet, das mit dem Wort Calmecac überschrieben ist. Hierbei handelte es sich um eine Schule der akademischen Elite; rechts davon liegt der Sonnentempel. Hier befand sich wohl einstmals auch der berühmte aztekische Kalenderstein (auch „Sonnenstein“ genannt), der einen Durchmesser von etwa 3,60 Metern besitzt und 1790 südlich der Kathedrale von Mexiko-Stadt bei Planierarbeiten gefunden wurde. Der Stein mit seinem spektakulären Relief, auf dem in der Mitte der Sonnengott zu sehen ist, wiegt 25 Tonnen und wurde 1479 unter der Herrschaft von Axayacatl geschaffen.[35]

Abb. 13 Kalenderstein
Abb. 13: Der Kalenderstein der Azteken, heute im Anthropologischen Nationalmuseum in Mexiko-Stadt (Foto: André Kramer).

Links davon zeigt die Karte den Palast des Moctezuma und eine Menagerie.       
Im zweiten Segment sehen wir weitere populäre Gebäude. In der Forschung geht man davon aus, dass die Karte zum Teil auf Darstellungen in indigenen Vorbildern basiert.[36]      
So finden wir eine Darstellung des Templo Mayor als Doppel-Tempel[37] im womöglich 1576 erstellten Codex Aubin, der in verschiedenen Texten die Geschichte der Azteken bis zur Ankunft der Spanier beschreibt und sich heute im British Museum in London befindet.[38]     
Immer wieder passiert es auch, dass beim Straßenbau neue Teile Tenochtitláns das Tageslicht erblicken. Bei dem Ausbau der Metro in Mexiko-Stadt stieß man 1967 zum Beispiel auf einen Baurest, der heute als Pyramide des Ehécatl bezeichnet wird.

Abb. 14 Tempel Ehecatl
Abb. 14: Tempel des Ehécatl, 1967 beim Metro-Ausbau entdeckt (Foto: André Kramer).

Wenngleich es den Spaniern gelang, die prachtvolle Hauptstadt der Azteken weitgehend dem Erdboden gleichzumachen, so konnte unser Wissen über diese Stadt nicht vollkommen ausgelöscht werden. Historische Beschreibungen, Karten und Gebäudereste ermöglichen es uns heute noch, ein plastisches und buntes Bild von Tenochtitlán zu zeichnen und eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie dieser Dreh- und Angelpunkt des Lebens der Azteken hier einst ausgesehen haben mag. Tenochtitlán war eine Metropole auf dem Wasser mit großen Marktplätzen, auf denen geschäftiges Treiben stattfand, und beeindruckenden Tempeln, die im Zentrum des religiösen Lebens der Azteken ‒ inklusive ihrer uns als grausam und barbarisch erscheinenden Opferriten ‒ standen. Letztere müssen natürlich im Rahmen der Glaubensvorstellungen dieser Kultur gesehen werden: Demnach dienten die grausamen Menschenopfer nichts geringerem als der Erhaltung der Welt. Um den Kreislauf von Sonne und Mond, für deren Schöpfung zwei Götter sich geopfert haben, am Laufen zu halten, bedurfte es Blut und Herzen als Opfer, sonst hätte das Ende der Welt gedroht.[39]

Quellen

Altmann, L. u. a. 2002: Die großen Kathedralen, Klöster und Pilgerstätten Europas. Albatros, Germering.

British Museum: Am2006,Drg.31219 (Codex Aubin).

del Castillo, B. D. 1965: Wahrhafte Geschichte der Entdeckung und Eroberung von Mexiko. Steingrüben, Stuttgart.

Cortés, H. 1980: Die Eroberung Mexikos. Drei Berichte an Kaiser Karl V. Insel Verlag, Frankfurt/M.

Cortés, H. 1907: Die Eroberung Mexikos. Drei eigenhändige Berichte von Ferdinand Cortez an Kaiser Karl V. Gutenberg-Verlag, Hamburg.

Davies, N. 1973: Die Azteken. Meister der Staatskunst, Schöpfer hoher Kultur. Econ, Düsseldorf.

Eberl, M. 2000: Tod und Seelenvorstellungen, in: N. Grube (Hg.), Maya. Gottkönige im Regenwald. Könemann, Köln, 310‒319.

Heinken, S. 2003: Ein Herz für die Götter. National Geographic 04/2003, 33‒44.

Jones, D. M. / Molyneaux, B. L. 2002: Die Mythologie der Neuen Welt. Die Enzyklopädie über Götter, Geister und mythische Stätten in Nord-, Meso- und Südamerika.: Edition XXL GmbH, Reichelsheim.

Kramer, A. 2022: Paläo-SETI. Methodenbausteine für die Suche nach den Spuren Außerirdischer in der Vergangenheit. Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens e. V., Lüdenscheid.

o. A. 1992: Das Reich Mexiko und seine Hauptstadt Temixtitan: Bericht eines unbekannten Offiziers aus dem Heere des Hernán Cortés, in: E. Michels-Schwarz / U. Schwarz (Hg.), Die Ankunft der weißen Götter. Dokumente und frühe Berichte der großen Eroberer von Nordamerika bis Peru. Edition Erdmann, Stuttgart/Wien.

Peters, U. 2015: Das Alte Mexiko und seine Hochkulturen. Marixverlag, Wiesbaden.

Poblete, D. A. 2025: Tenochtitlan 1624. Nürnberg und die erste Karte einer amerikanischen Stadt, in: B. Baumbauer u. a. (Hg.), Nürnberg GLOBAL: 1300‒1600. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München, 78‒83.

Portilla, M. L. 1997 (Hg.): Rückkehr der Götter. Die Aufzeichnungen der Azteken über den Untergang ihres Reiches. 5. Auflage. Unionsverlag, Zürich.

Wolfschmidt, G. 1976: Kunst, Kultur und Naturanschauung in Alt-Mexiko. Dr. Remeis-Sternwarte, Bamberg.

Zick, M. 2003: Azteken – Die Aufsteiger. Bild der Wissenschaft 11/2003, 50‒56.


[1] Castillo 1965, 237.

[2] Peters 2015, 135.

[3] Peters 2015, 89.

[4] Peters 2015, 90.

[5] Peters 2015, 90.

[6] Jones/Molyneaux 2002, 135.

[7] Peters 2015, 138.

[8] Peters 2015, 140 f.

[9] Eine ausführliche Darstellung des Untergangs der Azteken habe ich an anderer Stelle vorgelegt (Kramer 2022, 152 ff).

[10] Cortés 1980, 55.

[11] Cortés 1907, 166.

[12] Cortés 1907, 168.

[13] Cortés 1907, 172.

[14] Cortés 1907, 172 f.

[15] Altmann u. a. 2002, 204.

[16] Zick 2003, 52.

[17] Castillo 1965, 237.

[18] Castillo 1965, 237.

[19] Castillo 1965, 257.

[20] Davies 1973, 44.

[21] Castillo 1965, 258 f.

[22] Castillo 1965, 259.

[23] Castillo 1965, 259 f.

[24] o. A. 1992, 128. Castillo (1965, 202) schätzt die Entfernung auf 12‒13 Leguas, was noch immer zu gering ist

[25] Castillo 1965, 202.

[26] o. A. 1992, 128.

[27] o. A. 1992, 129.

[28] o. A. 1992, 130.

[29] o. A. 1992, 130.

[30] Poblete 2025, 79.

[31] Peters 2015, 165.

[32] Peters 2015, 142.

[33] Eberl 2000, 318.

[34] Cortés 1989, 228.

[35] Wolfschmidt 1976, 85 f.

[36] Poblete 2025, 80.

[37] British Museum 1576, 42.

[38] Portilla 1997, 168.

[39] Heinken 2003, 41.