Marsmenschen in der Sahara? – Die Felsbilder von Tassili

Das Tassili-Massiv in der Sahara (Algerien) ist reich an prähistorischen Felszeichnungen. Die Datierung der mehr als 15 000 Abbildungen von Menschen und Tieren bleibt bis heute umstritten; Schätzungen schwanken zwischen einem Alter von sechs- bis zwölftausend Jahren (Coulson/Campbell, 5 f). Die dortigen Darstellungen grotesker humanoider Wesen bieten bereits seit ihrer Entdeckung Anlass zu Deutungen als außerirdische Raumfahrer, maßgeblich popularisiert durch Erich von Däniken seit dessen ersten Büchern.
Mit den Felsbildern von Tasili untrennbar verbunden ist der Name Henri Lhote. Der französische Forschungsreisende und Ethnologe – ein Schüler von Henri Breuil, dem Begründer der Erforschung der frankokantabrischen Höhlenkunst – widmete sein Leben der Entdeckung und Dokumentation jener prähistorischen Kunstwerke der Sahara, denen er einen Status gleichberechtigt mit den berühmten Höhlenmalereien Frankreichs einräumte. Auf sein Buch A la découverte des fresques du Tassili (1958, dt. Die Felsbilder der Sahara) geht auch die Bezeichnung eines gewissen Bildtypus als „Marsmenschen“ zurück, weshalb ihm oft eine Einstellung im Sinne der Prä-Astronautik – fast ein Jahrzehnt vor Erich von Dänikens Erinnerungen an die Zukunft – unterstellt wird.

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“Großer Marsgott”, Jabbaren (Lhote 1959, Abb. 21)

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Rechts: “Rundköpfe” (u.a. Bogenschütze), Jabbaren (Lhote 1959, Abb. 22)

Am Sandsteinmassiv von Jabbaren (Tuareg für Riesen nach den dortigen Felsbildern) stieß Lhote 1938 auf einige der ältesten und schließlich berühmtesten Felszeichnungen (Lhote 1959, 67-69). Neben zahlreichen Tierdarstellungen und verschiedenen Mischwesen (darunter gehörnte Menschen und ein Wesen mit Elefantenkörper und Giraffenkopf) finden sich dort rundköpfige humanoide Gestalten, die Lhote als „Marsmenschen“(Martian)-Typus bezeichnete (Lhote 1959, 69, 71). Bekannt ist der rund sechs Meter messende „große Marsgott“ (Abb. 21), dessen seitliche Kopfstrukturen an einen Helm erinnern; neben diesem treten auch „Rundköpfe“ mit Schwänzen und ohne nähere Gesichtsstrukturen auf (Abb. 22). Manche der Marsianer besitzen kleine, spitze Brüste und sind somit anscheinend als weiblich klassifiziert (Abb. 22, Pl. II). Nach den „Rundköpfigen“ benannte Lhote auch die mutmaßlich älteste Stilperiode der Tassili-Bilder (wiederum unterteilt in mehrere Phasen, gefolgt von einer „bovinen“ Periode) (Lhote 1959, 192 ff).           
Ein gewaltiges Felsbild an der Fundstelle Sefar zeigt neben mehreren weiblichen „Rundköpfen“ eine riesige humanoide Gestalt mit unförmigem Kopf, die Lhote als „großen Gott“ deutet (Pl. II – Titelbild oben). Die ritualhafte Handlung und die Darstellung einer anscheinend gebärenden Frau deuten bei diesem Bild auf den Kontext eines Fruchtbarkeitskultes hin (Lhote 1959, 207).

Deutung als Außerirdische

Bereits in seinem Erstlingswerk Erinnerungen an die Zukunft stellte Erich von Däniken eine Deutung der „Rundköpfe“ von Tassili als Außerirdische vor: „Uns will, ohne die Phantasie sonderlich zu strapazieren, scheinen, daß der große Marsgott in einem Raum- oder Taucheranzug dargestellt wurde. Auf seinen wuchtigen, plumpen Schultern liegt ein Helm, der durch eine Art von Gelenk mit dem Rumpf verbunden ist. Dort, wo Mund und Nase hingehören, zeigt der Helm verschiedene Schlitze.“ (EvD 1, 47) Den „großen Gott“ von Sefar nennt von Däniken im Kontext von Riesen (EvD 2, 49), die Auswüchse eines gehörnten Mannes (Abb. 37) interpretiert er als Antennen (EvD 2, 71). Ein schwerelos dahingleitender „Rundkopf“ des Fundplatzes Ti-n-Tazarift (Abb. 43) wird von Lhote als „Schwimmer“, von von Däniken als Figur in einem „enganliegenden Raumfahreranzug mit Steuergeräten an den Schultern und Antennenstäben am Schutzhelm“ (EvD 2, 18) gedeutet.

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Gehörnte Gestalt und Frau, Aouanrhet (Lhote 1959, Abb. 37)
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“Schwimmer”, Ti-n-Tazarift (Lhote 1959, Abb. 43)

In der Tat geht die prä-astronautische Deutung den Theorien von Dänikens bereits voraus – ist sie doch längt in der von Lhote geprägten Bezeichnung „Marsmenschen“ für die rundköpfigen Gestalten mit seltsamem Gesicht angelegt. So wird dieser auch von verschiedener Seite – darunter (bislang) die deutsche und englische Wikipedia (Stand Juni 2021) – als früher Anhänger der Prä-Astronautik bezeichnet, der eine solche Deutung tatsächlich postuliert habe.
Die Realität sieht jedoch anders aus, wie aus Lhotes eigener Erklärung für die Bezeichnung hervorgeht:

Die Umrisse sind einfach und kunstlos, der runde Kopf, bei dem als einzige Besonderheit ein doppeltes Oval in der Mitte des Gesichts angedeutet ist, erinnert an das Bild, das wir uns gewöhnlich vom Marmenschen machen. Marsmenschen! Wäre das nicht ein zugkräftiger Titel für eine Sensationsreportage, der ungeahnte Perspektiven erschließt! Sollten Marsmenschen wirklich in die Sahara gekommen sein, dann nur vor Jahrtausenden, denn die Malereien der Rundköpfe im Tassili sind, soweit wir wissen, die allerältesten.“ (Lhote 1963, 88)

Daraus geht eindeutig hervor, dass Lhote eben nicht tatsächlich von außerirdischen Besuchern in grauer Vorzeit ausging, sondern die zeitgenössische Vorstellung von Außerirdischen vielmehr satirisch rezipierte. Nicht etwa Belege sind Grund für die Bezeichnung als “Marsmenschen”, sondern allein die oberflächliche Ähnlichkeit zu einem bereits damals etablierten Klischee der Populärkultur.
Kreative Namen für die von ihm entdeckten Felsbilder prägte Lhote auch an anderer Stelle: So taufte er etwa eine weibliche Figur bei Jabbaren nach der Romanfigur von Pierre Benoit Antinea, explizit ohne damit etwas über die tatsächliche Bedeutung des Kunstwerks aussagen zu wollen (Lhote 1959, 182).
Auf einem Missverständnis basiert weiterhin die bisweilen wiederholte Behauptung, Lhote habe den von ihm entdeckten „Marsgott“ Jabbaren genannt– hierbei nämlich handelt es sich um den Fundort, nicht die Bezeichnung. Diesen gibt Lhote in der Bildunterschrift „Jabbaren. Der große Marsgott.“ (Lhote 1963, 88) wie auch bei allen anderen Illustrationen des Buches vor der Nennung des dargestellten Motivs an.
Über die bloße Bezeichnung hinausgehende Spekulationen über Außerirdische finden sich in Lhotes Werk nicht – indes distanzierte er sich deutlich von den für ihn unverständlichen Hypothesen, die in den von ihm entdeckten Felsbildern die Überreste von Atlantis erkennen wollten und sich dabei auf das angebliche Wissen gewisser „theosophischer Sekten“ beriefen. Platons Atlantis-Bericht betrachtete er als reine Fiktion (Lhote 1959, 181-190).

Könnte aber – unabhängig von den Ansichten Henri Lhotes – die Deutung der „Rundköpfe“ als Außerirdische in Raumanzügen dennoch berechtigt sein? In manchen Darstellungen (Abb. 22) scheinen die „Marsmenschen“ neben normalen Menschen aufzutreten, was eine Verschiedenheit von diesen nahelegt.
Von akademischer Seite vorgeschlagen wurde eine Deutung der seltsamen Gesichter als Masken. In der Tat finden sich in Sefar auch verschiedene Darstellungen von Masken bzw. Menschen mit Masken (Abb. 52/53), die solchen gleichen, die zu Lhotes Zeiten noch immer in Westafrika Verwendung fanden (Lhote 1959, 223). Auch wenn ein solcher Zusammenhang für die Gestalt der „Marsmenschen“ bislang nicht belegt ist und somit eine bloße Hypothese verbleibt, so wäre diese gemäß Ockhams Rasiermesser der außerirdischen Deutung doch tendenziell vorzuziehen.
Gegen eine Deutung der Gestalten als Raumanzüge sprechen außerdem weitere Details der Darstellungen: Einige der weiblichen „Rundköpfe“ in Pl. II (um den „großen Gott von Sefar“ herum) besitzen eindeutig Brüste sowie in einem Fall die Andeutung einer Vulva, womit sie offenbar nackt (und nicht in Raumanzügen) dargestellt sind. Einer der „Rundköpfe“ in Abb. 22 trägt in seiner Hand außerdem einen Bogen, was schwer mit der Vorstellung technologisch fortgeschrittener Außerirdischer zu vereinbaren ist.

Eine kuriose Parallele

Wenn es sich tatsächlich, wie von den Anhängern der Prä-Astronautik angenommen, um Darstellungen jener Außerirdischen handeln sollte, die angeblich so viele verschiedene Kulturen besuchten – müssten sich dann nicht ganz ähnliche Darstellungen auch in anderen Kulturen finden?
Die in einschlägigen Publikationen der Prä-Astronautik dargestellten Reliefs, Statuen und Figurinen teilen zwar ihren oberflächlichen Anschein technologischer Details (oder zumindest das Vorhandensein irgendeiner Form von Helmen), unterscheiden sich ansonsten jedoch meist viel zu sehr untereinander, als dass sie eine gemeinsame Grundlage bestätigen würden. Mit möglicherweise einer Ausnahme:

Eine Keramikfigurine der Jama-Coaque-Kultur in Ecuador, aufbewahrt im Museo de las Culturas Aborigines in Cuenca, besitzt einen ähnlichen runden Kopf mit seitlichen Aufsätzen/Schläuchen(?), einer runden Mund(?)öffnung und einer Art Collier oder Halskragen bei gleichzeitig recht stämmigem Körperbau. Obgleich die Figurine in grenzwissenschaftlichen Werken immer wieder erwähnt wird (so war sie sogar in der Ausstellung Unsolved Mysteries zu sehen), scheint zu meiner eigenen Verwunderung bislang niemand einen Zusammenhang zu den „Marsmenschen“ von Tassili angemerkt zu haben. Ein Zufall?
Wahrscheinlich. Abgesehen davon, dass die Figurine aus Ecuador nicht um viele Jahrtausende jünger zu datieren ist – wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwo in der weltweiten Kulturgeschichte mindestens eine oberflächlich ähnliche Darstellung zum “Marsgott” von Jabbaren gibt?

Bei schriftlosen Kulturen der Vorgeschichte ist es mangels Quellen fast immer unmöglich, Bedeutung und Zweck unkonventioneller Bilddarstellungen sicher zu identifizieren – so auch bei den prähistorischen Felsbildern des Tassili-Massivs. Bei diesen könnte es sich um Darstellungen von Schamanen, mythischen Wesen oder schlichtweg eine uns nicht mehr verständliche Symbolsprache handeln – auflösen lässt sich dies höchstwahrscheinlich nie, doch würden solche Deutungen in der Kunst- und Kulturepoche immerhin eindeutige Parallelen finden.
Die Deutung als naturalistische Darstellung von Außerirdischen in Raumanzügen dagegen scheitert bereits oberflächlich an den dargestellten Details (Nacktheit, Bogenwaffe), auch wenn sie zumindest eine internationale Parallele finden würde. Vielmehr ist die neue Lesart – von Lhote im Scherz, von Däniken im Ernst geäußert – ein kurioses Beispiel dafür, wie sich unter dem Einfluss moderner Populärkultur ein gänzlich anachronistisches Bild aufdrängen mag.

Quellen

Henri Lhote: A la découverte des fresques du Tassili

David Coulson / Alec Campbell: Rock Art of the Tassili n Ajjer, Algeria

Rezeption: EvD 1 (2014), Erinnerungen an die Zukunft (47-49) / EvD 2 (2014), Zurück zu den Sternen (18, 49, 71, 96-99, 147) / Unsolved Mysteries (204) / Reinhard Habeck, Bilder, die es nicht geben dürfte (38 f)

Zur Figurine aus Ecuador: Reinhard Habeck, Dinge, die es nicht geben dürfte (146 f) / Unsolved Mysteries (209)

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