Starb Jesus in Indien?

Roza Bal – Der „Schrein des Propheten“ mit dem angeblichen Jesus-Grab in Srinagar, Kaschmir

Es gibt wohl mehr Bücher mit Theorien über Jesus als über irgendeine andere historische Gestalt. Jesus war Pharisäer, arabischer Gott, Essener, Tut-Ench-Amun oder hat gar nicht existiert – für jeden Geschmack ist ein passendes sensationelles Taschenbuch auf dem Markt. Die am häufigsten aufgeführte These ist, dass Jesus in Wirklichkeit Buddhist war, die Kreuzigung überlebte und in Kaschmir starb. Dort, in Srinagar, soll man noch heute das Grab Jesu sehen können. Soweit mir bekannt ist, wurde das Jesusgrab in Srinagar zum ersten Mal von dem spanischen Ufologen Andreas Faber-Kaiser den Prä-Astronautikem bekannt gemacht.[1] Sein Buch Jesus starb in Kaschmir erhielt recht wohlwollende Besprechungen.[2] Erich von Däniken stellte drei Jahre später das Jesus-Grab in seinem Buch Reise nach Kiribati vor[3], ebenso wurde es in der hagiographischen Besprechung in der deutschen Ausgabe der Ancient Skies abgebildet.[4]    
Als besonders eifriger Verfechter der These, Jesus habe in Indien gelebt und sei dort auch gestorben, hat sich seit 1983 der Journalist Holger Kersten hervorgetan.[5] Anfänglich reagierten die Medien noch mit ausführlichen Darstellungen auf Kerstens Thesen[6], auch wurden in verschiedenen Zeitschriften recht positive Kritiken zu Kersten veröffentlicht.[7] Generell aber haben sachkundige Autoren festgestellt, dass Kersten in diversen seiner Bücher[8] deutlich zeigt, dass er nur wenig Ahnung von der Frühzeit des Christentums und dem Judentum hat.[9] In Bezug auf die englische Ausgabe eines seiner Bücher[10] konnte die Fortean Times nur feststellen, es sei „voller Vorurteile und hochgradig langweilig“[11].    
Woher kommt nun die Behauptung, Jesu Grab befinde sich in der Khanyar-Straße in Srinagar? Praktisch keiner der hier erwähnten Autoren ist darauf eingegangen; alle sprechen von „uralten Traditionen“.

Tatsächlich wurde das Jesus-Grab erst vor rund 100 Jahren entdeckt, vorher war es unbekannt. Der „Entdecker“ war Hazrat Mirza Ghularn Ahmad von Qadian, der Begründer der Religionsgemeinschaft Ahmadiyya (Ahmadiyya Muslim Jamaat – eine Gruppe, die sich vom Islam herleitet und sich als der echte Islam versteht). Er behauptete, der im Alten Testament prophezeite Messias zu sein. Jesus, den die Christen für den Messias hielten, sei zwar ein heiliger Mann und Prophet, nicht aber der verheißene Erlöser gewesen. Auch seine eigene Rolle sah er zwar als Messias, nicht aber als Welterlöser.[12] Vom Islam, Christentum und Judentum abgelehnt, beantwortete Ahmad die Fragen nach dem Schicksal Jesu aus seinem Selbstverständnis heraus.            
Schon seit langer Zeit war den Menschen aufgefallen, dass Buddhismus und Christentum viele Äußerlichkeiten gemein haben. Zudem dachten viele gläubige Menschen noch im 19. Jahrhundert, die Bibel sei wortwörtlich wahr, daher würden alle Menschen von den Juden abstammen. Besonders in Indien wollte man viele „israelische Charakteristiken“ bemerkt haben. Heute wissen Völkerkundler und Religionswissenschaftler, dass viele der scheinbaren Ähnlichkeiten zwischen Buddhismus und Christentum eher oberflächlich sind und dass natürlich weder Afghanen noch Pakistani die verlorenen Stämme Israels darstellen.       
Ahmad ging noch von diesen zwei Punkten aus. Als Muslim kannte er die islamische Tradition, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben war, weil Allah den ihm treu ergebenen Propheten nicht leiden ließ.           
In seinem Buch Jesus in India behauptete Ahmad, Jesus sei zu den verlorenen Stämmen Israels nach Kaschmir gezogen. weil er sonst nicht der im Alten Testament verheißene Prophet sein könne, der ja „allen Kindern Israels“ predigen solle. Er hingegen, Ahmad, sei der wahre Messias. Wer mir nicht glauben will, dass Ahmads Thesen recht gewagt und – zumindest für jemanden, der nicht an ihn als den Erlöser glaubt – auch recht zweifelhaft sind, der lese sein Buch[13], das man auf der Homepage der Gemeinschaft finden kann.[14] Da für Ahmad – wie für alle Muslime – der Koran Silbe für Silbe Gottes Wort ist, sind die meisten seiner Beweise eigentlich nur extrem kontroverse Auslegungen von Koranversen.           
Um seiner theoretischen Argumentation, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben und könne somit nicht der Messias sein, den praktischen Beweis hinzuzufügen, präsentierte Ahmad der staunenden Öffentlichkeit Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts das Grab Jesu in Srinagar. Gefunden hat er es „auf Grund Göttlicher Offenbarung“[15].            
Wer also nicht glaubt, dass Ahmad der von Jahwe den Juden vorhergesagte Erlöser ist, der braucht nicht allzu viel Vertrauen in die Echtheit des Jesusgrabes in Srinagar setzen. Natürlich beweist der esoterische Ursprung der Entdeckung nicht, dass dort Jesus nicht begraben ist, aber auf diesen Ursprung der „uralten Tradition“ sollte doch einmal hingewiesen werden.

Artikel erstmals erschienen in EPAL 3 (1995), 4.


[1] Faber Kaiser, A. 1978: Jesus died in Kashmir, London.

[2] z.B. in der Fortean Times 26, Sommer 1978, 28.

[3] Däniken, E. von 1981: Reise nach Kiribati, Düsseldorf.

[4] Ancient Skies, Mai/Juni 1981 zeigt das „Heiligtum mit dem Jesus-Grab in Kaschmir“.

[5] Kersten, H. 1983: Jesus lebte in Indien, München.

[6] Ich erinnere mich an eine ausführliche Darlegung auf der „Seite 3“ in der Süddeutschen Zeitung 1983; leider habe ich den Ausschnitt verloren.

[7] Das Magazin für Grenzwissenschaften 3, Juni/Juli 1993, 172–174, bespricht Kerstens Buch von 1983 sowie die deutsche Version von Ahmad.

[8] Gruber, E. R. / Kersten, H. 1994: Der Ur-Jesus, München.

[9] Die Kritik von Annette Polnike in GRAL 2/1995, 137–139 ist detailliert und vernichtend.

[10] Gruber, E. R. / Kersten, H. 1994: The Jesus Conspiracy: The Turin Shroud & The Truth About Resurrection, Shaftesbury.

[11] „Zum Schluss war ich nur noch verärgert“, stellt die Besprechung von Steve Moore in der Fortean Times 78, Dezember 1994, 61, genervt fest.

[12] Die Frage des Mahdi und Messias ist im Islam komplex – die Selbstdarstellung der Gemeinschaft geht hier darauf ein: https://ahmadiyya.de/ahmadiyya/einfuehrung/

[13] Ahmad, G. 1989: Jesus in India, Islamabad. Auf das Jesus-Grab wird besonders auf den Seiten 24, 30, 53 und 7 eingegangen.

[14] https://ahmadiyya.de/bibliothek/art/jesus-in-indien/ (1.12.2021)

[15] Jamaat, A. M. (Hg.) 1989: Jesus in Kaschmir, Frankfurt am Main, 15.

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