Kolumbus und die Karte des Piri Re’is

Die Toscanelli-Karte von 1474. Zu erkennen sind China (Catay), Japan (Cipangu) sowie Europa und Afrika. Im Atlantik ist neben den Kanarischen Inseln, den Azoren und den Kapverdischen Inseln auch das Phantasieeiland Antilla eingetragen.

In einem Beitrag für die Zeitschrift Ancient Skies behauptete Dante Ansovini, Christoph Kolumbus habe ein Exemplar der Weltkarte des türkischen Kartographen Piri Re’is besessen, auf der Amerika bereits eingezeichnet war. Dies sei auch die Karte gewesen, die Columbus, wie im Bordbuch am 25. September 1492 beschrieben, seinen Mitreisenden zeigte, um sie zu überzeugen, dass die Reise schnurstracks auf Japan zuliefe. Da die Karte des Piri Re’is auf eine außerirdische Satellitenaufnahme zurückgehe und die Umrisse der Kontinente verzerrt zeige, habe Kolumbus die Entfernung nach Amerika unterschätzt.            
Was ist dran an diesen sensationellen Behauptungen?        
Nun, Kolumbus hätte nicht nur ein See-, sondern auch ein Zeitreisender sein müssen, um die 1513 entstandene Re’is-Karte bei seiner 21 Jahre vorher durchgeführten Entdeckungsfahrt mitzuführen!   
Sicher meint Dante also nicht die Piri-Re’is-Karte, sondern eine mysteriöse Vorgängerin dieser Karte. Und welche Karte diente Piri Re’is denn als Vorbild für seine Amerikadarstellung? Er vermerkt am Rande seiner Darstellung, welches seine Vorlage war: eine von Kolumbus eigener Hand gezeichnete Karte![1]
Auch welche Karte Kolumbus Pinzon und seinen Mitfahrern gezeigt hat, weiß man, weil Kolumbus‘ Zeitgenosse und Biograph Las Casas das extra vermerkt hat: die Weltkarte des Toscanelli.[2]
Toscanelli hatte seine Karte 1474 für den portugiesischen König gezeichnet. Bei seinen Berechnungen über die Größe der Erdkugel war ihm ein Fehler unterlaufen, er machte sie viel zu klein. Da auf seiner Weltkarte Amerika noch fehlt, beträgt der Weg von Spanien über den Atlantischen Ozean hin nach Japan (Cipangu) nur 3000 Seemeilen. Tatsächlich sind es über 10 000 Seemeilen. Kolumbus selbst hatte nachgerechnet, Toscanellis Fehler aber noch vergrößert und kam auf eine Entfernung von Europa nach Japan von sogar nur 2400 Seemeilen![3] Hätte es Amerika nicht gegeben, Kolumbus und seine Männer wären jämmerlich gestorben.

Die Benincasa-Karte von 1482 zeigt zwei große Inseln im Atlantik. Die südliche ist Antilla. Hätte Kolumbus statt der Toscanelli-Karte diese Karte an Bord gehabt, er wäre auch überzeugt gewesen, innerhalb kurzer Zeit westlich der Kanarischen Inseln auf Land zu stoßen.

Vor der Entdeckung Amerikas bevölkerten die Kartographen den ohnehin zu klein berechneten Pazifisch-Atlantischen Ozean mit Phantasieinseln wie Hy Brasil, Antilla oder der Brandansinsel. (Nach diesen keltischen Sageninseln wurden später die Antillen und Brasilien benannt.) Diese Länder wurden oft auf Karten dargestellt, ohne dass den Kartographen mehr als Legenden zur Verfügung standen, auf die sich stützen konnten. Andererseits gab es genug Berichte irischer und kanarischer Fischer, die Land im Westen gesehen haben wollten. Kolumbus selbst führt in seinem Bordbuch mehrere Sichtungen solcher Inseln im westlichen Ozean auf, die er auf den Kanaren gesammelt hatte.[4] Bei diesen Beobachtungen handelte es sich um optische Täuschungen, um Wolkenbänke oder Luftspiegelungen von Kanareninseln. Aber die Tatsache, dass zahlreiche gute Beobachter von den Kanarischen Inseln aus Land im Westen gesehen haben wollten, bestätigte Kolumbus in seiner irrigen Theorie, der Westweg von Spanien nach Indien sei nicht sehr weit. Hätte Kolumbus also – entgegen seinen eigenen Worten – kein Exemplar der Toscanelli-Weltkarte besessen, so hätte ihn jede andere zeitgenössische Atlantikkarte (z.B. die Benincasa-Karte von 1482[5]) ebenso dazu dienen können, seine Mitfahrer davon zu überzeugen, dass sie im Westen bald auf große Inseln und neue Länder stoßen würden.

Kartenskizze von Kolumbus, die die Nordküste Hispaniolas darstellt. Piri Re’is will Karten von Kolumbus zum Anfertigen seiner Karte genutzt haben.

Nachdem geklärt ist, welche Karte Kolumbus besaß und dass es sich dabei nicht um die Piri-Re’is-Karte handelte, bleibt eine zweite Frage offen: Wie konnte Piri Re’is bereits 1513 Amerika so präzise darstellen?     
Der türkische Kartenzeichner gibt darauf die Antwort: Er kannte einen Matrosen, der mit Kolumbus gereist war. Auf europäische Quellen verweist auch die Tatsache, dass Re’is in den Atlantik die Irrfahrt des irischen Mönches Brandan, der einen Wal für eine Insel hielt, eingezeichnet hat – eindeutzig kein antikes, sondern ein mittelalterliches, christliches Motiv. Kolumbus selbst war Kartograph. Seine Karten der neuen Welt waren äußerst präzise, wie das Beispiel der von ihm gezeichneten Karte der Insel Hispaniola (Dominikanische Republik/Haiti) zeigt.[6]          

Auf den Karten des Kolumbus und Karten der anderen spanischen, portugiesischen und englischen Entdeckern basierend, wurde Amerika bald auf Weltkarten eingezeichnet – z. B. auf die Weltkarte des Juan de la Cosa von 1500[7], auf die Cantino-Karte von 1502[8] oder auf die Amerikakarte des Deutschen Waldseemüller von 1507.[9] Die Umrisse Nord-, Mittel- und Südamerikas, wie sie auf diesen Karten erscheinen, sowie die Lage der Neuen Welt in Bezug auf Europa und Afrika sind auf diesen Karten – und auf vielen ähnlichen Werken aus dieser Zeit – praktisch identisch mit den Umrissen der Kontinente auf der Karte des Piri Re’is. Wie auch dort springt Südamerika weit in den Atlantik vor, der südliche, noch unbekannte Teil wird – je nach Kartograph verschieden – per Phantasie ergänzt. Juan de Cosa lässt Südamerika wieder nach Westen zurückspringen, Cantino lässt es sanft nach Osten auslaufen, Re‘is folgt dieser Version und dehnt den Kontinent gewaltig nach Osten. Dieses Phantasieland hat wenig mit der Antarktis, als die es in der prä-astronautischen Literatur identifiziert wird, zu tun – vermerkt doch Re’is auf der angeblichen „Antarktis“, dort lebten große Schlangen.           

Weltkarte von Alberto Cantino, 1502
Die Atlantik-Karte des Juan de la Cosa von 1500 zeigt Afrika, Europa, Nord-, Mittel- und Südamerika praktisch identisch wie die Piri Re’is-Karte. Sogar die Phantasieinsel vor Brasilien ist hier eingezeichnet.

Es fällt auf, dass Haiti, auf den europäischen Karten korrekt dargestellt, bei Piri Re’is als quadratische, in der Himmelsrichtung gedrehte Insel erscheint. Kuba fehlt ganz. Offenbar hat er sich hier mehr an den gängigen Phantasiekarten von Antilla als an den tatsächlichen Begebenheiten orientiert.    
Die Karte des Piri Re’is zeigt nicht irgendwelches erst im 20. Jahrhundert entdeckte Wissen, sondern entspricht völlig dem geografischem Wissen seiner Zeit. Die Umrisse Amerikas, Europas und Afrikas sind identisch mit denen, die zeitgenössische europäische Karten zeigen.

Die Karte des Piri Re’is. Haiti ist um 90 Grad gedreht, Kuba fehlt, die Küstenlinie Brasiliens entspricht den Karten von de la Cosa und Cantino. Mittelamerika ist ungenauer als auf den europäischen Karten. Die großen Inseln vor Brasilien und die kleinen Inselgruppen vor dem südlichen Südamerika existieren in Wirklichkeit nicht.

Es ist kein Wunder, dass die Karte des Piri Re’is praktisch identisch ist mit der des Juan de la Cosa oder der Cantino-Karte: Sie basiert eindeutig und zugegeben auf spanischen und christlichen Darstellungen Amerikas.
Als die Karte 1513 gezeichnet wurde, hatten europäische Seefahrer sämtliche darauf dargestellten Länder bereits entdeckt und kartographiert: Bei seinen vier Reisen von 1492 bis 1504 fand Kolumbus die Bahamas, Kuba, die Insel Hispaniola (Haiti und die Dominikanische Republik), Jamaica, Mittelamerika und Venezuela. 1497 betrat Caboto in Labrador Nordamerika, 1498 Alonso de Ojeda Kolumbien. 1499 fand der Spanier Pinzon Brasilien. Um 1500 befuhren die Spanier bereits die Nordküste Südamerikas. Cabral landete 1500 in Brasilien, 1503 dann der Franzose Paulmier de Gonneville. 1512 erreichte Ponce de Leon Florida. Nach Schreiber[10] kannten die Europäer 1518 „Cuba, Haiti und Hunderte kleiner mittelamerikanischer Inseln …, Küstenstriche Kanadas und Labradors, weite Strecken der mittelamerikanischen Landbrücke und der Küsten Venezuelas, Brasiliens und sogar die Bucht von Rio mit der nach Süden sich anschließenden Küstenlandschaft“[11].

Übrigens: Wer war Piri Re’is?

Achmed Muhiddin Piri kam zwischen 1465 und 1470 entweder in Karaman bei Konya oder in Gallipoli zur Welt. Sein Vater hieß Hadji Mehmed, seine Mutter war die Schwester des berühmten Piraten Kemal Reis (ca. 1450–1510). Wie sein Onkel ging Achmed zur See und brachte es bis zum Re’is, zum Admiral der türkischen Flotte. Als Piri Re’is segelte er mit seinem Onkel bereits 1487 im Mittelmeer, kämpfte gegen Spanier, Genuesen, Venezianer und andere Feinde des Islam. Bereits 1501 kaperte er bei Valencia sieben spanische Segelschiffe. Daneben interessierte er sich für Erdkunde und Kartographie. „Auf seinen zahlreichen Seefahrten erwarb er … erstaunliche Kenntnisse …. Die Verwendung fremdsprachiger Quellen war für ihn problemlos. Außer seiner Landessprache war er des Griechischen, Italienischen, Portugiesischen und Spanischen mächtig.“[12]    
Er befuhr den Persischen Golf und das Arabische Meer, eroberte 1547 Aden, wurde 1551 zum Kommandeur der ägyptischen Flotte, kämpfte um Landstriche bei Maskat, Hormus und durchbrach die portugiesische Schiffsperre im Persischen Golf. Aufgrund falscher Berichte über seine Heldentaten zur See (es wurde von Neidern kolportiert, er habe 20 Schiffe an die Portugiesen verloren, es war jedoch nur eines) ließ ihn Sultan Suleiman II. 1554 hinrichten. Das war keine sehr intelligente Entscheidung.       
Denn Piri Re’is war nicht nur ein Haudegen, sondern auch ein gebildeter und tüchtiger Kapitän. Die berühmte Weltkarte ist nur ein Ergebnis seiner intensiven Forschertätigkeit. Wir verdanken Piri Re’is zudem das Kitab-i Bahriye, das „Buch vom Meer“. Während seiner Tätigkeit als Pirat hatte Piri Re’is viele Schiffe kapern können und ungläubige Gefangene gemacht. Die Schiffe ließ er nach Karten und Aufzeichnungen durchforsten, die Seemänner befragte er nach ihren Reiseerlebnissen. Seine Beherrschung vieler Sprachen ermöglichte es Piri Re’is, große Mengen an aktuellem Wissen vieler Nationen anzuhäufen. Unter anderem wusste er genauestens über die Entdeckung Amerikas Bescheid.   
All diese Information nutze Piri Re’is, um 1513 seine Weltkarte zu zeichnen, die er 1517 dem Sultan Suleiman dem Eroberer (1512–1520) übergab. Eine zweite Weltkarte, die ebenfalls nur fragmentarisch erhalten blieb, zeichnete er 1528. Sein „Buch vom Meer“ erschien erstmals 1521 in Gallipoli, türkisch Gelibolu. In 130 Kapiteln werden verschiedene Abschnitte des Meeres beschrieben und kartographiert. Die zweite Auflage widmete er 1526 Suleiman II. (1520–1566), insgesamt sind den Orientalisten 18 verschiedene Abschriften bekannt.[13]

Piri Re’is interessierte sich besonders für neueste Entdeckungen und geographische Theorien. Über Amerika wusste er, wie gesagt, genauso gut Bescheid wie die Christen. Er kannte auch die theoretische Behauptung des Ptolemäus, Asien auf der Nordhalbkugel müsse – aufgrund der Harmoniegesetze – ein ebenso großer Kontinent im Süden gegenüberstehen. Obwohl er auf seiner Weltkarte Südamerika nach Osten abknicken lässt, wie es damals allgemein üblich war, sagt er dennoch ausdrücklich im Bahriye, „dass die bekannte Welt bei 55° südlicher Breite aufhört und eine Schifffahrt weiter südlich nicht mehr möglich sei.“[14]   
In Folge der Revolution Kemal Atatürks wurde das Archiv des Topkapi-Palastes in Istanbul erfasst. Dabei wurde im Oktober 1929 die Karte des Piri Reis entdeckt – leider nur als Fragment von 90 x 65 cm Größe. Ganz offensichtlich fehlen Nordamerika, Europa nördlich der Iberischen Halbinsel und das gesamte Asien. Forscher vermuten, dass die ganze Weltkarte, mit den heute verlorenen Sektionen, 140 x 165 cm gemessen hätte.[15]

Der Text auf der Karte

Nirgendwo in ihren Werken gehen Erich von Däniken und die Prä-Astronautiker ausführlicher auf den Text ein, der überall auf der Karte zu finden ist. Immerhin sind das 117 Ortsnamen und über 15 umfangreiche Textblöcke mit historischen Berichten über die Entdeckung Amerikas sowie Angaben darüber, wie Piri Re’is beim Kartenzeichnen vorging.          
So lesen wir neben Brasilien folgende Kurzfassung der Entdeckungsfahrten des Kolumbus:

„In diesem Abschnitt wird gezeigt, auf welche Weise diese Küsten und auch diese Inseln gefunden worden sind. Diese Küsten nennt man Antilla-Gestade. Sie wurden im Jahre 896 des arabischen Kalenders entdeckt. Aber man berichtet folgendermaßen: Es soll einen ungläubigen Genuesen namens Columbus gegeben haben: Er ist es, der diese Gebiete gefunden hat. So soll in dieses Columbus Hand ein Buch gekommen sein. In diesem Buch findet er die Angabe, dass das Westmeer ein Ende hat, das heißt, dass es auf der Seite des Unterganges [der Sonne] Küsten und Inseln und allerlei Metalle und auch Edelsteine gibt. Er liest dieses Buch vollständig, erläutert diese Dinge den Großen von Genua Stück für Stück und sagte: ‚Kommt, gibt mir zwei Schiffe, lasst mich gehen und diese Orte finden.‘ Sie sagten: ‚O unprofitabler Mann, kann denn im Westmeer ein Ende oder eine Grenze gefunden werden? Sein Dunst ist voll Dunkelheit.‘ Der besagte Columbus sah, dass er von den Genuesen keine Hilfe erhalten würde und so eilte er zum Bey [König] von Spanien und berichtete dort seine Geschichte in allen Einzelheiten. Er antwortete ebenso wie die Genuesen. Kurz gesagt, Columbus bat diese Leute über lange Zeit, und letztendlich gab ihm der Bey von Spanien zwei Schiffe, sorgte dafür, dass sie wohl ausgerüstet wurden, und sagte: ‚O Columbus, sollte es so sein wie du sagst, werden wir dich zum Kupudan [Admiral] dieses Landes machen.‘ Das gesagt, schickt er den erwähnten Columbus in das Westmeer. Der verstorbene Gazi Kemal hatte einen spanischen Sklaven. Der besagte Sklave hat gesagt: ‚Ich bin mit Columbus dreimal nach jenem Gebiet gefahren‘, und er hat dem verstorbenen Kemal Re’is erzählt und gesagt: ‚Zuerst sind wir zum Septe Bogazi [Straße von Gibraltar] gelangt; nachdem wir dann von dort geradeaus viertausend Meilen nach West und Süd zwischen den beiden … [unleserliche Stelle] gesegelt waren, sahen wir uns gegenüber eine Insel, aber nach und nach waren die Wellen des Meeres ohne Schaum, das heißt, das Meer beruhigte sich, und der Nordstern – die Seeleute am Kompass sagen noch immer der Stern – wurde nach und nach verschleiert und dann unsichtbar‘, er sagte zudem, die Sterne in dieser Gegend seien anders angeordnet als bei uns. Sie haben eine andere sichtbare Anordnung. Sie warfen Anker bei der Insel, die sie schon zuvor gesichtet hatten, die Einwohner der Insel kamen, schossen Pfeile auf sie ab und ließen nicht zu, dass sie landeten oder nach Informationen fragen konnten. Die Männer und die Frauen schossen Pfeile. Die Pfeilspitzen waren aus Fischknochen, und die ganzen Leute waren nackt und sehr … [unleserliche Stelle] Als sie sahen, dass sie auf dieser Insel nicht landen konnten, fuhren sie zur anderen Seite dieser Insel, dort sahen sie ein Boot. Als es sie gewahr wurde, floh das Boot und sie rannten an Land. Da nahmen sie das Boot. Sie fanden Menschenfleisch darin. Denn diese Leute gehörten zu dem Volk, das von Insel zu Insel zieht, um Menschen zu jagen und sie zu verspeisen. Sie sagten, Columbus habe erneut eine Insel gesehen, man habe sich ihr genähert, sie sahen, dass auf dieser Insel große Schlangen waren. Sie vermieden, auf dieser Insel zu landen und blieben 17 Tage dort. Die Einwohner dieser Insel sehen, dass ihnen von diesem Schiff kein Schaden kommt, sie kommen heran, fangen Fische und bringen sie auf ihren Booten. Auch die Spanier sind froh darüber und geben ihnen Glasperlen; er soll nämlich in dem Buch gefunden haben, dass Glasperlen in dieser Gegend geschätzt sind. Als sie die Perlen sahen, brachten sie noch mehr Fische. Jene gaben ihnen Glasperlen. Eines Tages sahen sie Gold am Arm einer Frau, sie nahmen das Gold und gaben ihr Perlen. Sie sagten, bringt noch mehr Gold, und wir werden euch mehr Perlen geben. Da gingen jene und brachten ihnen viel Gold. Offenbar gab es in ihrem Gebirge Goldminen. Eines Tages sahen sie Perlen in der Hand eines Menschen. Sie erkannten, dass wenn sie ihnen Glasperlen gaben, ihnen viel mehr [echte] Perlen gebracht wurden. Perlen wurden an den Ufern jener Insel gefunden, in etwa ein oder zwei Faden Tiefe. Sie beluden ihr Schiff mit vielen Baumstämmen und nahmen auch zwei Eingeborene mit und brachten alles innerhalb dieses Jahres dem Bey von Spanien. Der besagte Columbus, der die Sprache dieses Volkes nicht kannte, verständigte sich mit Zeichen, und nach dieser Reise sandte der Bey von Spanien Priester und Hafer, brachte den Eingeborenen bei, wie man sät und erntet und bekehrte sie zu seiner eigenen Religion. Denn sie hatten keinerlei Religion. Sie waren nackt und schliefen wie die Tiere. Jetzt sind jene Gegenden völlig erschlossen und berühmt geworden. Die Namen soviel ihrer bei den erwähnten Küsten und Inseln stehen, hat sämtlich Columbus gegeben, dass sie unter ihnen bekannt seien. Und Columbus soll auch ein großer Astronom gewesen sein. Die Küsten und Inseln auf dieser Karte sind von der Karte des Columbus kopiert.“[16]

Und über die Herstellung der Karte finden wir diese wichtigen Informationen in arabischen Lettern neben den Küstenlinien Argentiniens:

„In diesem Abschnitt wird gezeigt, auf welche Weise diese Karte gezeichnet wurde. Eine Karte von der Art dieser Karte besitzt in diesem Jahrhundert niemand. Gezeichnet von der Hand dieses Armen ist sie jetzt hergestellt worden. Zumal hat er von rund zwanzig Karten und Mappamondos [Weltkarten] – und zwar ist da die zur Zeit von Iskender des Zweigehörnten [Alexander der Große] verfasste Karte, auf der die bewohnte Welt bekannt gemacht ist, die Araber nennen diese Karte Dschafariye, von acht solchen Dschafariye-Karten also und von einer arabischen Karte von Hind [Indien] und von den Karten, die eben von vier Portugiesen verfasst worden sind und auf welchen Karten die Länder Sind und Hind und China nach der Methode der Geometrie eingezeichnet sind, und von einer Karte, die Columbus in der westlichen Gegend gezeichnet hat, hat er dies entnommen und es auf einen Maßstab gebracht, und so hat sich diese Form ergeben, so dass also in demselben Grade, als Karten unserer Gegend unter den Seeleuten als richtig und vertrauenswürdig gelten, auch die vorliegende Karte mit den sieben Meeren richtig und vertrauenswürdig ist.“ [17]

Es gibt also keine Unklarheiten: Die Kontinente Asien, Afrika und Europa stammen von portugiesischen, arabischen und antiken Karten. Dagegen folgt die Darstellung Amerikas Karten, die Kolumbus gezeichnet hat: „Die Küsten und Inseln auf dieser Karte sind von der Karte des Columbus kopiert.“

Jetzt verwundert es nicht mehr, dass Däniken und seine Nachfolger zwar die Karte des Piri Re’is sehr gerne abbilden, aber nie aus Piri Re’is‘ Text zitieren.

Literatur

Ansovini, D. 1993: Christoph Kolumbus und die Karte des Piri Reis. Ancient Skies 6, 7–8.

Berlitz, C. 1976: Das Atlantis Rätsel, Wien.

Collis, J. S. 1991: Christoph Kolumbus, München.

Däniken, E. von 1968: Erinnerungen an die Zukunft, Düsseldorf.

Dopatka, U. 1979: Lexikon der Prä-Astronautik, Düsseldorf.

Dyson, J. / Christopher, P. 1991: Colöumbus, München.

Faber, G. 1987: Auf den Spuren von Christoph Kolumbus, München.

Fischer-Fabian, S. / Jürgens, K.-H. 1991: Kolumbus, Bergisch Gladbach.

Gadow, G. 1971: Erinnerungen an die Wirklichkeit. Erich von Däniken und seine Quellen, Frankfurt am Main.

Hermann, I. (Hg.) 1992: Terra X – Und dann kam Kolumbus, München.

Hertel, P. / Klügel-Hertel, G. 1984: Ungelöste Rätsel alter Erdkarten, Köln.

Johnson, D. S. 1999: Fata Morgana der Meere. Die verschwundenen Inseln des Atlantiks, München.

Kolumbus, C.: Bordbuch, Frankfurt am Main.

Lequenne, M. 1992: Christoph Columbus, Ravensburg.

McIntosh, G. C. 2000: The Tale of Two Admirals. Mercator’s World, Mai/Juni.

Pleticha, H. 1977: Kolumbus, Gütersloh.

Schreiber, H. o. J.: Die Welt wird entdeckt, Darmstadt.

Sudhoff, H. 1990: Sorry Kolumbus, Bergisch Gladbach.

Venzke, A. 1991: Der „Entdecker Amerikas“, Zürich.

Wiesenthal, S. 1991: Segel der Hoffnung, Berlin.

Artikel erstmals erschienen im Magazin für Grenzwissenschaften 13 (731–733), überarbeitet 2021.


[1] Gadow 1971, 54 / Dopotka 1979, 275.

[2] Venzke 1991, 82. Die Toscanelli-Karte ist abgebildet in Sudhoff 1990, Tf. 6; Wiesenthal 1991, 61; Pleticha 1977; Faber 1987, 48; Collis 1991, 71; Fischer-Fabian/Jürgens 1991, B. 20.

[3] Hermann 1992, 64.

[4] Bordbuch, 9. August 1492; Kolumbus, 17.

[5] abgebildet in Berlitz 1976, 85.

[6] abgedruckt u.a. bei Faber 1987, 131; Dyson/Christopher 1991, 177.

[7] abgebildet in Venzke 1991; Dyson/Christopher 1991, 206 f; Lequenne 1992, 4 f.

[8] Hermann 1992, 206; Lequenne 1992, 6 f; Fischer-Fabian/Jürgens 1991, B. 150.

[9] abgedruckt in Dyson/Christopher 1991, 208 f.

[10] Schreiber o. J., 304.

[11] Daten der Entdeckungen nach nach Schreiber o. J., 304; Venzke 1991, 296 f; Hermann 1992, 205; Dopatka 1979, 275.

[12] Hertel / Klügel-Hertel 1984, 25

[13] Hertel / Klügel-Hertel 1984, 27 ff; McIntosh 2000.

[14] Hertel / Klügel-Hertel 1984, 28.

[15] McIntosh 2000; Hertel / Klügel-Hertel 1984, 25 ff.

[16] Text nach Akcura 1933, 9 f, zitiert in Hertel / Klügel-Hertel 1984, 34; korrigiert nach http://www.prep.mcneese.edu/engr/engr321/preis/notes.htm.

[17] Text nach Akcura 1933, 8, zitiert in Hertel / Klügel-Hertel 1984, 36; korrigiert nach http://www.prep.mcneese.edu/engr/engr321/preis/notes.htm.

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