Die kaum beachteten Pyramiden von Izamal

Die Pyramidenplattform Kinich Kak Mo von Süden (HJPD, CC BY-SA 3.0 / Wikimedia)

Die mittelamerikanische Maya-Kultur erfreut sich vor allem in der populären Darstellung bis heute sehr großer Beliebtheit. Die gewaltigen Pyramiden, ihre rätselhafte Hieroglyphenschrift und die brutalen Menschenopfer, all das scheint eine gewaltige Faszination auf den modernen Menschen auszuüben und so nimmt es kein Wunder, dass auch die Popkultur sich mit Romanen und Filmen immer wieder dieser Motive annimmt.           
Tatsächlich tauchen in den hübschen Bildbänden, die im Buchhandel ausliegen, oder den Prospekten im Reisebüro immer wieder die gleichen Denkmäler auf: Die Pyramiden von Tikal in Guatemala, die karibische Küstenfestung von Tulumund natürlich die berühmte Kukulkan-Pyramide von Chichen-Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán wären hier zuerst zu nennen.

Abb. 1: Die Kukulkan-Pyramide von Chichen-Itza gehört zu den Highlights einer jeden Reise nach Yucatán (Foto: André Kramer)

Auch in der Literatur der alternativen Archäologie und hier vor allem der Prä-Astronautik spielen die Hinterlassenschaften der Maya eine große Rolle. Nicht umsonst ziert die Grabplatte des Maya-Fürsten Pacal von Palenque bereits das Cover von Erich von Dänikens Erstlingswerk Erinnerungen an die Zukunft. Schließlich weckte das Relief auf der Grabplatte bereits damals die Assoziation, hier sei ein Außerirdischer in seinem fliegenden Vehikel dargestellt.[1]

Umso erstaunlicher ist es, dass „eine der größten Pyramiden des nördlichen Tieflandes“[2]in der Literatur der Prä-Astronautik keinerlei Rolle spielt und sogar gänzlich unbekannt zu sein scheint.

2018 verschlug es meine ReisebegleiterInnen und mich auf unserer Rundreise durch Yucatán mit unserem Mietwagen auch in die Kleinstadt Izamal. Angepriesen vom Reiseführer als nette Kleinstadt im Kolonialstil, merkten wir schnell, dass der Massentourismus hier noch nicht angekommen ist. Mit Ausnahme einiger Rucksacktouristen waren Fremde hier eine Seltenheit.       
Dieser Umstand verwundert sehr, denn was Izamal zu bieten hat, ist weit mehr als die historische Fußnote, dass der frühere Bischof von Yucatán, Diego de Landa, hier residierte. Landa erlangte traurige Berühmtheit durch sein rigides Vorgehen bei der Vernichtung der Maya-Kulturerzeugnisse.  
1524 in Toledo geboren, trat er mit 16 den Franziskanern bei und schloss sich im Alter von 25 Jahren einer Mönchsgruppe um Fray Nicolás de Albalate an, dessen Auftrag es war, die Ordensbrüder auf Yucatán aufzustocken, damit die Missionierung der Einheimischen schneller vorangetrieben werden konnte.[3]   
Landas Eifer und Ehrgeiz führten schnell dazu, dass er zum Assistenten des Guardians im Kloster Izamal ernannt und bald darauf auch selbst zum Guardian gewählt wurde. Er zeigte sich hierbei mehr als nur gewillt, die Missionierung der Indigenen voranzutreiben und deren heidnischen Teufelsglauben auszutreiben. Einer der traurigen Höhepunkte seines Schaffens war die Verbrennung aller ihm zugänglichen Maya-Handschriften. Er selbst hält hierzu fest:

Diese Leute (die Maya, Anmerk. A. Kramer) gebrauchten auch bestimmte Schriftzeichen oder Buchstaben, mit denen sie in ihren Büchern ihre alten Geschichten und ihre Wissenschaften aufschrieben, und durch sie, die Bilder und einige Zeichen an den Bildern verstanden sie ihre Angelegenheiten, machten sie anderen begreiflich und lehrten sie. Wir fanden bei ihnen eine große Zahl von Büchern mit diesen Buchstaben, und weil sie nichts enthielten, was von Aberglauben und den Täuschungen des Teufels frei wäre, verbrannten wir sie alle, was die Indios zutiefst bedauerten und beklagten.“[4]

Und Landa war sehr gründlich. So gründlich, dass uns heute lediglich noch vier Maya-Kodizes erhalten geblieben sind. Einer dieser Handschriften, der Dresdner Kodex, befindet sich heute in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden.

Abb. 2: Ausschnitt aus dem Dresdner Kodex, einer von vier verbliebenen Handschriften der Maya (Foto: André Kramer)

Sein fanatisches Vorgehen, das Foltern der Maya, ihre Zwangsumsiedlungen und die Vernichtung ihrer Kultur sorgte nicht bei allen Spanien für Begeisterung und so wurde er 1563 nach Spanien zurückberufen und auf die Anklagebank gesetzt, wo er allerdings einige Jahre später in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Nicht nur das, 1571 wurde er sogar zum vierten Bischoff von Yucatán ernannt.[5]
Ironischerweise ist Landa nicht nur einer der großen Vernichter der indigenen Kultur Yucatáns, sondern gleichzeitig tradierte er uns in seinem Bericht aus Yucatán auch unschätzbares Wissen über Land, Leute, Bauwerke und Kultur der Maya und über deren rätselhafte Schriftzeichen.          
So schildert er uns auch, dass das große Franziskaner-Konvent von Izamal, das Kloster San Antonio, das der Architekt Pater Juan de Mérida 1562 nach Maßgaben Landas erbaute[6], auf einer gewaltigen Pyramide errichtet wurde. Die Indios, so Landa, hätten ihn sehr bedrängt, hier ab 1549 das Kloster zu errichten.[7]   
Diese einstmals wahrlich gewaltige Pyramide war dem Gott Pa Hool Chac geweiht.[8] Pa Hool Chac, „Der schädelzertrümmernde Regengott“.[9]Die riesige Fläche, die den Innenhof des Klosters ausmacht, lässt erahnen, was für ein beeindruckendes Bauwerk hier einstmals stand.

Abb. 3: Das Kloster von Izamal steht auf den Resten einer riesigen Pyramidenplattform (Foto: André Kramer)

Ein Zufall ist es sicherlich nicht, dass die Spanier Izamal zu einer Kolonialstadt machten. Einstmals, so deutet sich an, könnte hier die größte Maya-Siedlung im nördlichen Yucatán während der klassischen Periode gelegen haben.[10] Erste Siedlungsspuren entstammen der vorklassischen Periode und mit der Klassik entwickelte Izamal sich zu einem mächtigen Maya-Königreich.
Überall in der Stadt deuten sich die Ruinen dieses ehemaligen Reichs an, darunter auch eine „riesige Pyramide“.[11]  Diese Pyramide ist dem „sonnengesichtigen Feuer-Arara“ gewidmet, dem Gott Kinich Kak Mo[12], und nimmt bei einem Volumen von 700 000 Kubikmetern eine Fläche von 8 000 Quadratmetern ein.[13]       
Durch die ausbleibenden Touristenströme gibt es hier keinen Ticketschalter und keine eigentliche Umzäunung. Eingezwängt zwischen Wohngebäude, steigt man eine monolithische Treppe die Pyramidenplattform hinauf. Diego de Landa beschreibt die Pyramide des Kinich Kak Mo wie folgt:

Hier in Izamal gibt es ein Gebäude, das bei den anderen steht und so hoch und schön ist, daß es Bewunderung erregt (…) Es hat zwanzig Treppenstufen, die alle über zwei gute Spannen hoch und breit sind, und sie mögen mehr als hundert Fuß lang sein. Diese Stufen bestehen aus sehr großen behauenen Steinen, obwohl sie nun schon unansehnlich und beschädigt sind, da so viel Zeit vergangen ist und sie dem Wasser ausgesetzt waren. Ringsum ist dann, wie es die runde Linie (einer Zeichnung von Landa, Anmerk. A. Kramer) veranschaulicht, eine sehr starke Mauer aus Quadersteinen errichtet, an der in ungefähr anderthalb Klafter Höhe eine Kranzleiste aus schönen Steinen herausragt, die um die ganze Mauer führt; und oberhalb dieser Steine setzt sich dann das Mauerwerk fort, bis es die gleiche Höhe wie der Platz erreicht, der nach der ersten Treppe kommt. Diesem Platz schließt sich eine weitere Treppe wie die erste an, die jedoch nicht so lang ist und auch nicht so viele Stufen hat, wobei das Mauerwerk immer weiter rundum hinaufreicht. Oberhalb von diesen Stufen kommt ein weiterer schöner und kleiner Platz, und auf ihm ist ziemlich nahe der Mauer ein sehr hoher Hügel errichtet, der eine Treppe an der Südseite hat, wohin die großen Treppen führen; und oben befindet sich eine schöne Kapelle aus sorgfältig behauenen Quadersteinen.“.[14]

Auf der ersten Plattform der gut 34 Meter hohen Pyramide angekommen, steht man auf einer weiten, baumbewachsenen Fläche. Diese Pyramide stammt aus klassischer Zeit. Auf ihr wurde dann in postklassischer Zeit eine weitere Pyramide aus zwölf Stufen mit abgerundeten Kanten errichtet.

Abb. 4: Aufstieg zur ersten Plattform von Kinich Kak Mo (Foto: André Kramer)
Abb. 5: Die Pyramide auf der Pyramide (Foto: André Kramer)

Laut Landa konnte Izamal ehemals 11 bis 12 Pyramidenplattformen aufbieten.[15] Einige weitere sind bis heute auf dem Stadtgebiet erhalten. Zu nennen ist hier zum Beispiel Kabul: Eine mit neun Metern Höhe nur mäßig große Pyramide, die vollends von Wohngebäuden eingerahmt ist und auf die wir nur über den Hinterhof einer kleinen Kunsthandwerkmanufaktur einen Blick erhaschen konnten.

Abb. 6: Kabul ist nur von einem Hinterhof aus leidlich einsehbar (Foto: André Kramer)

Was diese Pyramide interessant und bedeutsam macht, sind heute verschollene monumentale Stuckmasken, die einstmals an der Pyramide angebracht waren. Der berühmte Maya-Forscher Frederick Catherwood (1799–1854) hinterließ uns eine äußerst romantische Zeichnung dieser Pyramide mit einer dieser Masken. Allerdings scheint Ceram zu irren, wenn er angibt, dass es sich hierbei um die einzige Wiedergabe einer dieser verschollenen Masken handelt.[16] Im Kloster von Izamal entdeckten wir nämlich eben diese in Miniaturformat an einem kleinen Brunnen. Wann diese Kopien allerdings hier angebracht wurden, das konnte ich bisher nicht ermitteln.

Abb. 7: Links im Bild ist eine kleine Kopie der monumentalen Stuckmasken von Kabul im Kloster an Antonio in Izamal zu sehen (Foto: André Kramer)

Eine sehr sehenswerte Pyramide ist jene von Itzamatul, ebenfalls im Stadtgebiet von Izamal. Völlig frei begehbar, aber stark bewachsen, vermittelt sie noch im ehesten ein Gefühl davon, wie es den Wiederentdeckern der Maya-Bauwerke ergangen sein muss, als sie die alten Bauwerke erst von der Dschungelvegetation befreien mussten.

Das Ende von Izamal als Königsstadt der Maya scheint nach der Einwanderung der Itzá erfolgt zu sein. Dieses aus dem Norden stammende Maya-Volk gründete nicht nur Chichen-Itzá, sondern führte auch Krieg mit den etablierten Maya-Städten und eroberte Izamal.[17]    
Es bleibt erstaunlich, weshalb die spektakulären Pyramiden Izamals bis heute so wenig Erwähnung in der Literatur finden. Für mich gehören sie zu den Highlights meiner damaligen Reise nach Mexiko.

Abb. 8: Itzamatul, eine weitere der Pyramiden von Izamal (Foto: André Kramer)

Quellen

Ceram, C. W. 1957: Götter, Gräber und Gelehrte im Bild, Köln.

Däniken, E. von 19683: Erinnerungen an die Zukunft. Ungelöste Rätsel der Vergangenheit, Düsseldorf/Wien.

Fagan, B. M. 1979: Die vergrabene Sonne. Die Entdeckung der Indianer-Kulturen in Nord- und Südamerika, München,

Gunsenheimer, A, 2000: Zwischen Anpassung und Rebellion – Die Maya Gesellschaft in der Kolonialzeit (1546-1811). In: Grube, Nikolai (Hrsg.): Maya. Gottkönige im Regenwald, Köln.

Landa, D. de: Bericht aus Yucatán. Leipzig: Reclam 1990.

Lorenz, K. 2002: Die Grabplatte von Palenque. Mysteria3000. Alternative Archäologie & PaläoSETI-Forschung 3/2002. (gesichtet am 15.06.2022)

Otto, J. 2011: Die Maya Yucatáns. Gestern, heute, morgen, Langenweißbach.

Rätsch, C. 19983: Chactun. Die Götter der Maya. Quellentexte, Darstellung und Wörterbuch, München.

Schele, L. / Freidel, D. 1995: Die unbekannte Welt der Maya. Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt, Augsburg.

Schoen, C. 2017: Die Ruinenstädte der Maya. Ein Reiseführer zu den Mayastätten auf der Halbinsel Yucatán, in México und Guatemala. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Norderstedt.


[1] Vgl. Däniken 1968, 149 f.; eine konventionelle Deutung der Grabplatte findet sich bei Lorenz 2002.

[2] Vgl. Schele; Freidel 1995, 605.

[3] Vgl. Fagan 1979, 31.

[4] Landa 1990, 135.

[5] Vgl. Fagan 1979, 42 ff.

[6] Vgl. Gunsenheimer 2000, 292.

[7] Wie er gleich an zwei Stellen betont, vgl. Landa 1990, 18/140.

[8] Vgl. Schoen 2017, 71.

[9] Vgl. Rätsch 1998, 288.

[10] Vgl. Schoen 2017, 68.

[11] Vgl. Otto 2011, 113.

[12] Vgl. Rätsch 1998, 278.

[13] Vgl. Schoen 2017, 68.

[14] Landa 1990, 138 ff.

[15] Vgl. Landa 1990, 18.

[16] Vgl. Ceram 1957, 312.

[17] Vgl. Schele; Freidel 1995, 406.

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