Das Ley zum Speyerer Dom: Eine Nachuntersuchung
Der Dom zu Speyer (Michielverbeek, Wikimedia CC BY-SA 4.0).
Im Jahre 1989 schrieb ich einen Artikel über die geomantische Ausrichtung des Doms der Stadt Speyer, in der ich eine Landkartenentdeckung bekanntgab, nach der der Dom auf die Kalmit, den höchsten Gipfel des Haartgebirges, ausgerichtet war. Auf der Verbindungslinie von Dom zu Gipfel liegen zwei Pfarrkirchen, eine Hauptstraße, ein Stadttor und eine Burg des Speyerer Bischofs. Teile dieser Linie bin ich zu Fuß abgegangen.
Diesen Artikel, der auf Deutsch und auf Englisch erschien[1], möchte ich heute – leicht sprachlich verbessert – neu auflegen, gemeinsam mit einem Abschnitt zu neuen Fakten über dieses Ley, und seine mögliche Einbettung in mittelalterliche Traditionen. Es folgt ein kurzes Fazit: Hat meine Behauptung, die ich vor nun über 35 Jahren gemacht habe, Bestand … und was denke ich mittlerweile darüber? Schließlich stehen ja heute bessere Rechercheinstrumente zur Verfügung.
Das ist nötig, denn mittlerweile wird die in meinem Text angenommene Linie als gegebene Tatsache gehandelt.[2]
Der alte Artikel
(in der Fassung von The Ley Hunter)
Der romanische Dom von Speyer in der Pfalz ist der größte in Europa. Errichtet auf einem Hügel am Rhein, bieten seine monumentalen Mauern aus rotem Sandstein einen imposanten Anblick. Der Dom wurde 1061 fertiggestellt, litt jedoch unter den üblichen Katastrophen und Zerstörungen (unter anderem wurde er von französischen Revolutionstruppen als Schuppen genutzt). Er ist durch ein Ley, das streng von Osten nach Westen verläuft, auf die Kalmit, den höchsten Gipfel der Pfalz, ausgerichtet. Eine zweite, moderne Ausrichtung durchschneidet ihn in etwa Nord-Süd-Richtung – der Speyerer Dom liegt am Schnittpunkt zweier Linien, die in alle Himmelsrichtungen zeigen (siehe Skizze). Die annähernd von Westen nach Osten und von Norden nach Süden verlaufenden Linien englischer heiliger Berge wurden von Paul Devereux in The Ley Hunter 100 als Muster beschrieben.
Die zweite Linie, detailliert beschrieben von Nigel Pennick[3], wurde 1715 bewusst angelegt und enthält den Dom und das barocke Schloss Mannheim (dessen Straßenraster aus von einem Halbkreis umschlossenen Plätzen besteht). Sie beginnt an der Hauptachse der Stadt Karlsruhe (die kreisförmig angelegt ist und die Macht des absoluten Monarchen symbolisiert). Durch diese moderne Linie wurde das neue Schloss in Karlsruhe mit dem alten in Mannheim verbunden, wobei der Dom die Mitte bildet. Die erste Linie könnte ein Ley sein und bis in die Vorgeschichte oder zumindest in die frühchristliche Zeit zurückreichen. Da die Pfalz in vorkeltischer Zeit mit Menhiren übersät war und einige sogar bis später in der Nähe von Speyer erhalten blieben (beispielsweise der Heiligenstein), besteht die Möglichkeit, dass das Ley des Speyerer Doms auf ein megalithisches Ley zurückgeht und in Wirklichkeit eine weiterentwickelte Linie darstellt.
Zu den verschiedenen Punkten gehören:
- Speyerer Dom: Obwohl das heutige Gebäude erst aus dem 11. Jahrhundert stammt, galt der Ort schon viel länger als heilig. Speyer, von den Kelten Noviomagus und von den Römern Civitas Nemetum genannt, spielte in der Region stets eine wichtige Rolle. Die Römer errichteten an diesem Ort einen Tempel, der der keltischen Göttin Nantosvelta geweiht war.[4] Die erste christliche Kirche wurde im Jahr 360 n. Chr. erbaut[5]. Folglich gilt der Standort des Doms seit 2000 Jahren als heilig und war vermutlich schon vor dem Bau des römischen Tempels ein Ort der Anbetung. Östlich des Doms verläuft das Ley über den Rhein – der Legende nach sollen an dieser Stelle die toten deutschen Kaiser des Mittelalters mit ihrer Fähre den Fluss überquert haben.
- Straßenverlauf: Im Westen verbindet die mittelalterliche Stadtachse das Hauptportal des Doms mit dem …
- alten Stadttor, dem Altpörtl. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert. Diese Straße verläuft exakt auf der Ley-Achse. Speyer wurde 1689 von den Truppen Ludwigs XIV. fast vollständig zerstört. Daher lässt sich das genaue Alter dieser Straßenführung nicht bestimmen. Dennoch erscheint es logisch, das Stadttor und den Dom durch eine gerade Straße zu verbinden.
- Die Kirche von Dudenhofen.
- Die Kirche von Hanhofen.
- Der quadratische Burggraben des Schlosses Hanhofen (heute vollständig verschwunden). Der nördliche Graben des Burggrabens liegt exakt auf der Ley-Achse.
- Eine alte Straßenkreuzung: Ich kann das genaue Alter dieser Kreuzung nicht bestimmen, aber sie verläuft auf der Ley-Achse, und eine der Straßen ist als „Hohlweg“ markiert – dies sind in der Regel mindestens mittelalterliche Bauwerke.
- Der Berg Kalmit. Das ist der höchste Berg der Region. Mir sind keine Hinweise darauf bekannt, dass er jemals als heilig galt, doch angesichts der vielen verloren gegangenen historischen Aufzeichnungen kann eine solche Aussage nie als abschließend gelten. Obwohl Fester (1981) annimmt, dass „Kall“ ein vorindogermanisches Wort ist und Punkte auf Leys bezeichnet, leitet sich der Name Kalmit laut Christmann, dem Experten für Ortsnamen in der Pfalz, tatsächlich von einer Mischung aus dem deutschen Wort „kahl“ (kahl) und dem französischen „Mont“ (Berg) ab und beschreibt den Berg mit seinem felsigen Gipfel. Es gibt keine römischen Überreste auf dem Berg, obwohl in früheren Büchern über die Region einige erwähnt, aber nie bestätigt werden.
Ich weiß nicht, ob es sich hier um ein wiederentdecktes, echtes Ley handelt oder nur um einen Zufall. Die hohe Anzahl an Kirchen und die Ausrichtung des Doms und der Straße deuten jedoch darauf hin, dass sie sowohl alt als auch bewusst angelegt wurde. Die strikte Ost-West-Richtung der Ley-Linie bestätigt Paul Devereux’ Muster heiliger Berge in Großbritannien.
Neue Fakten
Der Artikel war damals knapp verfasst, deshalb sollen zunächst zu den erwähnten Punkten genauere Angaben gemacht werfen.
Der Dom zu Speyer, St. Maria und St. Stephan geweiht und fast ein Gebirge aus Buntsandstein, war der größte Kirchenbau der Welt und zu seiner Zeit auch das größte Bauwerk Europas.
Er wurde von zwei deutschen Kaisern erbaut, Konrad II. und Heinrich IV., und 1061 geweiht. Er stand symbolisch für den Tempel Salomos und sollte ein neues Jerusalem markieren. In seiner Krypta, der weltgrößten romanischen Krypta, ruhen elf Kaiser, Kaiserinnen und Könige. Die komplexe Baugeschichte kann in vielen Quellen nachgelesen werden, hier soll es nur um die geomantischen, also über das Gebäude hinausweisenden, Aspekte des Kaiserdoms gehen.
Denn zum einen spricht alles am Speyrer Dom in Zahlen: Das Mittelschiff ist 365 Fuß [109 m] lang, ein Fuß für jeden Tag des Jahres. Die Türme sind zweimal 50 Ellen hoch – 50 Tage vergingen zwischen Ostern und Pfingsten. Zwölf Säulen im Schiff symbolisieren die Monate des Jahres, die Stämme Israels sowie die zwölf Apostel, während die sieben Arkaden des Chores die Zahl der Schöpfungstage anzeigen. Vier sind Blendarkaden, drei tragen Fenster: So wird auch dem leseunkundigen Kirchenbesucher gezeigt, dass der dreifaltige Gott, der das Licht der Welt ist, aus den vier Elementen in sieben Tagen die Welt erschuf. Achteckig ist die Kuppel über der Vierung, denn acht ist die Zahl der Vollendung und der Unendlichkeit. Der Dom kann durch drei mächtige Portale betreten werden, die selbst wieder ein Symbol für die Dreifaltigkeit sind.
Die Drei (das Göttliche), die Vier (Elemente, Himmelsrichtungen und Jahreszeiten – es ist die Zahl des Irdischen) und die Sieben begegnen immer wieder – konkret oder im Grundriss als Dreieck oder Quadrat. So ist das nördliche Querschiff 77 Fuß breit, zweimal die 7 Tage der Schöpfung, die Gesamtlänge des Doms inklusive Chor und Vorhallte beträgt 444 römische Fuß [134 m], dreimal alles Irdische.[6]
Die Achse des Kirchenbaus ist mit größter Wahrscheinlichkeit nach bestimmten astronomischen Begebenheiten ausgerichtet worden. Der Grundstein wurde von Konrad II. gelegt, angeblich am selben Tag, an der er auch das Kloster Limburg in Bad Dürkheim gründete. Der Bau in seiner heutigen Form stammt aus dem Jahr 1080 und von seinem Nachfolger Heinrich.
Im Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte hat Erwin Reidinger in seinem Aufsatz „1027: Gründung des Speyerer Domes. Orientierung – Achsknick – Erzengel Michael“ vorgeschlagen, dass der Dom zunächst am 29. September 1027 geostet, also nach Osten orientiert wurde, während das Langhaus auf den Sonnenaufgang am 25. September ausgerichtet ist. Reidinger denkt, diese Abweichung käme daher, dass Kaiser Konrad II. nur am 29. September 1027 in Speyer sein konnte und es deshalb zu zwei Ausrichtungen kam. Generell ist ihm die Forschung bei dieser Annahme nicht gefolgt. Zudem haben mittelalterliche Kirchen oft einen Achsenknick zwischen Chor und Langhaus, um den zur Seite geneigten Kopf Christi am Kreuz abzubilden.[7]
Sicherlich ist aber, wie bei allen Kirchen, eine generelle Ausrichtung auf einer Ost-West-Linie anzunehmen.
Der Dom ist aber nicht nur in sich voller symbolischer Bezüge. Wissenschaftlich ist mittlerweile anerkannt, dass die Stadt Speyer mit dem Dombau in der salischen Kaiserzeit einer völlig neuen übergeordneten Konzeption unterzogen wurde. Galt Speyer ehedem als „Kuhdorf“, führte es nach dem Bau des Mariendoms die Bezeichnung metropolis germaniae, „Metropole Deutschlands“.
Bedeutsam ist dabei die Verlagerung der Hauptstraße der Stadt. Die römische West-Ost-Achse, die heutige Kleine Pfaffengasse, wurde zur Nebenstraße degradiert und durch eine neue Hauptachse ersetzt, die heutige Maximilianstraße, die genau auf der Achse des Doms liegt.
Diese Maximilianstraße als Triumphweg des Kaisers ist eine komplette Neuschöpfung der salischen Zeit, die alte römische Hauptstraße liegt mehrere hundert Meter südlich.
Speyer selbst erhielt damals, durch Straßenführung und Zug der Stadtmauer, die Form eines Dreiecks, das nach Osten (Jerusalem) zeigt. Der Mariendom bildet die Ostspitze, das Kloster St. Guido lag im Nordwesten (heute die Synagoge), das Allerheiligenstift im Südwesten.
Die Maximilianstraße teilt das Dreieck in zwei Hälften, Große Himmelsgasse und Kleine Pfaffengasse begleiten die Dreiecksseiten innerhalb der Stadtmauern.
Die Maximilianstraße erstreckte sich zur Zeit der salischen Stadtkonzeption weit ins Land hinein.[8] Das alles stützt meine Gedanken.
Zu den im ersten Artikel nur grob umrissenen einzelnen Punkten lässt sich ebenfalls einiges nachtragen: Die Markierungspunkte sind:
1. Das Heidentürmchen: Diese Befestigung der ehemaligen Stadtmauer von 1280 liegt auf der Verlängerung des Doms nach Osten. Da die Stadtmauer viele solcher Türme hatte, sollte dieser Punkt nicht überbewertet werden.
2. Der Dom – siehe oben.
3. Der Domnapf von 1490 steht genau vor der mittleren Westpforte des Doms. Die heutige Version fasst 1580 Liter, der Napf wird nach jeder Bischofswahl „für das gesamte Volk“ mit Wein gefüllt. Der erste Napf wurde 1294 errichtet, er bildet zugleich die Grenze zwischen Hochstift Speyer und Freier Reichsstadt Speyer.
4. Die Maximiliansstraße, die Via Triumphalis, die Triumphstraße, auf der der Kaiser zum Dom ritt. Sie wurde, wie gesagt, beim Bau des Doms neu angelegt, entspricht einer mythischen Stadtplankonzeption und ignoriert völlig alle früheren Straßenraster von Speyer. In salischer Zeit war sie zwischen 25 bis 50 Meter breit, sie ist 700 Metern lang. Auf ihr zogen die Kaiser an besonderen Festtagen mit großer Pracht in den Dom.
5. Das Altpörtel, 1176 erstmals urkundlich erwähnt, das heutige Bauwerk zwischen 1230 und 1250 erbaut, ist 55 m hoch und damit eines der höchsten Stadttore Deutschlands. Es ist von der Dompforte aus entlang der Linie der Maximilianstraße sichtbar.
Mit dem Altpörtl wird die mittelalterliche, ummauerte Stadt verlassen und damit die von Historikern anerkannte salische Konzeption.
6. Die Kirche von Dudenhofen:
Die katholische Kirche St. Gangolf stammt aus den Jahren 1769/70, der heutige Bau sogar erst von 1876–1877. Auf der topografischen Karte, die ich benutzt hatte, lag sie genau auf der Domachse. Doch diese Kirche ist nicht die ursprüngliche Pfarrkirche. Sie ersetzt einen älteren Kirchenbau, der in der Raiffeisenstraße 22 stand. Diese Kirche wurde 1392 erbaut und 1770 abgerissen. Das wäre knapp 20 Meter nördlich meiner ursprünglichen Kartenlinie.[9]
7. Die Kirche von Hanhofen:
Die katholische Kirche St. Martin, ein spätgotischer Bau, wurde 1760 abgebrochen, die heutige Kirche stammt von 1759–1776 und ist seltsamerweise nordsüdlich ausgerichtet. Der Platz wurde beibehalten. Die Linie schneidet sie im 90°-Winkel.[10]
8. Die Burg Marientraut:
Kurz darauf ist die Kartenlinie identisch mit dem Nordgraben der ehemaligen Burg Marientraut, die früher dem Bischof von Speyer gehörte. Der Graben umschließt die Wasserburg rechteckig, ihr Eingang liegt nach Süden.
August Becker schreibt:
„Von Dudenhofen westlich, hinter dem Walde, liegt Hanhofen, wo die gewaltige Zwingburg der Bischöfe, welche sie gegen die Speyerer Bürger richteten, stand. Sie hieß ‚Marientraut‘, wurde von den Bürgern erstürmt und dem Erdboden gleich gemacht, von den Bischöfen aber stets wieder erbaut, und ging zuletzt im Laufe der Zeit unter. Nach ihr hieß ein bischöflich speyerisches Unteramt ‚Marientraut‘, dessen Bauern im Bauernkriege treu, und später noch bei der Besetzung der Stadt (l716) stets die eifrigsten Unterthanen des Bischofs waren. Es sind auch heute noch eifrige Katholiken.“[11]
Somit sind die Dörfer Hanhofen und Dudenhofen mit ihren Kirchen wie auch die Burg Marientraut eindeutig Teil des Besitzes des Doms und nicht der Reichsstadt Speyer.
Die Wegekreuzung, die ich in meinem ersten Artikel erwähnte, finde ich nicht mehr (die topographische Karte ging in der Zwischenzeit verloren). Ich messe ihr keine große Beweiskraft zu.
9. Die Kalmit:
Die Kalmit ist mit einer Höhe von 673,64 m ü. der höchste Berg des Pfälzerwalds. Es handelt sich nicht um einen spitzen oder auffälligen Gipfel, doch ist er aus der Rheinebene gut zu erkennen und wäre zudem ein idealer Punkt, um territoriale wie spirituelle Ansprüche zu markieren.
Wie präzise ist diese Linie? Genaue Geodaten lassen sich heute auf Google Maps finden. Das erlaubt nun eine präzise Vermessung statt einer Bleistiftlinie auf der topographischen Karte.
- Heidentürmchen 49,31723
- Mariendom Speyer 49,31732
- Altpörtel 49,31755
- Sankt Gangolf, Dudenhofen, Neustadter Str. 10 49,31686
- St. Gangolf, Dudenhofen, ältere Kirche: 49,31758
- St. Martin, Hanhofen, Hauptstraße 27 49,31642
- Marientraut, Hanhofen 49,31589
- Kalmit 49,3196 (die Kalmit-Daten weichen auf Google Maps und Wikipedia-Eintrag beträchtlich voneinander ab)
Bei den Längengraden beträgt eine Sekunde in Deutschland bei 50° Breite ca. 20 Meter. Ziehen wir die niedrigste Sekundenzahl von der höchsten ab, so erhalten wir:
- 96 – 58 = 38 x 20 m = 760 m Abweichung über mehr als 20 Kilometer Gesamtlänge des vorgeschlagenen Leys.
Wer besser mit Rechnern umgehen kann, mag sehen, wie stark und in welchem Winkel die Linie an den einzelnen Punkten jeweils abknickt, ihre Präzision liegt aber wohl im Bereich dessen, was mit den damaligen Mitteln zu erreichen war. Bei den Römerstraßen, die ja auf Geradlinigkeit bedacht waren, rechnet man in England mit ¼ bis ½ Meile Abweichung auf 20 bis 30 Meilen, also 400 bis 800 Meter auf etwa 30 Kilometer.[12]
Es spricht wenig in den neu gefundenen Fakten gegen meine ursprüngliche Annahme. Die frühere Position der später versetzen Kirche von Dudenhofen liegt sogar näher an der Domachse als das spätere Gebäude.
Salische „Kirchenkreuze“
Wie steht es mit der Idee, dass mehrere Kirchen entlang einer Linie in salischer Zeit durchaus Tradition hatten?
„Solange christliche Kirchen gebaut werden“, bemerkt der Volkskundler Leopold Schmidt, „ist es üblich, sie auf symbolischen Grundrissen zu bauen.“[13] Dass Kirchen – zumindest bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts – in Kreuzform konstruiert wurden, wissen die meisten; die Ausrichtung der Kirche – der Chor zeigt gegen Osten (Sonnenaufgang, Heiliges Land), der Eingang gegen Westen – wissen oft nur noch Spezialisten, auch wenn das gebräuchliche Wort Orientierung (Ostung) von diesem Konzept stammt. Dass Kirchen in ihrem Grundriss vielerlei symbolische Botschaften übermitteln, erschließt sich häufig erst durch die Lektüre entsprechender Anleitungen.[14]
Imitiert der Kirchengrundriss das Kreuz, so entspricht er zugleich der Gestalt Jesu am Kreuz. Deshalb ist in gotischen Kirchen der Chor häufig nach Süden geneigt, um Christi erschöpftes Haupt bei der Kreuzigung darzustellen. Es fehlte nie an Versuchen, diese symbolischen Feinheuten rational zu erklären, indem sie auf die entsprechende Topographie zurückgeführt wurden.[15] Tatsächlich aber sind, wie Schmidt schreibt, „alle diese christlichen Kirchen, die auf einem symbolischen Grundriß stehen, […] Zeugnisse für eine Baugesinnung, die der Errichtung eines Bauwerks von vornherein einen tieferen Sinn, einen geistigen Inhalt zu geben bestrebt war. […] Gotteshäuser […] sind […] nicht nur nach praktischen Erwägungen, sondern mindestens ebensosehr nach glaubensmäßigen Gesichtspunkten gebaut worden.“[16]
Mit anderen Worten: Geomantische Beweggründe waren entscheidend bei der Wahl des Standortes und der Gestaltung von Kirchen. So bedeutet der Weg durch das Langhaus zum Chor und Altar die Bewegung des Einzelnen auf Gott zu, die Eingangshalle im Westen der Kirche nennt sich Paradies, der achteckige Leuchter an der Kirchenecke entspricht der Beschreibung des Himmlischen Jerusalem, wie sie in der Bibel festgehalten ist.[17]
Der gewaltige Dom von Speyer entspricht, wie bereits angeführt, diesen Maßgaben. Aus der Vorstellung, die Kirche symbolisiere gleichzeitig das Kreuz und den Gekreuzigten – dessen „Leib“ ja die Gemeinde ist –, hat sich in der romanischen Baukunst zur Zeit der ottonischen und salischen Kaiser in Deutschland ein geomantisch zu nennendes Konzept entwickelt. Unbestreitbar ist nämlich, dass in der ottonischen und salischen Kaiserzeit Liniensysteme geplant und umgesetzt wurden, die der klassischen Definition von Leys entsprechen.
Schon in der frühmittelalterlichen Zeit wurden Kirchen nicht wahllos in der Stadt verteilt. In Konstanz schufen die Bischöfe Konrad (934–975) und Gebhard (979–995) zahlreiche Kirchenneubauten (St. Paul, St. Johann, St. Mauritius und die Spitalkirche), die die bereits bestehenden Kirchen (Marienmünster, St. Stephan und St. Laurentius) zu einer „Kirchenfamilie nach dem Vorbild der stadtrömischen Patriarchalkirchen“ ergänzten[18] – fünf dieser Kirchen bilden eine gerade Linie, die Konstanz von Nord nach Süd durchquert.
Sobald das Konzept entstanden war, nicht nur dem Grundriss der Kirche, sondern auch der Anordnung der Sakralbauten innerhalb der Siedlung Bedeutung zu verleihen, entstanden die vielleicht schönsten geomantischen Anlagen Mitteleuropas: die Kirchen- und Kathedralenkreuze. Darunter ist die Anordnung von vier geringeren Kirchen um einen Dom zu verstehen, so dass jede dieser Kirchen in einer der Haupthimmelsrichtungen liegt, mit dem Dom im Zentrum. Damit werden Hauptschiff und Querschiff der Kathedrale, die die Arme des Kreuzes sind, bis in jeden Winkel der Stadt, in jedes seiner „Viertel“ ausgebreitet.



Solche Kirchenkreuze sind in Goslar, Köln, Paderborn, Bamberg, Utrecht in den Niederlanden, Mainz, Würzburg, (vermutlich) Zürich, Worms und Speyer bekannt, von dessen Ost-West-Linie hier ja die Rede ist.[19]
Aus Bamberg liegen sogar zeitgenössische Beschreibungen vor, die belegen, dass das Muster absichtlich in den Stadtgrundriss gelegt wurde[20] – hier bereits in ottonischer Zeit. In Bamberg liegt der Dom auf der Westlinie, der Schnittpunkt der Kreuzlinien ist in der Stadt nicht markiert:
„Wie es in der Beschreibung des Gottfried von Viterbo heißt, verbindet der Querarm des Kreuzes das Stift St. Stephan (1009) mit dem Kloster St. Michael (1015); senkrecht dazu wird das Stift St. Jakob (1071) mit dem Stift St. Gangolf (1060) in der Theuerstadt verbunden und damit die weltliche Stadt jenseits der Regnitz mit einbezogen. Unbeachtet blieb bisher, daß die alte Martinskirche (erste Erwähnung 1194) nahezu auf dem senkrechten Kreuzbalken lag und ihre Orientierung etwa dessen Richtung entsprach. Es fällt auf, daß das ursprüngliche Zisterzienserinnen- und spätere Karmelitenkloster (Spital vor 1139, Kirche 1177) und die ehemalige Benediktinerprobstei St. Getreu (gegr.1123/24) beiderseits von St. Jakob auf einem zweiten [und parallelen, Anm. UM] Querbalken liegen, wodurch ein Doppelkreuz entsteht. Dies mag Zufall sein, denn sonst hätte es Gottfried von Viterbo wohl mitgeteilt.“[21]
In Goslar, wo eine der salischen Königspfalzen stand, gruppieren sich um die Marktkirche die romanischen, im Barock umgebauten Kirchen St. Jakob, St. Peter und Paul, St. Stephani sowie die im 18. Jahrhunderts abgerissene Kirche St. Thomas. „Im Stadtgrundriß ergeben die Verbindungslinien aller Pfarrkirchen ein lateinisches Kreuz, bei dem die Marktkirche den Schnittpunkt beider Linien bildet. Es wird angenommen, daß die ottonische Stadtbaukunst dadurch das Bild einer sakralen Landschaft gestalten wollte.“[22]
In Utrecht sind Anlass und Architekt des Kirchenkreuzes bekannt. Der salische Kaiser Heinrich III., zweiter Erbauer des Doms zu Speyer, ließ Bischof Bernold (1027–1054) das Kirchenkreuz in den Stadtgrundriss einplanen, um so seinen Vater Konrad II., den Gründer des Speyrer Doms, zu ehren, der 1039 gestorben war. Sein Körper wurde in der Krypta des Doms zu Speyer, sei Herz im Dom von Utrecht eigesetzt. Das Kirchenkreuz besteht aus St. Peter im Oster, St, Johannes im Norden, St. Paul im Süden und St. Marien im Westen. Die imaginären Linien schneiden sich an der Vierung des Utrechter Doms St. Martin – an der Stelle, an der das Herz Kaiser Konrads II. ruht.[23]
Vom Utrechter Dom haben nur der gotische Chor und der gewaltige Westturm überlebt, von St. Marien bloß der schöne romanische Kreuzgang, der zu einem Park umgestaltet wurde. Beide Kirchen wurden – und werden – durch eine enge, kerzengerade Straße verbunden. Andere Linien dieses Kathedralenkreuzes sind als Gassen in der Stadt noch gut zu erkennen.
In Köln wurden mehrere weitere Kirchen in der Domachse errichtet. Dazu schreibt Goettert:
„Im elften Jahrhundert wurde die Stiftskirche S. Mariagraden östlich des Doms genau in dessen Achse errichtet. Hans Vogts hat darauf hingewiesen, daß eine Kirche in der Ostachse des Doms zu Mainz den gleichen Namen führte. Ferner hat Karl Koch geschrieben, daß in Rom „oberhalb der Freitreppe von St. Peter“ eine Kirche S. Maria ad gradus liege, die „bei den mittelalterlichen Kaiserkrönungen eine Rolle“ spielte, und daß diese Verhältnisse in Köln nachgeahmt worden seien, um „im allgemeinen Wettrennen um die kultgeographische Nachnahmung Roms nun auch hier die Hauptstadt der Christenheit zu imitieren“.
Die Rekonstruktion des Stadtgrundrisses des 18. Jahrhunderts läßt auf weiter ausgreifende Zusammenhänge im Mittelalter schließen. Vom Rheinufer bis zum höchsten Punkt der Stadt an der Römergasse waren bedeutende Bauten in der Achse des Doms aufgereiht. Ein Werk der Stadtbaukunst wird faßbar, das sich über mehr als 1800′ [540 m] erstreckte und auf einem ungefähr 43′ ansteigenden Gelände stand.“[24]
Fazit
Dass die Kirchen in der Umgebung von Speyer in ihrer Lage auf den Dom ausgerichtet sind, auf einer Ost-West-Achse, die auf die Kalmit weist, halte ich nach wie vor für sehr wahrscheinlich. Es fehlen leider zeitgenössische Dokumente, die eine solche Absicht eindeutig belegen, und so bleiben immer eine Unsicherheit und viel Raum für Zweifel. Die Tatsache, dass die Maximilianstraße ausdrücklich als Fortsetzung des Doms nach Westen konzipiert wurde, und dass die nach Speyerer Vorbild erstellte Stadt Utrecht noch heute ein sichtbares Kirchenkreuz aufweist, plädieren im Übrigen dafür, dass auch in Speyer – wie in zahlreichen weiteren Bischofsstädten der Zeit – die Stadt symbolisch geplant wurde.
Das Ley von Speyer steht auch in einem dichten Geflecht aus damaligen geomantischen und herrschaftlichen Traditionen, stellt also keine Sensation im luftleeren Raum dar. Das einzig Neue, was das Ley von Speyer erforderte, war die Verlängerung einer Linie von Kirchen aus den Stadtmauern heraus in die umgebende Landschaft. Dass mehr als drei Kirchen auf einer der Kreuzlinien stehen konnten, belegen die Beispiele Konstanz, Köln und Bamberg. Die jeweiligen Abweichungen von der Ideallinie sind für die Zeit der Anlage wohl vernachlässigbar.
Die Nord-Süd-Linie Mannheim-Speyer-Karlsruhe halte ich hingegen heute als für die mittelalterliche sakrale Landschaft irrelevant. Ich vertrete sie heute nicht mehr, stammen die Markierungspunkte doch aus sehr unterschiedlichen Zeiten. Eine barocke Landschaftsspielerei wäre jedoch möglich (immerhin verbindet die Achse von Schloss und Park Schwetzingen den Heidelberger Berg Königstuhl mit der Kalmit – und das ist belegte Absicht).
Abschließend: Das Ley von Speyer ist definitiv keine erwiesene Tatsache, meiner Ansicht nach aber auch keine reine Träumerei. Generell spricht mehr für als gegen meine damalige Annahme. Da der Dom von Speyer seinen Gründern als neuer Erdmittelpunkt galt, wäre eine solche Konzeption in die Landschaft hinein nicht unerwartet. Es sollte betont werden, dass es sich bei dem Ley – falls es Absicht war – um ein ganz und gar mittelalterliches und christliches Konzept handelt; es gibt keinen Hinweis auf heidnische Bräuche oder moderne Erdstrahlen.
Literatur
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Fichtl, F. 1985: Der Teufel sitzt im Chorgestühl. Verlag am Eschbach, Eschbach.
Goettert, K. 1960: Mittelalterliche Bauten in der Achse des Doms. Kölner Domblatt 18/19, 139–150.
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Pennick, N. / Devereux, P. 1989: Lines on the Landscape: Ley Lines and Other Linear Enigmas. Robert Hale, London.
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Schwitalla, H. 2021: Ley-Linien – auf magischen Pfaden vom Speyerer Dom zur Kalmit. Wochenblatt, 24.01.2021.
Sullivan, D. 1999: Ley Lines: A Comprehensive Guide to Alignments. Piatkus, London.
Thiebes, B. 1993: Kleines Dombuch. Pilger, Speyer.
Tichy, F. 1994: Bamberg – Die ottonische Stadt und das Vorbild Rom. Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 41, 345–358.
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Weinfurter, S. 1991: Herrschaft und Reich der Salier. Jan Thorbeke, Sigmaringen.
[1] Magin 1989; ders. 1990.
[2] Vgl. Luczyn 1991, 116; Sullivan 1999, 213; Schwitalla 2021.
[3] Pennick 1987, 20.
[4] Pfälzer Heimat 1950, 106.
[5] Klimm 1966, 3.
[6] Nomaden auf dem Kaiserthron, Teil 3, Sendung auf Südwest 3, 21. März 1992. In modernen Maßeinheiten findet man alle Angaben hier. Vgl. auch Thiebes 1993, 13–15; Müller 1985.
[7] Reidinger 2011.
[8] Schautafeln im Archäologischen Schaufenster Speyer, Gilgenstr. 13, 67346 Speyer (Stand April 2026).
[9] Dellwing/Mertzenich 1989, 130.
[10] Dellwing/Mertzenich 1989, 142.
[11] Becker 1858, 160.
[12] Pennick 1987, 2; Pennick/Devereux 189, 35, 107.
[13] Schmidt 1966, 74.
[14] Fichtl 1985.
[15] Schmidt 1966, 75.
[16] Schmidt 1966, 75.
[17] Fichtl 1985, 47.
[18] Oexle 1985, 451; vgl. auch Tichy 1994, 348, 350 (Stadtplan).
[19] Weinfurter 1991, 60.
[20] Gottfried von Viterbo schreibt 1191 über Bamberg: „Die Siedlung in ihrer Gesamtheit symbolisiert ein Kreuz: Am Schnittpunkt seiner Arme der Petersdom, zur Rechten Stift St. Stephan, zur Linken Kloster Michelsberg, an seiner Spitze Stift St. Jakob, an seinem Fuß (jenseits des rechten Regnitzarmes in der Theuerstadt) St. Marien- (bekannter als St. Gangolf-) Stift“ (nach Tichy 1994, 345). Der Dom liegt allerdings nicht im Schnittpunkt der Linien.
[21] Tichy 1994, 351; Stadtplan, 346.
[22] Verein für Fremdenverkehr 1989, 25.
[23] Kerken Kijken Utrecht 1993.
[24] Goettert 1960, 24.
Ulrich Magin lebt nahe Bonn und ist Autor zahlreicher Sachbücher, darunter „Geheimwissenschaft Geomantie: Der Glaube an die magischen Kräfte der Erde“ (1996) und „Versunkene Orte in Deutschland“ (2026).
Siehe auch:
Vom Ley zur Leylinie: Die Entwicklung eines alternativen archäologischen Konzepts
Stonehenge – Ein prähistorisches Observatorium?
Die fliegenden Leichen von Ragnit











