Versunkene Orte
Auch wenn man sagenhafte Überlieferungen zur Seite lässt, sind seit Urzeiten zahlreiche Bauwerke der Menschen im Wasser versunken: durch die Hebung des Meeresspiegels, Absenkung des Festlandes, vulkanische und tektonische Ereignisse, Tsunamis, Sturmfluten, Überschwemmungen und zuletzt durch die Anlage von Stauseen.

Gerade jüngst entdeckten französische Archäologen in neun Metern Meerestiefe vor der Ile de Sein in der Bretagne eine 6000 Jahre alte Granitmauer. „Die Archäologen hatten nicht erwartet, in einer so extremen Umgebung mit Stürmen, Wellen und Strömungen so gut erhaltene Strukturen anzutreffen“, erklärte der Geologe Yves Fouquet. Die Mauer ist etwa 120 Meter lang und gilt als „einzigartig für Frankreich zu jener Zeit“. Die Anlage wurde mithilfe von LIDAR entdeckt und anschließend von Tauchern erforscht, die zusätzlich noch ein Dutzend Siedlungsstätten fanden. Nach 60 Tauchgängen waren sich die Archäologen sicher, dass es sich um ein künstliches Bauwerk handelt. „Die Stätte zeugt vom damaligen technologischen Wissen und der sozialen Organisation“, so die Fachzeitschrift International Journal of Nautical Archaeology.
So alte und so große Anlagen hat man auch in deutschen Gewässern entdeckt, beispielsweise der sogenannte Blinkerwall vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Da die Gezeiten in der Ostsee viel geringer sind als in der Nordsee und ehemalige Siedlungsorte im Wasser weniger von den Tiden zerstört werden können als im Wattenmeer, finden Forscher in der Ostsee immer wieder gut erhaltene Reste unserer Vorfahren. Der Blinkerwall ist eine 971 Meter lange „Megastruktur“ in 21 Metern Tiefe in der Mecklenburger Bucht vor Rerik. Er soll mehr als 10000 Jahre alt sein. Die Mauer wurde im September 2021 von einer Forschungsgruppe um Jacob Geersen vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und Marcel Bradtmöller von der Universität Rostock entdeckt. Vor 10000 Jahren lag der Fundort noch über Wasser, allerdings an einem See, und in dem Gebiet streiften nur Jäger und Sammler umher. Der Blinkerwall, heute eher unscheinbar, ist aus rund 1700 Steinen errichtet, einen Meter hoch und bis zu zwei Meter breit. „Die 1.673 Steine des Walls haben ein Volumen von fast 53 Kubikmetern und wiegen zusammen mehr als 142 Tonnen. Die weitaus meisten davon – knapp 1.400 – sind deutlich unter 100 Kilogramm schwer, die übrigen 288 wiegen mehr. Der mit Abstand mächtigste Brocken bringt mehr als 11 Tonnen auf die Waage, drei weitere wiegen zwischen 2 und 5,8 Tonnen.“
Solche Mauern kennt man aus vielen Weltgegenden, unter anderem aus der Wüste Saudi-Arabiens. Steinzeitjäger errichteten sie, um im Norden zum Beispiel Rentiere zu jagen, der Blinkerwall wäre somit die älteste Anlage dieser Art in Europa. Eine natürliche Entstehung, etwa durch einen Tsunami oder durch moderne Bauarbeiten am Seegrund, lehnen die Forscher als unwahrscheinlich ab. Auch weil Details, wie etwa mit größeren Steinen verstärkte Knicke in der Mauer, auf ein planmäßiges Bauen hinweisen.
Dass solche Strukturen auch geologische oder biologische Ursachen haben könnten, ist allerdings nicht zu weit gegriffen. So stellten sich Unterwasserkreise, die ab 2008 auf dem Meeresboden vor Dänemark fotografiert wurden, als Resultat des Zusammenwirkens von Sulfiden mit Seegras heraus. Der Blinkerwall ähnelt aber vergleichbaren prähistorischen Anlagen mehr als jeder Erklärung, die ihn einer natürlichen Ursache zuschreibt.
Die Ostsee hält sicher noch einige Überraschungen bereit. Verlorene Orte aus der Steinzeit werden nicht selten vom Meeresgrund berichtet, so eine 7000 Jahre alte Siedlung im Kattegat und weitere Dörfer vor dem südlichen Dänemark (in bis zu 30 m Tiefe) und Polen.
Der Bodensee, der drittgrößte See Mitteleuropas nach dem Genfer- und dem Plattensee, verbirgt eine noch gigantische, prähistorische Anlage, die Archäologen mit dem niedlichen Schweizer Namen Hügeli bezeichnen.
2015 stießen Geologen des Instituts für Seenforschung in Langenargen auf eine Reihe von über 100 kreisrunden Steinaufschüttungen in rund viereinhalb Metern Tiefe auf dem Seeboden zwischen den Schweizer Orten Romanshorn und Bottighofen. Die Reihe verläuft rund 300 Meter von dem heutigen Ufer entfernt und misst insgesamt ganze 10 km in der Länge! Jeder der Steinhaufen hat einen Durchmesser von 15 bis 30 Metern bei einer Höhe von 1 bis 2 Meter, und jeder ist eindeutig von Menschenhand errichtet. Ab 2016 wurden diese Steinhaufen systematisch erforscht und provisorisch auf die Bronzezeit datiert, also auf ein Alter von rund 3000 Jahren.
Vier Jahre später kannte man bereits 170 Hügel. Je mehr man entdeckte, je genauer man sie untersuchte, desto rätselhafter wurde alles. Der Archäologe Urs Leuzinger vom Museum für Archäologie Thurgau zeigte sich 2016 verwirrt: „Normalerweise wissen wir, was wir ausgraben.“ Es könnte sich um Begräbnisplattformen handeln, um Monumente für die Toten der Pfahlbausiedlungen.

Im Herbst 2019 konnten Thurgauer Archäologen einen der Hügel vor Uttwil untersuchen und durch Holzfunde von Pappel und Esche auf eine noch frühere Zeit datieren – dieser Hügel war 5500 Jahre alt, also steinzeitlich. Hütten aus derselben Zeit standen in der Nähe. Die „Hügeli“, so die Forscher, wurden damals auf dem Festland errichtet und seien also erst später versunken, als sich der Seespiegel um fünf Meter hob.
Im Sommer 2022 fand Urs Leuzinger in den Hügeli Holzpfähle mit Schnittspuren von Steinäxten, die jenen an Pfahlbauten gleichen. Es zeigte sich immer mehr, dass die Steinhaufen von denselben Menschen gebaut wurden, die in den Pfahlbauten lebten. Der Nachweis dieses Zusammenhangs zwischen den Steinen und den Behausungen ist jedoch äußerst schwierig, da die Forscher so gut wie nichts darüber wissen, wer in der Jungsteinzeit im dem Gebiet lebte. Die Forscher wüssten immer noch nicht, warum die neolithischen Pfahlbauer das 10 Kilometer lange Bauwerk am Südufer des Bodensees errichteten, meinte Leuzinger – und schlug als Erklärung Fischfallen, ein Verteidigungssystem, Rückstände von der Säuberung der Felder, Kultplattformen, Gräber oder gar astronomischer Beobachtungsorte vor.
2023 schließlich deutete Leuzinger die Hügeli als Plattformen, die als künstliche Inselchen am Ufer entlang aus dem Wasser ragten und auf denen rituelle Aktivitäten stattfanden, etwa als Teil von Bestattungsfeiern. Grabhügel seien es eher nicht gewesen. Der Übergang vom Land ins Wasser wäre demnach ein zentrales Element des Rituals gewesen.
Noch die Griechen dachten, die Toten müssten über einen Unterweltfluss ins Jenseits gebracht werden, im keltischen Irland hielt man Inseln im Westen für das Land der Toten, die ersten Baumsärge ähnelten Einbäumen und Pharaonen wie Wikinger ließen sich in oder bei Schiffen bestatten, um so rascher ins Jenseits zu gelangen.
Und doch gilt nach wie vor: „Wir alle wissen immer noch nicht, für was man diese Steinhaufen verwendete“, so Leuzinger in einer E-Mail an der Verfasser am 18. Juni 2025. Das Rätsel bleibt. Und es wird größer. Im Spätjahr 2023 erklärte Tobias Pflederer von der Bayrischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie, er habe nun auch vor Wasserburg im Bodensee eine Hügelstruktur aus Steinbrocken entdeckt und darunter durch Bohrungen in zwei Meter Tiefe Holz gefunden. Auch der Hügel von Wasserburg wurde in der Jungsteinzeit von Menschenhand errichtet und ähnelt den Hügeli aus der Schweiz.
Diese und viele weitere, in Deutschland und im Alpenraum versunkenen Häuser, Siedlungen und Kultstätten beschreibe ich in meinem neuen Buch, „Versunkene Orte“.

Versunkene Orte in Deutschland
Nikol, 208 Seiten, zahlreiche Fotos und Illustrationen.
12,95 Euro
ISBN 978-3690430401
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