Eternals und der Alte Orient

2021 erschien mit Eternals (Regie: Chloé Zhao) der mittlerweile 26. Film des Marvel Cinematic Universe. Nicht nur stellt dieser ein völlig neues Team von zehn Superhelden in den Mittelpunkt – mehr als alle anderen bisherigen Filme des Franchises thematisiert Eternals auch historische Stoffe. Besonders das antike Mesopotamien dient als Inspiration für Schauplätze und einen der Helden. Welche altorientalischen Elemente werden im Film verarbeitet – und wie korrekt sind sie dargestellt?

Handlung und Hintergrund

Der Film basiert auf der gleichnamigen Comicreihe, die 1976 von dem legendären Marvel-Autor Jack Kirby begründet wurde. Dieser war dazu maßgeblich von den prä-astronautischen Thesen Erich von Dänikens inspiriert worden – nicht umsonst wirbt das zweite Heft der ersten Serie auf dem Titelblatt mit dem Prädikat “More fantastic than Chariots of the Gods!” (“Fantastischer als Erinnerungen an die Zukunft!”).           
In grauer Vorzeit, so erfahren wir, erschufen die Celestials – eine Spezies riesiger Außerirdischer von gottgleichen Kräften – Planeten und intelligentes Leben überall im Kosmos, darunter auch die Erde und ihre Bewohner. Doch aus einer fehlerhaften Schöpfung entstanden die Deviants, eine Rasse zerstörerischer Raubtiere, die das Überleben der frühen Menschheit gefährdeten. Also schickte Arishem, der Anführer der Celestials, vor 7000 Jahren eine Gruppe von zehn unsterblichen Helden mit übernatürlichen Kräften auf die Erde, die Eternals, um die Deviants zu jagen und auszurotten. Seitdem leben diese unerkannt unter uns, inspirierten Mythen und Sagen und haben sich mehr oder weniger gut in der Menschheit akkulturiert. Doch nun, nicht lange nach den Ereignissen von Avengers: Endgame, erschüttert ein gewaltiges Erdbeben die Welt – und unerwartet kehren die vernichtet geglaubten Deviants zurück. Erstmals seit Jahrhunderten finden die Eternals wieder zusammen und müssen sich der neuen Bedrohung stellen – nichtsahnend, dass längst nicht mehr alles ist wie es scheint …

Während die hauptsächliche Handlung in der Gegenwart spielt, gibt es immer wieder längere Rückblicke in historische Epochen, in denen die Eternals bereits anwesend waren.         
All dies ist natürlich eine Science-Fiction-Geschichte, die zuerst der Unterhaltung dient. Ankerpunkt der Handlung sind die Figuren, ihre Entwicklungen und Beziehungen, nicht die Schauplätze, in denen sie agieren. Insofern wäre es auch unangemessen, von dem Film dogmatisch historische Korrektheit bis zur letzten Typologie der Gebrauchskeramik zu verlangen. Nicht zuletzt ist gerade bei frühen historischen Epochen auch unser Kenntnisstand viel zu lückenhaft, als dass eine Filmproduktion ohne ein gewisses Maß an kreativer Improvisation auskommen könnte.  
Dennoch bleibt es eine spannende Frage, wo sich die Filmschaffenden an historischen Fakten orientierten und wie korrekt die dargestellten Informationen sind. Obgleich der Film mit dem Indien des Gupta-Reiches 400 n. Chr., dem Fall von Tenochtitlan 1521 und dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima 1945 noch drei weitere historische Settings abbildet, beschränkt sich der vorliegende Artikel auf den am meisten thematisierten Kulturkreis: Das alte Mesopotamien.

Gilgamesh – Der erste Superheld

Gilgamesh (Don Lee) in Eternals / Statue vmtl. des Gilgameš aus dem Palast Sargons II. (Khorsabad, 713–706 v. Chr. – Louvre AO19862)

Mehrere der Eternals basieren auf mythologischen Figuren, die meist der griechischen Sagenwelt entlehnt sind, etwa Ikaris (Ikarus), Thena (Athena), Sersi (Kirke) und Phastos (Hephaestos). Seit Jahrtausenden auf der Erde und mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, haben die Taten der außerirdischen Helden schließlich zahlreiche Überlieferungen inspiriert. So verwundert es auch nicht, dass einer von ihnen direkt der Mythologie des alten Mesopotamiens entstammt: Gilgamesh. Gespielt von Don Lee, ist dieser der vielleicht stärkste der Eternals – ein mächtiges und zugleich herzensgutes Kraftpaket mit der Fähigkeit, Schläge von kosmischer Energie auszuteilen.    
Dabei tritt der Darsteller in große Fußstapfen: Der echte Gilgameš gilt als bekannteste Sagengestalt des Alten Orients und kann vielleicht als erster Superheld der Welt bezeichnet werden.   Erstmals ist der Name in Götterlisten der späten frühdynastischen Zeit (um 2500 v. Chr.)  belegt; offenbar wurde er bereits in dieser Zeit als Gottheit verehrt. Weit bekannter sind jedoch die sumerischen Gilgameš-Erzählungen, die wahrscheinlich vor allem im 21. Jh. v. Chr. entstanden, sowie vor allem das berühmte Gilgameš-Epos in akkadischer Sprache, das älteste erhaltene große Heldenepos der Menschheit.     
Gilgameš ist hier der König der sumerischen Stadt Uruk. Als Sohn des vergöttlichten Herrschers Lugalbanda (über den ebenfalls heroische Erzählungen existierten) und der Göttin Ninsumun ist er zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch: 11 Ellen (5,50 m) groß und den Menschen in allen Belangen überlegen, wenngleich ebenso sterblich wie diese. Zu Beginn des Epos ist Gilgameš ein denkbar schlechter Herrscher, der in seiner Arroganz die Bevölkerung von Uruk knechtet. Erst als die Klagen der Menschen bis zum Himmel dringen, beschließen die Götter einzugreifen: Die Muttergöttin Aruru erschafft aus Lehm einen ebenbürtigen Gegner für Gilgameš, den haarigen Wildmenschen Enkidu. Dieser lebt zunächst bei den Tieren in der Wildnis, wird jedoch kurz darauf von einem Fallensteller gefunden und in die Zivilisation eingeführt. Nunmehr zum Menschen geworden, tritt Enkidu dem zügellosen Gilgameš gegenüber und fordert ihn zum Kampf heraus. Da auch nach einem heftigen Kampf keiner den jeweils anderen besiegen kann, schließen die beiden schließlich Frieden und werden zu besten Freunden. Zusammen beschließen Gilgameš und Enkidu, Heldentaten zu vollbringen: Sie reisen bis zum weit entfernten Zedernwald (wahrscheinlich im Libanon), wo sie gegen den monströsen Wächter Humbaba kämpfen und diesen töten, um wertvolles Zedernholz zu erbeuten. Bei ihrer Rückkehr nach Uruk wird die Stadtgöttin Ištar auf Gilgameš aufmerksam und will ihn zu ihrem Gemahl machen – er jedoch lehnt ihre Avancen brüsk ab. Die verprellte Göttin veranlasst daraufhin, den mächtigen Himmelsstier nach Uruk zu schicken, auf dass er Gilgameš vernichte. In einem weiteren epischen Kampf gelingt es Gilgameš und Enkidu jedoch, den Himmelsstier zu töten. Dies aber erzürnt die Götter, die daraufhin beschließen, dass einer der beiden Helden sterben muss. Da der Sonnengott Šamaš zugunsten Gilgamešs interveniert, wird kurz darauf Enkidu von einer schweren Krankheit dahingerafft und verstirbt. 
Gilgameš, vom Tod seines geliebten Freundes erschüttert, stürzt daraufhin in eine tiefe Sinnkrise und hadert mit der eigenen Sterblichkeit. Er beschließt, bis zum Rande der Welt zu reisen, um den einzigen Menschen zu finden, der je das ewige Leben erreichte. Nach einer abenteuerlichen Reise durch unterirdische Tunnel und über das Meer des Todes erreicht er schließlich die jenseitige Insel, auf der Uta-napištim lebt. Dieser ist der Held der Sintflut, gewissermaßen der mesopotamische Noah, der für die Rettung der Menschheit in seiner Arche mit dem ewigen Leben belohnt wurde. Er jedoch eröffnet Gilgameš, dass dieser die Unsterblichkeit niemals erreichen wird. Auch der Versuch, ein Kraut der Verjüngung zu erlangen, misslingt, denn nachdem Gilgameš es aus den Tiefen des Meeres emporgeholt hat, wird es in einem unbeobachteten Moment von einer Schlange gefressen. Der ernüchterte Gilgameš – immer noch sterblich, aber nun moralisch geläutert – kehrt in seine Heimat zurück und sieht ein, dass seine Unsterblichkeit allein in seinen großen Taten und der von ihm errichteten Stadtmauer von Uruk besteht.

Wie sein mythologisches Vorbild ist auch der Film-Gilgamesh ein mächtiger Kämpfer, der es gerne und erfolgreich mit gefährlichen Ungeheuern aufnimmt. Davon abgesehen hat er mit jenem nicht mehr gemein als den Namen. Weder Herkunft, Erscheinung noch Fähigkeiten haben eine Grundlage in den antiken Quellen. Die mythischen Gilgameš-Geschichten mögen in der Logik des Marvel-Universums auf den uralten Eternal zurückgehen, werden selber jedoch nicht aufgegriffen. Sogar das zentrale Motiv des Gilgameš-Epos – die vergebliche Suche nach dem ewigen Leben – wird im Film auf den Kopf gestellt: Der Eternal Gilgamesh ist von Natur aus unsterblich und lebt ganze 7000 Jahre auf Erden.   
Nur an einer Stelle des Films wird eine Episode des Epos auf recht verunglückte Art und Weise aufgegriffen: Der vor dem Tor Babylons stattfindende Kampf gegen einen Deviant, der hier den Namen Enkidu trägt[1], wird von der Eternal-Kollegin Sprite zum heroischen Mythos umstilisiert und damit vermeintlich die Grundlage für die originale Erzählung geschaffen. Doch diese Erklärung hat einen Haken: Der Kampf ereignet sich 575 v. Chr. – die Geschichte von Gilgameš und Enkidu aber ist bereits mehr als tausend Jahre früher auf Tontafeln der altbabylonischen Zeit überliefert. Die Chronologie also funktioniert nicht, zumal das Ereignis denkbar wenig mit der mythologischen Figur des Enkidu zu tun hat.         
Es bleibt also das relativ ernüchternde Fazit, dass Gilgamesh im Film nur als Schablone für einen starken antiken Helden verwendet wird. Jede Beziehung zum mythischen Gilgameš, dessen Überlieferung der außerirdische Heros im Rahmen dieses Universums inspiriert haben muss, müssen wir uns zwischen den Zeilen dazudenken. Und anders als in der Comicvorlage, wo Gilgamesh alias “The Forgotten One” noch verschiedenste Abenteuer in der Weltgeschichte erlebt und zeitweilig sogar Mitglied der Avengers wird, dürfte für das MCU auch in Zukunft nichts weiter von der Figur Gilgamesh zu erwarten sein.

Mesopotamien 5000 v. Chr.

Der Film beginnt mit der Ankunft der Eternals auf der Erde. Nach einer kurzen Szene an Bord des Raumschiffes Domo sehen wir eine stürmische Meeresküste: Tiefblaues Wasser brandet an einen felsigen Strand, landeinwärts erstrecken sich Berge und schwarzgraue Wüste bis zum Horizont. “5000 BC – Mesopotamia” wird die Szene durch die Untertiel identifiziert. An Land haust eine Gruppe von Steinzeitmenschen in einfachen Zelten inmitten der Einöde, man lebt von Kleinviehhaltung und Fischfang. Ausgestattet nur mit Holzspeeren und Feuersteindolchen, sind die Menschen völlig überrumpelt vom Angriff der schrecklichen Deviants – eine erste Gelegenheit für unsere Eternals, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und Monster zu jagen. Doch ist die Darstellung dieser Zeitepoche historisch korrekt?

Verbreitung und Fundstätten der Obed-Kultur ca. 5900–4300 v. Chr. (NordNordWest CC BY-SA 3.0)

Die Szene wurde auf der Kanareninsel Fuerteventura gedreht[2], mit ihren Wüsten aus Vulkangestein eine mehr als würdige Kulisse für den epischen Einstieg. Mit Mesopotamien, d.h. dem heutigen Irak, hat die Landschaft dagegen recht wenig zu tun. 
Als Mesopotamien bezeichnet man das Land zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, das sich im heutigen Syrien und Irak erstreckt. Demnach müsste das gezeigte Meer der Persische Golf sein. Die Region jedoch hat eine gänzlich andere Geographie als im Film gezeigt: Steiniges Bergland gibt es hier nicht, stattdessen prägten ausgedehnte Marschen die Mündungsregion der zwei Flüsse.        
Um 5000 v. Chr. wurde die Region Südmesopotamiens, das spätere Sumer, von den Menschen der sogenannten Obed-Kultur (genauer: der Obed 1- oder Eridu-Phase) besiedelt. Diese betrieb bereits Ackerbau und lebte in größeren Siedlungen, die sich zunehmend zu den ersten Städten entwickelten. Keramik, Häuser und künstliche Bewässerung waren bereits bekannt, es entstanden erste Monumentalbauten. Es ist die Zeit, als die Grundlagen für die spätere Zivilisation der Sumerer gelegt wurden. An Landwirtschaft wäre aber in der kargen Vulkanwüste, die der Film uns als “Mesopotamien” präsentiert, nicht zu denken gewesen.         
Stattdessen zeigt der Film generische Steinzeitmenschen, die als Jäger-Sammler und Viehnomaden ihr bescheidenes Dasein fristen. Damit hätte die Szene an vielen Orten spielen können, aber nicht im Südmesopotamien der Obed-Zeit – ein falscher Naturraum geht mit einer falschen Lebensweise Hand in Hand.

Fischer in den irakischen Marschen nahe Basra (Wikimedia Commons) – ähnlich dürfte die Landschaft Südmesopotamiens auch vor 7000 Jahren ausgesehen haben

Doch einen Lichtblick gibt es – in Form zweier einfacher Fischer, die schon nach wenigen Augenblicken zum Ziel einer Deviant-Attacke werden. Adda! (“Vater!”) ruft der Junge seinem Vater zu. Kaša! (“Lauf!”) ruft der Vater zurück, dann wird er vom Monster gefressen. Auch ohne einen komplexeren Satzbau ist das bereits ein korrekter Dialog auf Sumerisch. Dass die Menschen der Obed-Kultur bereits Sumerisch oder einen verwandten Dialekt sprachen, ist zwar nicht gesichert (die ersten Schriftzeugnisse mit identifizierbarer Sprache treten erst zweitausend Jahre später in der Region auf), aber durchaus denkbar. Für einen Film ist es auf jeden Fall die naheliegendste Möglichkeit und daher absolut legitim.

Der Dolch

Nachdem die Deviants an der mesopotamischen Küste besiegt sind, treten die Eternals – nun erstmalig in voller Besetzung – den Menschen gegenüber. Die Eternal Sersi zeigt ihre Zuneigung, indem sie den einfachen Feuersteindolch, den der kleine Junge zuvor verloren hatte, mit ihren Kräften in einen kunstvollen Dolch aus Gold verwandelt und dem Kind zurückgibt.
In der Gegenwart erkennt Sersi denselben Dolch schließlich auf einer Werbetafel wieder, die für die Ausstellung Artifacts that shaped human history im Natural History Museum von London wirbt. Ein letztes Mal sehen wir den Dolch im Abspann des Filmes im Museum liegen.       

Dolch aus Grab PG 580. Replik im British Museum, Original im Iraq Museum Bagdad (Foto LI).

Der gezeigte Dolch hat ein ganz klares reales Vorbild: In den sumerischen Königsgräbern von Ur, die um 2600–2500 v. Chr. (Frühdynastisch III) angelegt wurden, entdeckte man neben anderen Waffen aus Edelmetall wie Äxten und Speerspitzen mehrere Dolche aus reinem Gold, die dem Film-Dolch zum Verwechseln ähnlich sehen. Ein goldener Dolch aus Grab PG 1618 (BM 122701) sowie die Replik eines zweiten aus PG 580 (s.o.) befinden sich heute in der Tat im British Museum in London. Zwar ist der im Film gezeigte keine exakte Replik, folgt aber klar demselben Design wie die historischen Dolche.      
Für den Film eröffnet dies faszinierende Spekulationen: Wenn wir dort denselben Fundort annehmen, muss der Dolch nach seiner Erschaffung um 5000 v. Chr. über zwei Jahrtausende von den Menschen verwahrt und weitergegeben worden sein, bis man ihn Mitte des 3. Jt. einem sumerischen Herrscher mit ins Grab gab. Genau diesen Eindruck einer langen Überlieferungsgeschichte suggeriert das Wiederauftauchen des Dolches im modernen Museum – ein großartiges Easteregg für Insider.

Babylon 575 v. Chr.

Ca. 10 Minuten des Films (~ Min. 20–30) spielen im antiken Babylon um 575 v. Chr. Dies entspricht dem Neubabylonischen Reich zur Zeit Nebukadnezars II. Wir beobachten die Eternals, wie sie vor dem Stadttor Babylons gegen mehrere Deviants kämpfen. Danach sehen wir die Stadt von oben und begleiten die Helden in ihre Residenz; es folgen charakterbildende Szenen im Raumschiff und auf einem Fest unter Anwesenheit von Babyloniern. Die nächste Szene zeigt Sersi, die die Landbevölkerung außerhalb der Stadt bei der Feldarbeit unterstützt, bevor sie und Ikaris sich im nahegelegenen Bergland ihre Liebe gestehen und eine romantische Nacht verbringen. Wie historisch aber sind die Darstellung von Babylon, seinem Umland und seiner Kultur?

Die Umgebung. Nach dem Kampf zwischen Eternals und Deviants präsentiert der Film Babylon aus der Vogelperspektive; die Totale ermöglicht einen guten Eindruck über die Stadt.
Wir sehen Babylon in einer Gegend, die einem Flusstal gleicht – neben der Stadt der Fluss, zu beiden Seiten aufragend schroffes Bergland.          
Doch es ist derselbe Fehler wie bereits viereinhalbtausend Jahre zuvor: Südmesopotamien ist eine endlose flache Ebene. Berg und Stein sucht man hier vergebens; die nächstgelegenen Berge sind mehr als 200 Kilometer entfernt. Die einzigen Erhebungen bilden die künstlich aufgetürmten Siedlungshügel der Städte (sog. Tells) und ihre hoch aufragenden Stufentempel (Zikkurats). Die im Film dargestellte Geographie erinnert eher an ein Land wie Israel, das von Bergland gekennzeichnet ist – die mesopotamische Alluvialebene des Südirak dagegen besteht aus angeschwemmtem Sediment ohne weitere Verwerfungen.      

Blick auf Babylon heute, rekonstruierte Gebäude und im Hintergrund ein Siedlungshügel (Wikimedia Commons)

Auch macht Eternals denselben Fehler wie fast alle Fantasy- und Historienfilme und zeigt eine Stadt nebst einer Handvoll Hütten inmitten unbewohnter Einöde. In der Draufsicht sieht man nahezu keine Landwirtschaft, von der die hunderttausend Einwohner der Stadt hätten leben können. Tatsächlich muss man sich das Umland außerhalb der Stadtmauern als weites Netzwerk von Feldern, Bewässerungskanälen und Weidegründen vorstellen, das weit über den einzelnen im Film gezeigten Acker hinausgeht.

Das Tor. Der Kampf zwischen Eternals und Deviants findet vor dem wohl bekanntesten (erhaltenen) Wahrzeichen Babylons statt: Einem Stadttor aus blau glasierten Ziegeln, verziert mit goldenen Abbildungen von Tieren und Mischwesen. Da direkt dahinter die Prozessionsstraße zu den Monumentalbauten der Stadt anschließt, ist damit wohl in der Tat das berühmte Ištar-Tor und nicht eines der anderen Stadttore gemeint.     
Bekannt ist das Ištar-Tor heute vor allem durch die monumentale Rekonstruktion im Berliner Pergamon-Museum, die 1927–1930 aus von Robert Koldewey ausgegrabenen Fragmenten der originalen Torreliefs und nachgeformten Ziegeln errichtet wurde.

Rekonstruktion des Ištar-Tores mit originalen Reliefs im Pergamonmuseum Berlin (Foto LI)

Das Tor im Film wurde mit großer Liebe zum Detail in Originalgröße am Drehort auf den Kanaren nachgebaut.[3] Die Muster orientieren sich klar am Original (bzw. der Berliner Rekonstruktion), weisen jedoch auch kleinere kleinere Abweichungen auf. So finden sich auf dem originalen Tor Reliefs von Drachen (sog. Mušḫuššu), Stieren und Löwen am Prozessionsweg, zu denen im Film noch geflügelte Stiere hinzugefügt werden. Ebenfalls mehrmals zu sehen ist ein Doppelrelief, das einen geflügelten Gott im Kampf mit einem geflügelten Ungeheuer zeigt. Diese Szene hat durchaus einen mesopotamischen Hintergrund, jedoch nicht in Babylon: Vorbild ist das berühmte Relief aus dem Ninurta-Tempel der assyrischen Residenzstadt Nimrud, das den Gott Ninurta im Kampf mit dem Anzu-Vogel zeigt (in der Vergangenheit auch fälschlich als Kampf zwischen dem babylonischen Gott Marduk und der Urgottheit Tiamat gedeutet). Übertragen auf den Film, könnte die Szene auch den Kampf der Eternals mit den Deviants illustrieren. Obwohl nicht archäologisch korrekt, ist die Einbettung hier also in gewisser Weise passend.

Ninurta bekämpft den Anzu-Vogel. Relief aus dem Ninurta-Tempel von Nimrud, Umzeichnung von Faucher-Gudin, 1853)

Zu beiden Seiten des Tores befinden sich im Film Statuen menschenköpfiger Stiere mit Flügeln. Diese sogenannten Aladlammu (auch als Lamassu bekannt) stehen in der heutigen Rezeption geradezu emblematisch für das antike Mesopotamien. Als einstige Torwächter der assyrischen Paläste von Nimrud (Kalḫu), Khorsabad (Dūr Šarrukīn) und Ninive gehören sie heute zu den Prunkstücken der altorientalischen Sammlungen im Louvre, British Museum und anderen altorientalischen Sammlungen. In Babylon dagegen gab es diese Statuen tatsächlich nicht; vielmehr waren sie vor allem ein Merkmal der assyrischen Städte in Nordmesopotamien. Hollywood hat das freilich schon zuvor nicht von einer Verwendung im babylonischen Kontext abgehalten: Bereits im Monumentalfilm Alexander (2004) wird Babylon mit gewaltigen Aladlammu-Statuen gezeigt. Es wäre allerdings durchaus möglich, dass auch in Babylon vergleichbare Statuen aus vergänglichen Materialien wie Holz und Edelmetall existierten, die im Laufe der Zeit zerstört bzw. wiederverwertet wurden. Eternals jedoch zeigt die Figuren eindeutig aus Stein. Positiv hervorzuheben ist wiederum, dass die Statuen bunt bemalt und mit Goldapplikationen dargestellt werden.

Die Hängenden Gärten. Das Zentrum Babylons beherrscht im Film ein gewaltiger, arkadenartiger Gebäudekomplex, in dem die Eternals residieren. Damit sind eindeutig die berühmten Hängenden Gärten der Semiramis gemeint, die bereits den klassischen Autoren der Antike als eines der Sieben Weltwunder galten. Der griechische Geograph Strabon beschreibt die Anlage folgendermaßen:

“Dehalb wird sowohl diese Mauer den sieben Wunderwerken beigezählt, als der schwebende Garten, welcher bei einer viereckigen Gestalt auf jeder Seite eine Länge von vier Plethren (= 123,32 m) hat. Er wird von Schwibbogen bildenden Gewölben getragen, die, eines über dem anderen, auf würfelförmigen Pfeilern ruhen: diese Pfeiler aber sind hohl und mit Erde ausgefüllt, so daß sie die Wurzeln der größten Bäume fassen, und sowohl sie selbst, als die Schwibbogen und Gewölbe sind aus gebrannten Ziegelsteinen und Erdpech ausgeführt. Das oberste Stockwerk hat hat treppenähnliche Aufgänge und neben denselben liegende Schraubenpumpen, vermittelt deren dazu angestellte Leute beständig das Wasser aus dem Euphrat in den Garten hinaufheben.”[4]

Die Hängenden Gärten von Babylon – Gemälde vmtl. aus dem späteren 19. Jahrhundert.

Ob es die Hängenden Gärten jemals wirklich in dieser Form gab, ist in der Forschung bis heute umstritten. Robert Koldewey, der Ausgräber Babylons, glaubte eine Anlage im Nordostteil des Südpalastes mit den Gärten identifizieren zu können, was jedoch nie eindeutig bestätigt werden konnte. Nach einer alternativen Theorie handle es sich dabei vielmehr um eine romantische Imagination der klassischen Autoren, andere Forscher wie Stephanie Dalley lokalisieren die Gärten stattdessen in der assyrischen Hauptstadt Ninive. In den babylonischen Keilschriftquellen wiederum findet sich keine Erwähnung des Weltwunders.      
Für das tatsächliche Aussehen der Gärten, wenn sie überhaupt existierten, gibt es also keine Belege. Die Darstellung im Film entspringt somit gänzlich der Fiktion und orientiert sich allenfalls an früheren künstlerischen Darstellungen, doch hat der phantastische Bau zumindest eine gewisse Verankerung in der Rezeptionsgeschichte.

Das Etemenanki. Nur im Hintergrund hinter den Gärten erkennt man im Film einen mächtigen Stufentempel. Dies dürfte das Etemenanki sein – der Haupttempel des Stadtgottes Marduk, der als “Turm zu Babel” in das Alte Testament Eingang fand. Von diesem ist heute nicht mehr als das Fundament erhalten, da Alexander der Große ihn zwecks einer Neuerrichtung abtragen ließ, die er aufgrund seines frühen Todes jedoch nicht mehr verwirklichen konnte. Durch antike Berichte sowie die Abbildung des Tempels auf einer Stele des Königs Nebukadnezar II. sind wir jedoch gut über das einstige Aussehen der riesigen Zikkurat informiert. Die Darstellung im Film scheint einem authentischen mesopotamischen Stufentempel zu entsprechen. Doch hat der Turm im Film nur vier Stufen (den Hochtempel eingeschlossen) und ist damit relativ flach, während die Stele das Etemenanki mit sieben Stufen deutlich höher zeigt.

Stele Nebukadnezars II. mit Darstellung des Etemenanki

Obwohl im finalen Film nur für wenige Augenblicke zu sehen, wurde offensichtlich sehr viel Mühe auf die Animation Babylons verwendet. Obwohl im Detail kritisierbar, wurden mit den Stadtmauern einschließlich des Ištar-Tores, den Hängenden Gärten und sogar dem nur im Hintergrund erkennbaren Etemenanki die wichtigsten Bauwerke berücksichtigt und mit großem Detailreichtum zum Leben erweckt. Das gezeigte Babylon mit blau glasierten Mauern, Ištar-Tor und Etemenanki ist in der Tat das der Zeit Nebukadnezars II., was sich mit der Datierung um 575 v. Chr. deckt.      
Der Plan der Stadt insgesamt hat jedoch mit der Realität recht wenig zu tun: Während Babylon im Film annähernd quadratisch erscheint und sich an einem Ufer Euphrat befindet, erstreckte sich das echte Babylon vielmehr breitrechteckig über beide Seiten des Flusses. Darüber hinaus umzogen Kanäle die Stadtmauer und Teile des Umlandes, die im Film fehlen. Die gewaltige Prozessionstraße begann zwar am Ištar-Tor, bildete anders als im Film jedoch keine Zentralachse der Stadt mit den (nicht lokalisierten) Hängenden Gärten und dem (seitlich versetzten) Etemenanki auf einer Linie.     
Das vielleicht größte Problem im Film lässt sich jedoch nicht an einzelnen Gebäuden festmachen: Das Babylon in Eternals wirkt relativ klein – jenseits der zentralen Prozessionsstraße und der Hängenden Gärten scheinen nur jeweils wenige Straßenzüge zu liegen. Tatsächlich war Babylon zu dieser Zeit, was auch im Film erwähnt wird, die größte Stadt der damaligen Welt mit mehr als hunderttausend Einwohnern. Die als eines der Sieben Weltwunder zählende Stadtmauer allein besaß eine Länge von rund 18 km und umschloss ein Gebiet von über tausend Hektar. Diesen Eindruck jedoch vermag Eternals nicht zu erwecken. Vielmehr wirkt die Luftansicht der Stadt wie die Kulisse eines Open-World-Videospiels – zwar aufwendig und voller Details designt, doch offensichtlich animiert, steril-bunt und auf ein Bruchteil der realen Größe reduziert.       
Einen völlig anderen Eindruck vermittelte dagegen die Darstellung Babylons im Film Alexander: Dieser zeigt tatsächlich eine riesige, sich unübersichtlich weit erstreckende Stadt mit Bauwerken, die Zeichen von Alter aufweisen, und Tempeln, die Bergen gleich aus dem Häusermeer hervorragen.

Babylon mit Prozessionsstraße und Etemenanki im Film Alexander (2004, Regie: Oliver Stone)

Mit den Möglichkeiten der heutigen Digitaltechnologie sind inzwischen auch wissenschaftliche Rekonstruktionen Babylons entstanden, die einen realistischeren Eindruck vermitteln, so etwa von Byzantium 1200 für das Royal Ontario Museum (Bilder siehe hier).

Womöglich hätte der Film einiges gewonnen, hätte man die Babylon-Sequenz stattdessen in die Stadt Uruk um 3000 v. Chr. verlegt. In diesem Fall hätte man auch Gilgamesh bei der Begründung seines eigenen Mythos darstellen können, zudem hätte die Chronologie bestimmter technischer Erfindungen (s.u.) wieder gepasst. Die Stadt wäre nicht minder eindrucksvoll gewesen: Das protohistorische Uruk mit rund 80.000 Einwohnern war größer, als es Babylon im Film ist. An Stelle der Hängenden Gärten, in denen ein Raumschiff geparkt ist, träte das Eana (“Himmelshaus”) – ein Tempel, der laut der Mythologie buchstäblich vom Himmel herabgebracht worden war!  
Vor allem aber hätte man das Wirken der Eternals an einem Wendepunkt der Menschheitsentwicklung zeigen können – an der Grenze zwischen Vorgeschichte und Geschichte, Mythos und Historie, die Zeit der ersten Großstadt, Erfindung der Schrift und anderer Grundlagen der Zivilisation. Genau dies versucht die Babylon-Szene zu suggerieren, doch ist der historische Zeitpunkt dafür bei weitem zu spät angesetzt – das Neubabylonische Reich war ein letzter Höhepunkt, doch in keiner Weise Wurzel der mesopotamischen Hochzivilisation. Einzig die sumerische Sprache hätte die Filmemacher bei einem Uruk-Szenario wohl vor etwas größere Herausforderungen gestellt als die akkadische.       
Erstaunlich ist außerdem, dass Babylon das einzige historische Setting im Film ist, in dem die Eternals durchweg ihre zeitlosen Superheldenkostüme tragen. Während ihre Garderobe sich im Gupta-Indien, beim Fall des Aztekenreiches und 1945 jeweils (unter Beibehaltung der jeweiligen individuellen Farb- und Gestaltungsstile) der zeitgenössischen Mode anpasst, sehen wir sie trotz der eigentlich längsten Rückblicks-Szene nie in babylonischer Gewandung. Hier wurde zweifellos eine vielversprechende Chance vertan und unnötigerweise ein Stück Authentizität geopfert.

Babylonische Sprache

Es ist ein Detail, das das Herz eines jeden Altorientalisten im Kino höher schlagen lässt: Die Menschen und teilweise auch die Eternals in der gesamten Babylon-Passage sprechen echtes Akkadisch (Babylonisch) – zum ersten Mal in einer großen Hollywood-Produktion.
Hierzu wurde die Filmproduktion von dem angesehenen Altorientalisten Martin Worthington vom Trinity College Dublin unterstützt.[5] Dieser ist nicht nur Autor des hervorragenden Akkadisch-Lehrbuches Teach yourself Complete Babylonian (das auch an deutschen Universitäten im Unterricht verwendet wird), sondern drehte bereits zuvor mit Studenten den ersten Kurzfilm in akkadischer Sprache: Eine Verfilmung der babylonischen Erzählung Der Arme Mann von Nippur (YouTube: The Poor Man of Nippur). Worthington lieferte für den Film Dialogskripte und Tonproben für die Aussprache. Eine besondere Herausforderung bildeten dabei Alltagsphrasen wie “Dankeschön”, die in der heutigen Kultur selbstverständlich, im erhaltenen Quellenkorpus jedoch nicht belegt sind.[6]     
Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Dialoge klingen authentisch und lassen sich mit grundlegenden Akkadisch-Kenntnissen teilweise durchaus verstehen. Auch wenn einige Begriffe und Phrasen zwangsläufig der kreativen Improvisation bedurften, da sie in den Quellen nicht belegt sind, so ist an der Korrektheit der Sprache doch nichts auszusetzen. Allenfalls ließe sich fragen, wie viele Menschen zu dieser Zeit tatsächlich noch im Alltag Akkadisch sprachen: Auch wenn dieses in neubabylonischer Zeit noch die allgemeine Sprache des Schriftverkehrs war und daher in vielen Texten überliefert ist, so wurde es als gesprochene Sprache doch bereits zunehmend vom Aramäischen verdrängt.    
Es wurde im Film sogar darauf achtgegeben, statt steifem “Lehrbuch-Akkadisch” die reale Aussprache nachzubilden, wie sie nur in wenigen Schriftquellen durchscheint: Die Phrase ana libbi bābi “in das Innere des Tores” verschleift sich etwa zu alibbi bābi! “ins Tor!”. Aufgrund des hektischen Kontextes wurde hier auch das kürzere Wort bābu “Tor” anstelle des präziseren abullu “Stadttor, Torweg” verwendet.
Dem entgegen verwendet Sprite bei ihrer Vorführung der Gilgamesh-Geschichte einen sehr formalen und altertümlichen Sprachstil: Die Präpositionen werden hier nicht verschliffen; zudem benutzt sie auch das altbabylonische Wort awīlum (“Mensch”), das man in neubabylonischer Zeit eher als amēlu ausgesprochen hätte – dies scheint eine bewusst archaisierende Aussprache für den epischen Kontext zu sein.

Innovation zur falschen Zeit

Während ihrer Zeit in Babylon (575 v. Chr.) sehen wir den brillanten Eternal Phastos, dessen größter Wunsch es ist, die Menschen mit technologischen Erfindungen voranzubringen. Doch sein Modell einer Dampfmaschine wird von Ajak mit dem Argument abgeschmettert, die Menschheit sei noch nicht soweit und müsse sich vielmehr selbst entwickeln. “Ich meine, die kennen das Rad ja erst seit tausend Jahren”, kommentiert Druig sarkastisch. Der enttäuschte Phastos konstruiert daraufhin ein simpleres Gerät für die Menschen – den Pflug. Immerhin Sersi ist begeistet: Der sei doch wie geeignet für die Siedler, die sich gerade auf den nördlichen Feldern niedergelassen haben und alles selbst (wie denn sonst?) anbauen müssen.          
Demnach wären im MCU das Rad um 1600 v. Chr., der Pflug 575 v. Chr. erfunden worden. Mit der realen Kulturgeschichte hat das nichts zu tun: Beide Innovationen traten tatsächlich bereits in der Jungsteinzeit des 4. Jahrtausends v. Chr. auf und fallen mit der sogenannten “zweiten neolithischen Revolution” zusammen, der Erfindung der Rindertraktion.

Die gejochten und durchlochten Rinderfiguren von Bytyń (Polen, ca. 3600–3300 v. Chr.), die wohl einst das Modell eines Wagens zogen, sind einer der frühesten Belege für Rinder als Zugtiere.
(Aussstellung Die Erfindung der Götter im Landesmuseum Hannover, Foto LI)

Zu den frühesten Belegen für Wagen gehören stilisierte Darstellungen auf dem Trichterbecher von Bronocice aus Polen (C14-datiert auf 3637-3373 v. Chr.[7]) sowie frühen Tontafeln aus Uruk (Mesopotamien). Hinzu kommen früheste Pflug- und Wagenspuren wie jene unter dem Ganggrab von Jordehøj (Insel Møn, Dänemark) oder dem Langhügel von Flintbek (Schleswig-Holstein, um 3400 v. Chr.). All diese Belege bewegen sich um die Mitte bis zweite Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr.[8] Die älteste naturalistische Wagendarstellung des Nahen Ostens, eine Wandmalerei aus Arslantepe, datiert auf etwa 3374 v. Chr[9], das älteste physisch überlieferte Rad in die späte Horgener Kultur (um 3400).[10] Hölzerne Pflüge sind auch aus der Schnurkeramischen Kultur des 3. Jahrtausends v. Chr. überliefert (Funde von Asterlagen, Schwebsingen und Mehlbergen).[11] Wiederholt sind Pflüge auch schon im mittleren 3. Jt. auf mesopotamischen Rollsiegeln abgebildet.        
Wo Rad, Wagen und Pflug zuerst erfunden wurden, ist heute Gegenstand von Diskussionen – im archäologischen Befund sind sie im Vorderen Orient und in Europa relativ parallel erstmalig zu fassen. Jedenfalls dürften die Babylonier um 575 v. Chr. reichlich verwirrt gewesen sein, wenn ihnen ein genialer Schöpfergott eine Technologie offenbarte, die ihnen zu diesem Zeitpunkt bereits seit rund dreitausend Jahren bekannt war.

Tiamut

In der Mitte des Films kommt es zur großen Offenbarung, die nicht nur das Weltbild der Eternals erschüttert: Der Celestial Arishem erklärt Sersi, dass das Ende der Welt bevorsteht. Im Inneren der Erde wächst ein neuer Celestial namens Tiamut (gesprochen: Tiamat) heran, der in Kürze “schlüpfen” und dabei die Erde mitsamt all ihren Bewohnern vernichten wird. Bereits seit Jahrmillionen herrscht ein solcher Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung, bei dem die Samen von Celestials in Planeten eingepflanzt werden, um sich von der Seelenenergie der Bewohner zu ernähren und später ihrerseits neue Welten zu erschaffen. Die Aufgabe der Eternals war es allein, die Prädatorenrasse der Deviants auszurotten, damit die Menschheit eine ausreichende Zahl für diese “Emergenz” erreichen konnte.

Auch hierbei handelt es sich um eine Anspielung auf die mesopotamische Mythologie: Im babylonischen “Schöpfungsepos” Enūma Elîš (entstanden wohl im 11. Jh. v. Chr.) ist Tiamat der Name einer Urgottheit am Anfang der Zeiten, die das Salzwasser verkörpert. Zusammen mit ihrem Gemahl Apsû, dem Süßwasser, bringt sie mehrere Generationen von Göttern hervor – doch als diese schließlich zu laut werden und die älteren Götter stören, beschließen jene, sie zu vernichten. Doch die Götter kommen ihnen zuvor: Apsû wird vom Weisheitsgott Ea getötet, woraufhin Tiamat eine Armee von Monstern zum Kampf gegen die Götter erschafft. Der junge Gott Marduk jedoch, der Sohn Eas und Stadtgott von Babylon, nimmt den Kampf gegen sie auf. Marduk tötet Tiamat mit einem Pfeil, dann zerteilt er ihren Leib in zwei Hälften und erschafft daraus Himmel und Erde. Die Teile ihres Körpers spannt er zum Kosmos auf, aus ihren Augen fließen fortan die Flüsse Euphrat und Tigris.           
Der Celestial Tiamut hat mit der mythischen Tiamat oberflächlich nichts zu tun. Doch in gewisser Weise stellt die “Emergenz” eine spiegelbildliche Umkehrung des babylonischen Stoffes dar: Im Mythos wird Tiamat vernichtet, um aus ihren Leib die Welt zu erschaffen – im Film dagegen soll die Welt zerstört werden, um Tiamut zu gebären. In beiden Geschichten schließlich lehnen sich die jüngeren Götter (Eternals) auf und töten Tiamat/Tiamut.

Fazit

Zweifellos gibt es am Film Eternals einige Aspekte zu loben und ebenso viele zu kritisieren – die Abwägung sei einem jedem selbst überlassen. Doch ist es ein guter Film aus Perspektive der Altorientalistik?         
Herausragend ist der Film durch die korrekte Verwendung der akkadischen Sprache (sowie ein wenig der sumerischen), die so im bisherigen Kino einmalig sein dürfte. Auch der Dolch von Ur ist eine passende Entlehnung aus der realen Archäologie.       
Dagegen schöpft die Darstellung von Gilgamesh das Potenzial der Figur nicht annähernd aus, eine Szene wie die mit Rad und Pflug zeugt eher von Desinteresse gegenüber der realen Kulturgeschichte. Als großer Kritikpunkt erscheint schließlich die Unkenntnis der mesopotamischen Geographie sowohl bei der Küste 5000 v. Chr. wie auch der Umgebung Babylons, wodurch in beiden Fällen eine völlig andere Landschaft entsteht.   
Die Darstellung Babylons zeigt durchaus vielversprechende Ansätze, indem prominente Bauten wie das Ištar-Tor, die Hängenden Gärten und das Etemenanki adaptiert werden, wenn auch klare Defizite beim Stadtbild insgesamt. Andere Details wie die geflügelten Stiere und das Ninurta-Relief am Tor sowie der Name des Celestials Tiamut entsprechen zwar nicht der Realität, stellen aber eine durchaus passende Adaption mesopotamischer Themen dar.
Im Gegensatz zu anderen historischen Settings wie etwa dem Mittelalter oder der klassischen Antike gibt es für das alte Mesopotamien kaum Vorläufer im großen Kino, mit denen sich die Darstellung bei Eternals vergleichen ließe (ausgenommen die ebenfalls recht kurzen Szenen bei Alexander). Meist dienen mesopotamische Elemente allenfalls als dekorative Hintergrunddetails in Filmen, die mit dem Kulturkreis ansonsten wenig zu tun haben. Daher ist es umso mehr zu begrüßen, dass Eternals einen ganzen Handlungsabschnitt im alten Babylon ansiedelte und zahlreiche altorientalische Motive an verschiedenster Stelle verarbeitete. Für einen Superheldenfilm, der eben nicht hauptsächlich ein Historienfilm sein will, sondern nur frei ausgewählte antike Versatzstücke adaptiert, ist dieses Ausmaß an historischem Interesse bereits außergewöhnlich. Trotz zahlreicher Kritikpunkte kann man den Film also als Entwicklung in die richtige Richtung betrachten.

Mehr zum Alten Orient in der Populärkultur:
Altorientalische Flügelstiere (Aladlammû) in Film und Fernsehen
Godzilla in Assyrien – Altorientalische Mythen und der moderne Monsterfilm


[1] Vgl. Marvel Wiki: Enkidu (Earth-199999)

[2] Beach, Mespotamia, 5000 BC | MCU Location Scout

[3] Vgl. Audiokommentar zum Film.

[4] Strabon, Geographica 16:1,5

[5] Trinity News and Events (09.11.2021): Trinity academic provides Babylonian translations for Marvel Studios’ ‘Eternals’

[6] Martin Worthington (The Conversation, 25.11.2021): The Eternals – Marvel consulted me to help superheroes chit chat in Babylonian

[7] Sherrat, A. 2004: Wagen, Pflug, Rind: ihre Ausbreitung und Nutzung – Probleme der Quelleninterpretation. In: F. Mamoun (Hrg.), Rad und Wagen: der Ursprung einer Innovation : Wagen im Vorderen Orient und Europa. Oldenburg 2004, 409-428, 413. (Datierung anhand eines Knochens aus derselben Grube)

[8] Zich, B. 2013: Traktion und ihr Einfluss auf die Entwicklung von Rad, Wagen und Pflug. In: H. Meller (Hg.): 3300 BC. Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt. Halle (Saale) 2013, 78-82, 78-81.

[9] Sherrat 2004, 418.

[10] Sherrat 2004, 412.

[11] Hecht, D. 2007: Das schnurkeramische Siedlungswesen im südlichen Mitteleuropa. Eine Studie zu einer vernachlässigten Fundgattung im Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit. Heidelberg 2007, 196–198.

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