Mögliche Vorbilder für Platos Atlantisbericht

Als Jonathan Swift 1726 seine Satire Gullivers Reisen veröffentlichte, da packte er seine religiös-philosophische Abhandlung in eine spannende Rahmenhandlung. Und damit diese glaubhaft wurde, nutzte er Realmaterial von Seereisen und Stürmen auf dem Meer. Das gelang ihm so gut, dass manche Zeitgenossen die „Reisen“ für einen authentischen (wenn auch übertriebenen) Bericht über echte Seefahrten hielt.     
Mit vielen Fiktionen ist es so – selbst phantastische Geschichten nutzen reale Elemente, um einen gewissen Grad an Glaubwürdigkeit zu erlangen. Swifts Liliput findet in einer realen Geografie statt (dem Buch sind präzise Karten beigegeben), und doch gibt es weder das Land der Zwerge noch das der Riesen, die Gelehrtenrepublik oder den Staat der intelligenten Pferde. 
Gehen wir von einer einfachen Arbeitshypothese aus – Plato hat Atlantis erfunden und seinen Bericht mit vorgefundenen Versatzstücken angereichert, die der Erzählung einen Sitz in der Realität gaben. Könnte es sein, dass man die einzelnen Elemente des Atlantis-Berichts bei anderen antiken Autoren wiederfindet die vor Plato lebten und deren Schriften er kannte?
Machen wir die Probe! Stellen, auf die es hier ankommt, sind kursiv markiert.

Der Atlantis-Bericht (gekürzt und nacherzählt)

Plato berichtet in zweien seiner „Dialoge“, dem Timaios und dem Kritias, von Atlantis. Diese Dialoge sind keine Protokolle tatsächlicher Gespräche, sondern kunstvoll verfasste Texte, die nur in Dialogform erzählt werden.          
Im Timaios berichtet Plato von der „gewaltigen Kriegsmacht“ der Atlanter, die versucht habe, Griechenland, Ägypten und andere Mittelmeerländer zu erobern. Dieses Heer stammte von Atlantis, einer Insel vor der Mündung des Mittelmeers, „größer als Asien und Libyen zusammen“. Diese Insel Atlantis beherrschte „von den innerhalb [Gibraltars] liegenden Ländern Libyen bis nach Ägypten und Europa bis nach Tyrrhenien [Toskana] hin“. Die Streitmächte der Insel und die seiner mittelmeerischen Besitztümer vereinigten sich zu einer Heeresmacht, die auszog, um die damals bekannte Welt zu erobern.
Das gewaltige Unternehmen, so Plato, sei auch fast gelungen, allerdings „überwanden die Griechen die Andringenden“, und gaben so „den anderen von uns [es erzählt ein Ägypter] … die Freiheit zurück“. Die Armeen seien dann „in einem schlimmen Tag und einer schlimmen Nacht“ bei Athen unter die Erde versunken“, „ebenso verschwand die Insel Atlantis, indem sie im Meer unterging”.        
Im Dialog Kritias wird Atlantis genauer beschrieben. Seit jenem Krieg „zwischen denen, die jenseits der Säulen des Herakles, und all jenen, die innerhalb derselben wohnten“, seien 9000 Jahre vergangen. Davon wüssten aber nur noch die Ägypter, deren Aufzeichnungen so weit zurückreichten. Heute befinde sich an der Stelle, an der einstmals die Insel Atlantis lag, nur noch „undurchdringlicher Schlamm.“ In der Mitte der Insel Atlantis habe sich eine Ebene befunden, die ans Meer gestoßen sei. Vom Meeresufer etwa 30 Stadien (rund 10 km) landeinwärts habe sich ein „nach allen Seiten niedriger Berg“ befunden, aus dem zwei Quellen traten. Der Hügel war von drei gewaltigen, konzentrischen und kreisrunden Wasserkanälen umgeben, die mit Schiffen befahren werden konnten. Dort befand sich die Königsburg der Atlanter. Die Wälle der Stadt bestanden aus roten, weißen und schwarzen Steinen.[1]        
Die Insel Atlantis selbst war in zehn Landgebiete aufgeteilt, über die jeweils ein König herrschte. Eines der Gebiete erstreckte sich von „den Säulen des Herkules bis nach Cadiz“. Das Land Atlantis war sehr fruchtbar; in seinen großen Wäldern und Sümpfen lebten sogar Elefanten. Unter den vielen Früchten der Insel hebt Plato besonders die Olivenbäume hervor. Es gab auch zahlreiche wertvolle Bodenschätze, unter ihnen „Bergerz“ (oreichalkos), unser Messing.           
Auf dem Berg innerhalb der Wasserringe hatten die Atlanter ihre Hauptstadt angelegt, über die Kanäle wurden Brücken geschlagen, ein Kanal von 50 Stadien Länge gegraben, der den innersten Wasserring mit dem Meer verband, um Schiffe bis an die Stadt fahren zu lassen. In den Felsen des Berges wurden große Schiffsarsenale eingegraben. Die innerste Insel umgaben die Atlanter mit einer hohen starken Mauer, die in Zinn gefasst und von außen mit Erz verkleidet war. Die Burg selbst aber wurde mit „Bergerz“ gestählt.   
Im Kritias beschreibt Plato nun das Innere der Burg auf dem Berg. Dort befanden sich nicht nur die Gemächer des Königs, sondern auch der Tempel des Gottes Poseidon, der „barbarisch“ (also nichtgriechisch) anzusehen war. Der gewaltige Tempel war ein Stadion (180 m)[2] lang und drei Plethren (90 m) breit. [Das Parthenon in Athen misst 30,86 x 69,51 Meter, der Tempel von Atlantis war also dreimal so groß!] Die Außenwand des Gotteshauses war mit Silber überzogen, im Innern befand sich die riesige Statue Poseidons. Um die eigentliche Königsburg herum erstreckte sich die Stadt, in den Hafengegenden „wimmelte es von Schiffen und Kaufleuten, welche aus allen Gegenden hierher kamen und Tag und Nacht Geschrei, Getümmel und Getöse […] verursachten“. Die Stadt mit den umliegenden, durch weitläufige Bewässerungsanlagen versorgten Obstgärten, die große Rennbahn für sportliche Wettkämpfe und die Hafenbecken mit den Dreiruderern der Kaufleute und der Atlantischen Armee müssen ein beeindruckender Anblick gewesen sein.       
Die fruchtbare Ebene lag auf der Südseite eines Gebirges, das sie fast umschloss. In den hohen Bergen lebten zahlreiche wilde Tiere in großen Wäldern, Seen und Flüssen. Die Atlantis-Ebene selbst maß 2000 x 3000 Stadien und war fast quadratisch. „Wo es aber noch an der vollen Regelmäßigkeit … fehlte, war ihr diese dadurch gegeben worden, dass sie auf allen Seiten einen Graben herumgezogen hatten.“ Dieser Graben war ein Stadion (180 m) breit und ein Plethron (30 m) tief. Die Ebene wurde von einem engmaschigen Gitternetz von 30 m breiten Kanälen durchzogen, über die Bauholz und andere Rohstoffe in die Stadt gebracht wurden.         
Ein so fruchtbares Land war reich. Die Armee verfügte über 10 000 Kriegswagen, 1200 Schiffe, Pferde und Schwerbewaffnete ohne Zahl – und diese Rechnung umfasst nur einen der zehn Inselteile, die Region rings um die Königsburg. Diesen gewaltigen Heereszug, der dann das Mittelmeer überschwemmte, führte der König von Atlantis. Die Atlanter besaßen eine Schrift, in der sie ihre Gesetze auf eine Säule aus Bergerz aufgezeichnet hatten. Alle fünf bis sechs Jahre kamen die Zehn Inselkönige dort zusammen, um zu beraten und Stiere zu opfern. Die Könige selbst, so Plato, stammten von dem Gott Poseidon ab, jedoch hatten sich die Atlanter im Verlaufe ihrer Geschichte zu sehr mit den Sterblichen vermischt und waren so „entartet“. Sie waren zu prunksüchtigen und dekadenten Menschen geworden, und daher beschloss Zeus, sie zu bestrafen.        
Hier bricht der Kritias unvollendet ab. Der Krieg gegen Ägypten und Athen, Hauptteil des Timaios-Berichtes, kommt im Kritias nur noch am Rande vor, und die Datierung des Unterganges von Atlantis zeitgleich mit der Vernichtung des Heeres wird nicht mehr erwähnt. In welchem Zusammenhang Kriegszug und Untergang der Insel miteinander stehen, welche europäischen Länder – außer den implizit genannten Portugal, Spanien, Frankreich und Italien – noch zur Atlantischen Allianz gehörten, bleibt unbeantwortet.

Die möglichen Vorbilder

1) Herodot – das hohe Alter Ägyptens

Herodot erzählt in seinen Historien: „Soweit erzählten die Ägyptier und ihre Priester und zeigten auf, daß vom ersten König bis auf jenen Priester des Hephaistos als dem letzten König dreihunderteinundvierzig Menschengeschlechter vergangen und ebenso viele Oberpriester und Könige gewesen seien. Nun gelten dreihundert Menschengeschlechter gleich zehntausend Jahren; denn drei Menschengeschlechter sind hundert Jahre; und auf die übrigen einundvierzig Geschlechter, neben den dreihundert, kommen tausenddreihundertvierzig Jahre. So sind es also elftausenddreihundertvierzig Jahre. […] in dieser Zeit, sagten sie, sei viermal die Sonne an ihrem gewohnten Ort aufgegangen. Wo sie jetzt niedergehe, von dort sei sie zweimal aufgegangen, und von wo sie jetzt aufgehe, da sei sie zweimal niedergegangen.“[3]        
Davon, dass sich der Ort des Sonnenaufgangs verändert habe und dass die Kultur der Ägypter zehntausend Jahre zurückreiche, berichtet auch Plato.[4] Was wäre, wenn diese Herodot-Stelle den Atlantisbericht nicht unabhängig bestätigt, sondern wenn sie als vorgefundenes Element einfach in Platos Bericht übernommen wurde?

2) Der Hafen von Karthago

Die Anlage von Atlantis mit ihrem geschäftigen Hafen gemahnt an ein historisches Vorbild: den Kriegshafen von Karthago, ein kreisrunder Hügel, umgeben von einem kreisförmigen Wasserring, mit dem Meer verbunden durch einen geradlinigen Kanal. Der Tradition nach wurde die Stadt 814 v. Chr. gegründet.      
Der Hafen bot „Platz für 220 Kriegsschiffe. In der Mitte des Kriegshafens befand sich eine künstliche Insel mit dem Gebäude der Admiralität. Die Hafenbecken sind bis heute erhalten.“[5]
„Dieser Hafen ist schon im 4. Jhdt. benutzt worden, und zwar in etwa derselben Größenordnung wie in späterer Zeit. Appian sagt, der Hafen habe für 220 Schiffe Platz geboten. Die modernen Ausgrabungen haben ihn zwar in jeder Hinsicht bestätigt, doch ist die Zahl vielleicht etwas zu hoch gegriffen: auf der sogenannten Admiralitätsinsel gab es ca. 30 Schiffshäuser, die außen umliegenden neuria können kaum mehr als 150 Schiffe beherbergt haben.“[6].
Plato lebte eine Zeitlang in Syrakus in Sizilien; dessen Machthaber Dion von Syrakus unterhielt enge Beziehungen zu Karthago.

3) Der Stadtplan von Ekbatana

Was die Anlage der Stadt Atlantis angeht, so scheint sie fast identisch zu sein mit einer Beschreibung der medischen Hauptstadt Egbatana / Ekbatana, die Herodot phantasievoll schildert:

„Und weil die Meder auch dazu willig waren, ließ er große und starke Mauern aufführen, immer je einen Mauerring innerhalb des andern, und ließ diese Burg, die jetzt Agbatana heißt, so herrichten, daß immer der innere Ring über den nächstäußeren ein wenig hinausragt, und zwar jeweils um die Höhe der Zinnen. Daß dem so ist, liegt wohl auch an dem Ort selbst, der ein Hügel ist, doch war es auch in dieser Weise beabsichtigt. Es sind zusammen sieben Ringe und in dem innersten stehen die Königsburg und die Schatzhäuser. Die größte Mauer ist an Umfang ungefähr wie die Ringmauer von Athen. Und die Zinnen des ersten Rings sind weiß, beim zweiten sind sie schwarz, beim dritten purpurn, beim vierten blau, beim fünften mennigrot. So sind bei fünf Ringen die Zinnen mit Farben bemalt, bei den letzten aber sind die einen mit Silber, die anderen mit Gold überzogen.“[7]

Gegen eine solche Gleichsetzung wendet Franke ein, sie könne nicht das Vorbild für Platos Text gewesen sein, weil die Unterschiede zu Atlantis überwögen.[8] Dass nicht alles übereinstimmt, ist jedoch kein Problem: Schließlich bestreitet niemand, dass das Los des Alexander Selkirk, der 1704 auf dem Juan-Fernández-Archipel vor Patagonien ausgesetzt wurde, die Inspiration für Daniel Defoes Robinson Crusoe war (der auf einer Insel in der Mündung des Orinoco ausgesetzt wurde). Eine Vorlage für Herman Melvilles Moby Dick war die Geschichte des Wals Mocha Dick, der bei der Insel Mocha vor der chilenischen Küste auftauchte – Melvilles Romanende aber spielt östlich von Japan. Auf die Tatsachen im Einzelnen kommt es nicht an, nur darauf, dass die gesamte Geschichte für den Leser plausibel klingt.

4) Der Untergang der Insel Atalante

In seinem Peloponnesischen Krieg schildert der griechische Historiker Thukydides (454–399 v. Chr.), wie eine Insel im Jahr 431 v. Chr. von den Athenern erst zum Stützpunkt ausgebaut wird und dann 626 v. Chr. in einer Naturkatastrophe an einem einzigen Tag im Meer versinkt.

„Gegen Ende dieses Sommers wurde von den Athenern auch Atalante befestigt, um eine Besatzung aufzunehmen, – eine früher unbewohnte Insel, der Küste der opuntischen Lokrer gegenüber gelegen. Dies geschah in der Absicht, daß nicht von Opus und dem übrigen Lokris auslaufende Seeräuber Euböa beunruhigen möchten. Das alles fiel in diesem Sommer vor, nach dem Abzuge der Peloponnesier aus Attika.“[9]

„Im folgenden Sommer wollten die Peloponnesier und ihre Bundesgenossen wieder in Attika einfallen und waren schon unter Führung des Lakedämonierkönigs Agis, des Sohnes Archidamos, bis zum Isthmos gekommen; da aber viele Erdstöße eintraten, so wendeten sie wieder um und der Einfall fand nicht statt. Um ebendieselbe Zeit, da die Erde erbebte, drang in Euböa bei Orobiä das Meer von der damaligen Küste landeinwärts, und hoch schwellend flutete es über einen Teil der Stadt und schlang zum Teil die Erde ein, zum Teil aber kehrte es wieder zurück, und jetzt ist dort an einer Stelle das Meer, wo früher Land war. Auch Menschen verschlang es, alle, die nicht schnell genug nach den Anhöhen fliehen konnten. Auch bei der Insel Atalante in der Gegend der opuntischen Lokrer geschah eine ähnliche Überschwemmung und riß einen Teil der athenischen Verschanzung weg und zerbrach von zwei an das Land gezogenen Schiffen das eine. Auch bei Peparethos (Palanisi) zeigte sich ein Zurücktreten des Meeres, aber ohne daß Überflutung folgte, und ein Erdstoß warf ein Stück der Stadtmauer um, wie auch das Prytaneum und etliche andere Gebäude. Für die Ursache davon halte ich, daß, wo der Erdstoß am stärksten war, er dort das Meer zurückstaute und dann es plötzlich wieder heranzog und um so gewaltsamer überfluten ließ. Ohne ein Erdbeben aber glaube ich nicht, daß etwas der Art hätte eintreten können.“[10]

5) Die Phäaken der Odyssee

Bereits der Schwede Olof Rudbeck stellte in der Renaissance fest, dass die Insel der Phäaken, die Homer in der Odyssee ausführlich schildert, identisch sein müsse mit der Hauptstadt der Atlanter. Dem stimmte später der deutsche Geograph Richard Henning zu.     
Jürgen Spanuth listet mehr als 32 Übereinstimmungen, teilweise recht spezifischer Art auf.[11] Er schreibt: „Diese Parallelübersicht zeigt deutlich, daß Atlantis und das Phäakenland miteinander identisch sind.“ Und Hans Steuerwald[12] spricht ebenfalls von einer „weitgehenden Übereinstimmung in den Angaben des solon-platonischen Berichtes über die Atlanter und ihre Hauptstadt und Homers Schilderung von Land, Leuten und Königsstadt der Phäaken.“    
Zu diesen Parallelen zählen unter anderem: ein Tempel des Poseidon und die Königsburg im Mittelpunkt der Königsstadt; die Königsburg ist mit Gold, Silber und Kupfer ausgestattet; Phäaken wie Atlanter bringen dem Poseidon Stiere als Opfer dar; beim Heiligtum entspringen zwei Quellen; Atlanter wie Phäaken lieben das Bad in warmem Wasser; dem Poseidon werden Wettkämpfe gewidmet, wobei Gymnastik ist die bevorzugte Sportart der Atlanter wie der Phäaken ist; Atlanter wie Phäaken bezeichnen sich als Nachkommen des Poseidon; beide Völker hatten Schiffshäuser; in beiden Ländern kann zweimal im Jahr geerntet werden; die Königsstadt liegt nicht am Meer, sondern landeinwärts; und der König fungiert gleichzeitig als oberster Priester. 
Autoren, die Atlantis in die Bronzezeit datieren (beispielsweise Spanuth oder Steuerwald) halten die Phäaken-Erzählung für einen „unabhängigen“ Atlantis-Bericht. Was aber, wenn ihn Plato nur als weiteres Puzzleteil in seine Erzählung aufgenommen hätte?          
Und jene Forscher, die Platos Datum ernst nehmen – wie passt das zu der Identität der Inselhauptstadt von Atlantis mit der Stadt der Phäaken? 
Eines ist jedoch gewiss – was den modernen Phantasten auffiel, das musste dem griechischen Leser von Platons Schriften noch viel eher auffallen, galten doch Homers Werke damals den Griechen fast wie eine Bibel. Deutlicher als mit den Homer-Parallelen konnte Plato seinem Publikum nicht zeigen, dass seine Geschichte fiktiv und mythologisch war.

6) Die Prophezeiung über Tyrus

Im 27. Kapitel seines Buches stimmt der biblische Prophet Ezechiel (protestantisch: Hesekiel) ein „Klagelied über Tyrus“ an (hier zitiert nach der Lutherbibel 1912):

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir und sprach: 2 Du Menschenkind, mach eine Wehklage über Tyrus 3 und sprich zu Tyrus, die da liegt vorn am Meer und mit vielen Inseln der Völker handelt: So spricht der Herr, HERR: O Tyrus, du sprichst: Ich bin die Allerschönste. 4 Deine Grenzen sind mitten im Meer und deine Bauleute haben dich aufs allerschönste zugerichtet. 5 Sie haben all dein Tafelwerk aus Zypressenholz vom Senir gemacht und die Zedern vom Libanon führen lassen und deine Mastbäume daraus gemacht 6 und deine Ruder von Eichen aus Basan und deine Bänke von Elfenbein, gefaßt in Buchsbaumholz aus den Inseln der Chittiter. 7 Dein Segel war von gestickter, köstlicher Leinwand aus Ägypten, daß es dein Panier wäre, und deine Decken von blauem und rotem Purpur aus den Inseln Elisa. 8 Die von Sidon und Arvad waren deine Ruderknechte, und hattest geschickte Leute zu Tyrus, zu schiffen. 9 Die Ältesten und Klugen von Gebal mußten deine Risse bessern. Alle Schiffe im Meer und ihre Schiffsleute fand man bei dir; die hatten ihren Handel in dir. 10 Die aus Persien, Lud und Lybien waren dein Kriegsvolk, die ihre Schilde und Helme in dir aufhingen und haben dich so schön geschmückt. 11 Die von Arvad waren unter deinem Heer rings um die Mauern und Wächter auf deinen Türmen; die haben ihre Schilde allenthalben von deinen Mauern herabgehängt und dich so schön geschmückt. 12 Tharsis [bei Gades, Cadiz] hat dir mit seinem Handel gehabt und allerlei Waren, Silber, Eisen, Zinn und Blei auf die Märkte gebracht. 13 Javan, Thubal und Mesech haben mit dir gehandelt und haben dir leibeigene Leute und Geräte von Erz auf deine Märkte gebracht. 14 Die von Thogarma haben dir Rosse und Wagenpferde und Maulesel auf deine Märkte gebracht. 15 Die von Dedan sind deine Händler gewesen, und hast allenthalben in den Inseln gehandelt; die haben dir Elfenbein und Ebenholz verkauft. 16 Die Syrer haben bei dir geholt deine Arbeit, was du gemacht hast, und Rubine, Purpur, Teppiche, feine Leinwand und Korallen und Kristalle auf deine Märkte gebracht. 17 Juda und das Land Israel haben auch mit dir gehandelt und haben Weizen von Minnith und Balsam und Honig und Öl und Mastix auf deine Märkte gebracht. 18 Dazu hat auch Damaskus bei dir geholt deine Arbeit und allerlei Ware um Wein von Helbon und köstliche Wolle. 19 Dan und Javan und Mehusal haben auch auf deine Märkte gebracht Eisenwerk, Kassia und Kalmus, daß du damit handeltest. 20 Dedan hat mit dir gehandelt mit Decken zum Reiten. 21 Arabien und alle Fürsten von Kedar haben mit dir gehandelt mit Schafen, Widdern und Böcken. 22 Die Kaufleute aus Saba und Ragma haben mit dir gehandelt und allerlei köstliche Spezerei und Edelsteine und Gold auf deine Märkte gebracht. 23 Haran und Kanne und Eden samt den Kaufleuten aus Seba, Assur und Kilmad sind auch deine Händler gewesen. 24 Die haben alle mit dir gehandelt mit köstlichem Gewand, mit purpurnen und gestickten Tüchern, welche sie in köstlichen Kasten, von Zedern gemacht und wohl verwahrt, auf deine Märkte geführt haben. 25 Aber die Tharsisschiffe sind die vornehmsten auf deinen Märkten gewesen. Also bist du sehr reich und prächtig geworden mitten im Meer. 26 Deine Ruderer haben dich oft auf große Wasser geführt; ein Ostwind wird dich mitten auf dem Meer zerbrechen, 27 also daß dein Reichtum, dein Kaufgut, deine Ware, deine Schiffsleute, deine Schiffsherren und die, so deine Risse bessern und die deinen Handel treiben und alle deine Kriegsleute und alles Volk in dir mitten auf dem Meer umkommen werden zur Zeit, wann du untergehst; 28 daß auch die Anfurten erbeben werden vor dem Geschrei deiner Schiffsherren. 29 Und alle, die an den Rudern ziehen, samt den Schiffsknechten und Meistern werden aus ihren Schiffen ans Land treten 30 und laut über dich schreien, bitterlich klagen und werden Staub auf ihre Häupter werfen und sich in der Asche wälzen. 31 Sie werden sich kahl scheren über dir und Säcke um sich gürten und von Herzen bitterlich um dich weinen und trauern. 32 Es werden auch ihre Kinder über dich wehklagen: Ach! Wer ist jemals auf dem Meer so still geworden wie du, Tyrus? 33 Da du deinen Handel auf dem Meer triebst, da machtest du viele Länder reich, ja, mit der Menge deiner Ware und deiner Kaufmannschaft machtest du reich die Könige auf Erden. 34 Nun aber bist du vom Meer in die rechten, tiefen Wasser gestürzt, daß dein Handel und all dein Volk in dir umgekommen ist. 35 Alle die auf den Inseln wohnen [= die Griechen], erschrecken über dich, und ihre Könige entsetzen sich und sehen jämmerlich. 36 Die Kaufleute in den Ländern pfeifen dich an, daß du so plötzlich untergegangen bist und nicht mehr aufkommen kannst.“

Alle hier kursiv gesetzten Stellen finden sich praktisch wortwörtlich auch in Platons Erzählung von Atlantis.  
Aber hätte Plato überhaupt die Bibel kennen können? Zeitlich passt es auf jeden Fall – Ezechiel lebte um 597 v. Chr., dem Beginn des Babylonischen Exils, Plato von 427 bis 347 v. Chr. Bereits dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus waren Bibelzitate in Plato aufgefallen[13], und die Philologin Evangelia Dafni stellt fest, dass Plato zumindest von Teilen der hebräischen Bibel wusste: „Die platonische Rede des Phaidros scheint aber wenig von der Alkestis des Euripides gedanklich abhängig zu sein. Es ist offensichtlich, dass sie andere konzeptionellen Wege gegangen ist, die zwar schriftliche Verarbeitungen mündlicher Überlieferungen voraussetzt, sich aber sprachlich und gedanklich an das m.E. eigentliche Ziel Platos angepasst hat, Gen 2,23f. aus der Sicht eines theozentrisch denkenden Griechen zu erklären, indem er eine außergewöhnliche Frau als Fallbeispiel nimmt. Er versucht aber, den biblischen Text nicht engherzig und pedantisch, sondern weitherzig und großzügig zu interpretieren.“[14]
Dass Plato die grundlegenden Texte der Bibel – wenn sicherlich auch nur durch Vermittlung Dritter – kannte, beweist natürlich noch lange nicht, dass er auch ein spezifisches Buch wie Ezechiel las. Was Ezechiel aber zumindest belegt, ist, dass Geschichten von militärischem Hochmut, Strafe und Untergang im Meer im Mittelmeerraum schon lange erzählt wurden, bevor Plato seine Atlantis-Geschichte ausformulierte, und dass solche Geschichten keine Erinnerung an ein „Atlantis“ waren, sondern sich auf reale, jüngere Orte beziehen konnten.

Literatur

Ameling, W. 1993: Karthago: Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft, München.

Dafni, E. G. 2006: Platos Symposion und die Septuagintafassung von Genesis 2,23f. Methodische Überlegungen zum Austausch von hebräischem und griechischem Sprach- und Gedankengut in der Klassik und im Hellenismus. OTE / Old Testament Essays 19/3, 1139–1161.

Franke, T. C. 2016: Mit Herodot auf den Spuren von Atlantis: Könnte Atlantis doch ein realer Ort gewesen sein? Books on Demand.

Gerber, C. 1997: Ein Bild des Judentums für Nichtjuden von Flavius Josephus: Untersuchungen zu seiner Schrift Contra Apionem, Leiden, 220.

Herodot: Neun Bücher der Geschichte, übers. von Heinrich Stein, Stuttgart 1999.

Spanuth. J. 1953: Das enträtselte Atlantis, Stuttgart.

Steuerwald, H. 1983: Der Untergang von Atlantis, Berlin.

Thukydides: Buch 1–4, übers. von Adolf Wahrmund. Langenscheidtsche Bibliothek sämtlicher griechischen und römischen Klassiker in neueren deutschen Muster-Übersetzungen 56, Berlin/Stuttgart 1899.


[1] Krit. 116.

[2] Das attische Stadion maß 177,60 m.

[3] Hdt. 2:142.

[4] Timaios 22d, Politicus 268e.

[5] Wikipedia: Karthago

[6] Ameling 1993, 199.

[7] Hdt. 1:98.

[8] Franke 2016, 154.

[9] Thuk 2:32.

[10] Thuk. 3:89.

[11] Spanuth 1953, 157–188.

[12] Steuerwald 1983, 112.

[13] Gerber 1997, 230.

[14] Dafni 2006, 1159.

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