Ausstellung: American Heiner – Ein Mammut macht Geschichte (HLM Darmstadt)

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt ist bekannt für seine beeindruckende Sammlung tertiärer Säugetierfossilien: Neben Funden aus den Dinotheriensanden, dem Oberrhein einschließlich Seekühen oder den Fossillagerstätten von Samos und North Dakota ziehen vor allem die hervorragend erhaltenen Tiere aus der Grube Messel die Besucher an. Weniger bekannt: Das riesige Aushängeschild der Darmstädter Sammlung, das komplette Skelett eines Amerikanischen Mastodons (Mammut americanum), hat selbst eine bewegte Geschichte hinter sich. Nachdem es die letzten Jahre in den USA ausgestellt wurde, ist die „jüngere“ Vergangenheit des Skelettes nun Gegenstand der Sonderausstellung American Heiner – Ein Mammut macht Geschichte.

Die Knochen von Big Bone Lick

Wir schreiben das Jahr 1739. Unter dem Kommando von Baron Charles Le Moyne de Longueuil fährt eine französische Armee den Ohio River hinab in Richtung des Mississippi, um dort Krieg gegen den Stamm der Chickasaw zu führen. Doch schon bald fesselt eine andere Entdeckung ihre Aufmerksamkeit: Krieger der Shawnee, die die Soldaten begleiteten, berichten von riesigen Knochen, die sie in der Nähe des Flusses gefunden haben. Baron de Longueuil lässt seine Männer dem Hinweis nachgehen. Tatsächlich finden sie drei Zähne, einen Stoßzahn und einen gewaltigen Oberschenkelknochen, die dem Fundplatz fortan den bezeichnenden Namen „Big Bone Lick“ verleihen.

Oberschenkelknochen aus Big Bone Lick

Zwar geht der Feldzug für die Franzosen letztlich verloren, doch die rätselhaften Knochen finden ihren Weg in die königliche Sammlung nach Paris. Dort ist man fasziniert und rätselt über das mysteriöse „Ohio-Tier“. Ähnliche Zähne und Knochen waren bereits zuvor in Mexiko (1519) und den Niederlanden (1705) entdeckt worden – im Geiste der Zeit deutete man diese jedoch als die Überreste von Riesen, von denen bekanntlich bereits die Bibel berichtet. Anders geschah es zumindest im Falle der 1725 auf der Stono-Plantage in South Carolina entdeckten Mammutzähne: Während die weißen Landbesitzer ratlos waren, identifizierten die afrikanischen Sklaven die Zähne sofort als zu Elefanten gehörig.  
Der Naturforscher Louis-Jean-Marie Daubenton untersucht die Überreste aus Big Bone Lick schließlich näher und stellt fest, dass diese den früher entdeckten Knochen von Mammuts und Elefanten ähneln – die Zähne dagegen schreibt er einem riesigen Flusspferd zu. Der schottische Anatom William Hunter Croghans dagegen hält die Kreatur für einen schrecklichen fleischfressenden Elefanten.

Das „Ohio-Tier“ wird politisch

In den nächsten Jahrzehnten werden weitere Überreste des gewaltigen Tieres in Nordamerika entdeckt – und entwickeln sich schnell zum Politikum: Der seinerzeit einflussreiche Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon behauptete in seiner ab 1749 veröffentlichten Naturgeschichte, die Tierwelt und alles Leben auf dem amerikanischen Kontinent sei klein und degeneriert im Vergleich zur Alten Welt – eine klare Demütigung für die Bewohner der zunehmend nach Unabhängigkeit strebenden Kolonie. Diese Sicht ist auch nach der Amerikanischen Revolution noch allzu präsent. Nicht nur George Washington begutachtet höchstpersönlich die aktuellen Funde – auch sein späterer Nachfolger Thomas Jefferson zeigt großes Interesse an den riesigen Knochen: Ganz im Sinne der jungen Nation, die noch keine ruhmreiche Geschichte vorweisen kann, beweist das „Ohio-Tier“ für ihn, das auch in Amerika große Tiere existierten, die Fauna also keineswegs verkümmert sei wie von Buffon behauptet. Mehr noch: Könnte nicht dieses vielleicht größte Landtier aller Zeiten irgendwo im unerforschten Westen noch immer am Leben sein?

Peale’s Mastodon

Charles Willson Peale mit seinem Mastodonknochen

Knochen eines weiteren „Ohio-Tieres“ werden schließlich 1799 auf der Farm von John Masten in Newburgh, New York entdeckt. Das erweckt die Aufmerksamkeit des Malers Charles Willson Peale, der für eine stattliche Summe nicht nur die Knochen selbst erwirbt, sondern auch das Recht auf weitere Ausgrabungen. 1803 unternimmt er zusammen mit seinem Sohn Rembrandt eine aufwendige Grabung auf der Farm, wobei kurz nacheinander zwei nicht ganz vollständige Skelette entdeckt werden. Mit ergänzenden Holzrepliken zu einem vollständigen Skelett montiert, stellt Peale die Knochen zusammen mit weiteren Funden in seinem Privatmuseum in Philadelphia aus. Dieses besichtigt 1804 auch Alexander von Humboldt.        
Inzwischen beschreibt der Paläontologe Georges Cuvier das Tier der Form seiner Zähne nach unter dem Namen Mastodon („Brust-Zahn“), unter welchem es bis heute bekannt ist. Erstmalig postuliert dieser die damals revolutionäre Annahme, dass Arten aussterben können und einst eine völlig andere Fauna existierte. Tatsächlich jedoch hatte der hessische Arzt Christian Michaelis dasselbe Tier bereits 1789 mit Mammutfunden aus Sibirien verbunden und als „Mammut“ beschrieben. Somit besitzt der Gattungsname Mammut Gültigkeit für das Tier, das im Volksmund nach wie vor meist Mastodon genannt wird. Nicht zu verwechseln ist es dabei mit dem Wollhaarmammut, das den wissenschaftlichen Namen Mammuthus trägt.

Die Zähne von Big Bone Lick

„Peale’s Mastodon“ hatte derweil eine verschlungene Reise vor sich: Nach dem Tod von Charles Willson Peale 1850 wurde es zusammen mit den übrigen Sammlungen des Museums an den Zirkusunternehmer Phineas Taylor Banum verkauft. Dessen Museum in Philadelphia brannte jedoch schon ein Jahr später nieder, 1865 auch das größere Museum in New York. Glücklicherweise jedoch war das Mastodon-Skelett bereits zuvor nach Europa verschifft worden, um es zu Geld zu machen: Nachdem es dem Jardin de Plantes in Paris und dem British Museum in London erfolglos zum Kauf angeboten worden war, erwarb es schließlich 1854 der Inspektor der Großherzoglichen Naturaliensammlung von Darmstadt Johann Jakob Kaup für das heimische Naturalienkabinett. So gelangte eines der damals bedeutsamsten Mastodon-Fossilien nach Damstadt, wo es seit 1906 im Eingangsbereich der naturgeschichtlichen Abteilung montiert stand. Erst Nachforschungen 1954 jedoch konnten das Skelett, das auf verschlungenen Wegen in die Sammlung gelangt war, als das berühmte Peale’s Mastodon identifizieren.      
2020 wurde das Skelett im Rahmen einer großen Humboldt-Ausstellung an das Smithsonian American Art Museum in Washington, D.C. ausgeliehen. Von dort aus kehrte es – verzögert durch die Corona-Pandemie – erst 2021 nach Darmstadt zurück.

Die Ausstellung

All dies und mehr ist Thema der Sonderausstellung American Heiner. Die Geschichte der ersten Mastodon-Funde bildet ein herausragendes Exempel für die Entwicklung der frühen Paläontologie in ihren historischen und sozialen Kontexten, aber eben auch die populäre und politische Rezeption von Fossilfunden, die Sagen und aus heutiger Sicht kuriose Theorien inspirierten.    
Viele Objekte sind nicht in der Ausstellung zu sehen – doch könnten die wenigen in ihrer Bedeutung kaum größer sein: Neben dem montierten Skelett von Peale’s Mastodon sind zwei Backenzähne, ein Oberkieferknochen und der Oberschenkelknochen von Big Bone Lick im Original zu bestaunen. Hinzu kommen zeitgenössische Gemälde und andere Dokumente – der eigentliche Schwerpunkt aber liegt nicht auf den Exponaten, sondern der spannenden Forschungsgeschichte.
Es wäre sicher ein hoffnungsloses Unterfangen, diese Masse an historischen Fakten in Form herkömmlicher Texttafeln zu präsentieren. Stattdessen wird die gesamte Forschungsgeschichte von den ersten Funden über Big Bone Lick und Peales Mastodon bis zu dessen jüngster Heimkehr in Form liebevoll gezeichneter Comic-Strips und zugehöriger Wandbilder vermittelt, die an verschiedenen Punktend der Ausstellung aushängen. So lässt sich auch eine Vielzahl von Namen, Daten und Ereignissen durchaus anschaulich und unterhaltsam vermitteln. Die gesamte Graphic Novel kann – anstelle eines Ausstellungskataloges – für 8 € im Museumsshop erworben werden. Für jeden Interessierten an Paläontologie, Forschungsgeschichte und prähistorischen Rüsseltieren ist American Heiner auf jeden Fall ein lohnendes Ausflugsziel.

Seite zur Ausstellung beim HLM Darmstadt

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