Ein abgestürztes UFO im Alten Ägypten?

Hennu-Gottesbarke im Hathor-Tempel von Deir el-Medina (Neithsabes, Wikimedia Commons)

In mehreren prä-astronautischen Texten wird behauptet, es habe im Alten Ägypten das Wrack eines Götterfahrzeugs aus Metall gegeben. Der Autor geht der Behauptung nach, der griechische Autor Plutarch hätte dieses Götterschiff mit eigenen Augen gesehen, und prüft mögliche Erklärungen.

Das abgestürzte Raumschiff des Osiris ist ein solch faszinierendes „Beweisstück“ für die These antiker Raumfahrer, dass ich mich immer gewundert habe, warum es stets nur eine Fußnote in der einschlägigen Literatur geblieben ist.[1]
Von ihm berichtet Ulrich Dopatka kurz und knapp: „Plutarch behauptet, vor dessen Reise nach Ägypten habe man dort noch Teile aus rotgoldenem Metall auf einer oberen Nilinsel liegen sehen. Sie stammten von einem Schiff, mit dem Osiris aus dem Nachtmeer gekommen sei.“[2]
Dopatkas Quelle ist K. F. Kohlenbergs Enträtselte Vorzeit.[3] Dort wird das Schiff an drei Stellen erwähnt:

„Plutarch behauptet, ein Menschenalter vor seinem Besuch in Ägypten habe man noch Trümmer aus rotgoldenem Metall von jenem Schiff auf einer der oberen Nilinseln liegen sehen, mit dem Osiris einst aus dem Nachtmeer herabgekommen sei: (53)“ (S. 165)

„Einmal die eigentlichen Raumschiffe, wie das des Osiris, von dem Plutarch (53) erzählt, aus goldgelbem Metall, mit Glasfenstern …“ (S. 212)

„Wie die Ägypter sich laut Plutarch an die Reste des Osirisschiffes auf einer der oberen Nilinseln erinnerten, …“ (S. 215)

Und wie lautet Kohlenbergs Quelle? Er gibt sie auf S. 447 an:

„53. Plutarch: De Isid. et Osirid. Hrsg. J. J. Reiske, 1–12, 1774–1782“

Das ist eine höchst unspezifische Quellenangabe, nämlich die ersten zwölf der insgesamt 81 Kapitel aus Plutarchs Aufsatz Über Isis und Osiris. Und vorab gesagt: Dort findet sich gar nichts, was auch nur im Entferntesten an Kohlenbergs Angaben erinnert.

Was bei Plutarch steht

Plutarch lebte von ca. 46–20 n. Chr. und schrieb auf Griechisch zahlreiche Biografien römischer Kaiser, aber auch eine Kritik Herodots und philosophische Werke. Er selbst war unter anderem Priester im griechischen Orakelzentrum Delphi. Mit diesem Hintergrund verfasste er das eben genannte Über Isis und Osiris, eine Erklärung ägyptischer Kulte für römische Leser. Der Kult der Isis war damals im ganzen Römischen Reich populär (dabei handelt es sich nicht um den ursprünglichen ägyptischen Kult, sondern um eine römische Adaption).

Kapitel 1 bis 12 des Buchs geben dem Leser eine allgemeine Einführung und Schilderung der Reinheits- und Speisegebote sowie anderer Vorschriften für Priester der Isis und des Osiris. Ab Kapitel 10 macht sich Plutarch für eine symbolische Deutung der ägyptischen Mythen stark. Ab Kapitel 12 wird der Mythos von Osiris geschildert. Kurzgefast wird folgendes erzählt: Osiris wird von seinem Bruder Seth überredet, in einen nur ihm passenden Sarg zu steigen, darauf versiegelt Seth den Sarg und schiebt ihn ins Meer. Osiris‘ Gattin Isis sucht nach ihrem toten Mann, findet ihn in Phönizien, bringt ihn zurück nach Ägypten, zerstückelt ihn und begräbt jedes seiner Körpertele an einem anderen Ort in Ägypten, damit Seth die Leiche nicht mehr finden kann. Die Kultorte des Osiris werden von verschiedenen antiken Autoren aufgelistet. Durch sein Begräbnis und seine Wiederauffindung durch Isis wird Osiris zu einem gestorbenen und wiederauferstandenen Gott, er wird zum Totengott. (Als solcher fährt er übers Nachtmeer, aus dem er aber weder abstürzt noch zurückkommt.) Der Sarg, in den Osiris steigt, kann man auf Englisch Ark oder vessel nennen, beides Worte, die auch Schiff bedeuten. Auch im Deutschen wird der Sarg manchmal als „Lade“ übersetzt. Hat Kohlenberg eine englische Zusammenfassung von Plutarch gelesen und sie missverstanden? Untersuchen wir, wie der Sarg des Osiris bei Plutarch geschildert wird.
Kapitel 13 schildert Seths List: „[Typhon, das ist Seth] nahm heimlich das Maass von des Osiris Körper, verfertigte nach dieser Grösse eine schöne reichgeschmückte Lade und brachte sie zum Gastmahl. Als Alle sich über den bewundernswerthen Anblick freuten, versprach Typhon, wie im Scherz, die Lade dem zum Geschenk, der darin liegend sie genau ausfüllen würde. Alle nach der Reihe versuchten es, aber keiner wollte passen, bis zuletzt Osiris selbst hinein stieg und sich niederlegte. Da liefen die Verschwornen hinzu, warfen den Deckel darauf, verschlossen die Lade von aussen mit Nageln, gossen heisses Blei darüber, trugen sie an den Fluss hinaus, und entsandten sie durch die Tanitische Mündung ins Meer.“[4]
In Kapitel 14 fahndet Isis nach Osiris, der so plötzlich und spurlos verschwunden ist: „Sie irrte nun überall ängstlich umher, und kam zu Niemanden, ohne ihn anzureden. Auch selbst einige Kinderchen, die sie traf, fragte sie nach der Lade. Die hatten sie zufällig gesehn, und nannten ihr die Mündung, durch welche die Freunde des Typhon das Gefäss in’s Meer hinabgestossen.“
Endlich gelangt sie nach Phönizien, dem heutigen Libanon (Kapitel 15): „Ueber die Lade erfuhr Jsis ferner, dass dieselbe in der Gegend von Byblos durch die Meereswellen an’s Land gespült und an einer Erike [Tamariske] sanft abgesetzt sei. Die Erike, als herrlichster Spross in kurzer Zeit gross aufgewachsen, umschloss einhüllend die Lade, und verbarg sie ganz in sich. Der König des Landes bewunderte die Grösse des Gewächses, schnitt den Theil mit dem ungesehn darin enthaltenen Sarge ab, und stellte ihn als Stütze unter sein Dach.“ Isis holt diese Lade und nimmt sie mit nach Ägypten.  
In Kapitel 39 erklärt Plutarch, dass man die Geschichte nicht wörtlich, sondern nur symbolisch verstehen dürfe – was er wohl kaum getan hätte, wüsste er von einem noch sichtbaren Schiff des Osiris: „Die sogenannte Einschliessung des Osiris in den Sarg soll wohl nichts anderes andeuten als das Versiegen und Verschwinden des Wassers: darum sagen sie, dass Osiris im Monate Athyr verschwunden sei. Wenn beim Aufhören der Etesien der Nil gänzlich zurücktritt und das Land entblösst wird, wenn mit dem Längerwerden der Nacht die Finsterniss wächst und die Kraft des Lichtes überwältigt dahin schwindet, dann verrichten die Priester manche düsteren Gebräuche; unter andern wird vier Tage lang vom 17ten des Monats an eine vergoldete Kuh ausgestellt, die mit einem schwarzen Byssosgewande umhüllt ist zur Trauer um die Göttin: denn die Kuh gilt ihnen für ein Abbild der Isis und für die Eide. Vier Dinge nämlich werden betrauert, zuerst der verschwindende und zurücktretende Nil, zweitens die gänzliche Auslöschung und Ueberwältigung der Nordwinde durch die Südwinde, drittens dass der Tag kürzer wird als die Nacht, zu dem allen die Entblössung des Landes zugleich mit der Kahlheit der Bäume, die sich jetzt entblättern. In der Nacht des 19ten steigen sie zum Meere hinab; die Stolisten und Priester tragen den heiligen Schrein mit dem goldnen Kästchen hinaus, in welches sie trinkbares Wasser giessen, wobei die Anwesenden ein Geschrei erheben, als sei der Osiris gefunden; mit diesem Wasser mischen sie fruchtbare Erde, thun Specereien und kostbares Räucherwerk hinzu, und machen daraus ein mondsichelförmiges Bildchen, das sie ankleiden und schmücken. Hiemit wollen sie anzeigen, dass sie jene Götter für das Wesen der Erde und des Wassers halten.“ 
Bei den (römisch-ägyptischen) Kulten des Osiris verwendet man eine Nachbildung der Lade (Kapitel 42): „Bei der sogenannten Bestattung des Osiris zerschneiden sie das Holz und machen eine mondsichelförmige Lade, weil der Mond, wenn er der Sonne naht, in sichelförmiger Gestalt verschwindet. Die Zerstückelung des Osiris in 14 Theile deuten sie auf die Tage der Abnahme vom Vollmonde bis zum Neumonde, den Tag aber, an dem der Mond zuerst erscheint, wenn er den Strahlen entflohen und bei der Sonne vorübergegangen ist, nennen sie ‚das unvollkommne Gute‘.“ 
Das sind alle Stellen im angegebenen Werk, die über den Nachen, die Lade oder den Sarg des Osiris berichten. Nur an einer Stelle in seinem Werk (Kapitel 62) erwähnt Plutarch Metall: „Auch nennen sie, wie Manetho berichtet, den Magnetstein den Knochen des Horos, das Eisen den des Typhon: so wie nämlich das Eisen bald einem Wesen gleicht, das vom Steine angezogen ihm nachfolgt, bald abgewendet und abgestossen wird nach entgegengesetzter Richtung, so ist’s auch mit jener heilsamen guten vernunftgemässen Weltbewegung …“[5]

Weder Osiris noch Metall helfen uns also, das Zitat bei Kohlenberg zu identifizieren. Plutarch erwähnt Schiffe explizit an mehreren Stellen seines Über Isis und Osiris. Die Argo der Argonauten in Kapitel 22 („Das von den Hellenen Argo geheissene Schiff halten sie für ein Abbild des Fahrzeuges des Osiris, welches aus Verehrung unter die Sterne versetzt, nicht weit entfernt stehe vom Orion und vom Hundsterne; jener, meinen sie, sei dem Horos geweiht, dieser der Jsis.“) vergleicht er mit den Barken der ägyptischen Götter, hier fehlt aber jeder Hinweis auf sichtbare Trümmer. Auch in Kapitel 34 werden die Götterbarken nicht näher beschrieben, sondern nur darauf hingewiesen, dass die ägyptischen Götter, anders als die griechischen, nicht in Pferdewagen fahren: „Helios und Selene [Sonne und Mond], sagen sie, bedienen sich nicht der Wagen, sondern der Schiffe als Fahrzeuge, um ihren dauernden Kreislauf zu vollenden; damit deuten sie auf ihre Ernährung und Entstehung aus dem Feuchten.“
Eine Tatsache steht damit fest: Bei Plutarch findet man diese Angaben nicht, zumindest in seinem Buch Isis und Osiris. Sowohl Kohlenberg als auch der sich auf ihn stützende Dopatka geben also falsche Informationen. Im Frühjahr 2017 führte ich eine umfangreiche E-Mail-Korrespondenz mit Barry Baldwin, dem emeritierten Professor für klassische Philologie an der University of Calgary, der sich für forteanische Phänomene interessiert und darüber publiziert. Er hatte noch nie von dieser Stelle gehört. Er könne zwar annehmen, dass das „Himmelsschiff des Osiris“ an einer anderen Stelle bei Plutarch zu finden sei, ihm fiele aber keine ein. Er hielt das Zitat für eine Erfindung Kohlenbergs.

Eine hartnäckige Erinnerung

Damit könnte man es eigentlich belassen. Es gibt die von Kohlenberg behauptete Stelle nicht, das kann jeder durch Lektüre des Plutarchbuchs überprüfen. Allerdings spuken in meinem Hinterkopf mindestens zwei Quellen herum, die gelesen zu haben ich mich zu erinnern scheine, und die von einem goldüberzogenen Schiff in einem ägyptischen Tempel – bzw. nur von seinem 20 Fuß langen Ruder – berichteten. Jedes Mal, wenn ich auf diese Stellen stieß, dachte ich mir – ach so! das ist die simple Erklärung für Kohlenbergs Übertreibung. Aber ich machte mir keine Notizen. Ich suchte überall nach weiteren Erwähnungen, wurde aber nie fündig.[6] Wer auf solch eine Stelle trifft, möge mir Bescheid sagen.

Götterbarken

In jedem ägyptischen Tempel gab es einen Sockel, auf dem die Götterbarke stand, mit der der betreffende Gott sich durch den Himmel bewegte. Das waren Modelle realer Nilschiffe, oft vergoldet. Eine Möglichkeit – sollte es Kohlenbergs Zitat wirklich geben – wäre, dass es sich bei dem gesehenen und beschriebenen Objekt um eine solche Götterbarke oder ihre Reste gehandelt hat. Auch die individuelle menschliche Seele, der Ka, tritt mit einem Schiff seine Reise durchs Totenreich an, ebenso die Mumie selbst.[7]
Eine solche Götterbarke, mit angedeuteten und stilisierten Rudern der Falkengenien im Bug, gab es etwa zur griechischen Zeit im Orakel in der Oase Siwa.[8]
Günther Roeder zitiert einen ägyptischen Text, der belegt, dass diese Götterbarken auch schwimmen konnten: „Ich fertigte eine Barke für die Prozession auf dem Nil an. Ich zimmerte dein ehrwürdiges Schiff (namens) ‚Herr der Ewigkeit‘ von 30 Ellen (15 m Länge) auf dem Strom (für die Prozession auf dem Nil) aus gewaltigen Balken von echtem Zedernholz von dem Besten der Wälder. Sein ‚großes Haus‘ (Kapelle) war aus Gold mit echten Edelsteinen bis hin zu dem Wasser (oberhalb der Wasserlinie), aus Gold an jeder seiner Seite (an den vier Wänden des Naos). Sein (des Schiffes) Anfang (Bug) [49, 1] trug einen (gemeint: Kopf) eines Falken aus gutem Gold, eingelegt mit jedem schönen Edelstein, in einer Arbeit (wie) die Manzet-Barke (Schiff der Sonne am Abend); das Ende (Heck) aus gutem Gold; die beiden Steuerruder auf ihm waren beschlagen (?) mit gutem Gold.“[9]
Andere Texte geben sogar Längen von 770 Ellen (rund 385 Meter) und Holzkajüten für Götterbarken an, doch hält man solche Angaben für religiös, nicht faktisch begründet.[10]

Dasselbe Wort bezeichnete übrigens Götterbarkenmodelle in Tempeln wie auch ganz profane Flussschiffe. Die Schiffe – sowohl die symbolischen wie die realen – wurden nicht gesegelt, sondern gestakt oder gepaddelt, und zwar mit Rudern „an denen die ziemlich kurzen Ruderblätter auffallen. Zum Segeln sind sie natürlich nicht geeignet; zu größeren Fahrten mußte man die Lustyachten der Vornehmen wie die Totenbarken […] durch Flußschiffe schleppen lassen. Daneben leben auch in den Götterbarken Typen aus längst vergangener Zeit fort, die dem späteren Ägypter genau so monströs und unwirklich vorgekommen sein werden wie uns. Man betrachte nur die Barken des Himmelsgottes oder die des memphitischen Sokar. Sie bewahren vieles, was wir aus Bootsdarstellungen der vorgeschichtlichen Zeit, z. B. auf dem elfenbeinernen Messergriff vom Gebel el Arak, kennen, so die Bugverzierungen und eine bei flachem Boden auffallend hohe Aufbiegung, die durch die Verhältnisse der Flußschiffahrt bedingt ist und das Abkommen vom Ufer in seichtem Wasser erleichtern sollte.“[11]

Ägyptologen unterscheiden genau zwischen Schiffen für die Seele, für die Toten und für die Götter, doch betreffen diese Unterschiede eher die Form und Ausstattung als die Art an sich (Holzkonstruktion, vergoldet).
Die Sonne überquerte den Himmel in einem Boot. Auch Amon hatte einen bootsförmigen Schrein wie die meisten der Götter; die Wasserbecken in den Tempeln dienten dazu, dass der jeweilige Gott darin zum eigenen Vergnügen fahren konnte. Selbst heute noch werde, so die Ägyptologin Margaret A. Murray[12], das Boot von Abu Haggag auf dem Dach der Moschee im Amuntempel von Luxor gezeigt. 
Murray führt eine ganze Armada von Schiffen in altägyptischen Tempeln an. Aahmes I. (Ahmose) fertigte eine „Barke für den Anfang des Flusses namens Kraftvoll ist der Bug des Amon, sie bestand aus Zedernholz, das Beste von den Terrassen, damit er darin reisen konnte“. Auch Hatschepsut ließ ein Boot bauen: „Ich hieß die Handwerker, die Arbeit an einer großen Barke zu beginnen, Kraftvoll ist der Bug des Amon, für den Anfang des Flusses. Sie wurde vergoldet mit dem besten Golde des Hochlandes; ihr Schrein bestand aus feinstem Gold des Hochlandes; sie erleuchtete die beiden Länder mit ihren Strahlen; ihr Schrein – der Horizont aus Gold und der Große Sitz – bestand aus Elektrum …“ Amonhotep III. wiederum beschreibt ein Boot, das er anfertigen ließ, wie folgt: „Ich schuf dem, der mich zeugte, ein Monument, Amon-Re, dem Herrn von Theben, ich fertigte ihm eine große Flussbarke, Amon-Re in der Heiligen Barke, für den Anfang des Flusses, aus neuem Zedernholz, das Ihre Majestät in den Gegenden von Gottes Land fällen ließ; das wurde von den Fürsten jener Länder über die Berge von Retennu geschleppt. Die Barke war sehr lang und breit, und wurde mit Silber geschmückt und überall vergoldet. Ein großer Schrein aus Elektrum erfüllte das Land durch seine Strahlkraft; auch der Bug wiederholte diese Helligkeit; es trug große Kronen ….“[13]
Auch dem Osiris, um zu unserer Ausgangsfrage zurückzukehren, waren solche Barken geweiht. Der Tempel von Gynaikón Nesos (eine antike Siedlung im Fayum, in Ägypten) „besaß einen vergoldeten Naos mit zwei hölzernen ‚Ruderstangen‘, 3) wenn man sich daran erinnert, daß diese tragbaren Kapellen fast immer die Form eines Bootes zeigen, so erklären sich die Ruderstangen von selbst. Wie der Verkehr der Menschen sich auf dem Wasser vollzieht, so fährt auch der Gott auf seiner Barke; die Ausfahrt des Osiris auf seinem goldnen Schiffe spielt ja auch im Festkalender eine Rolle.“[14]
Ahmes‘ Enkel Thutmosis I. schrieb: „Ich fertigte ihm [Osiris] die erhabene Barke aus Zedernholz, das Beste von den Terrassen, ihr Bug und ihr Heck waren aus feinstem Gold, damit der See festlich werde, damit er darauf reisen kann.“[15]
Es gibt also keinen Zweifel daran, dass ein griechischer Reisender in einem ägyptischen Tempel metallene Überreste eines großen Schiffes hätte besichtigen können, von dem man erzählte, es habe dem Osiris gehört, ohne dass dafür irgendeine prä-astronautische Spekulation nötig oder sogar sinnvoll wäre.

Ägyptische Riesenschiffe

Eine weitere Möglichkeit ist, dass der griechische Reisende, der Schiffstrümmer beschrieb, von einem der selbst für Griechen beeindruckenden ägyptischen Riesenschiffe sprach. 
Eines dieser Schiffe wird dem König Sesostris zugeschrieben, zwei weitere dem Ptolemäus Philopater. Über beide haben griechische Autoren viel berichtet.
Es gab mehrere Pharaonen aus ganz unterschiedlichen Epochen, die die Griechen als Sesostris kannten. Sie verschmolzen ihn zu einer übermächtigen Figur, die den gesamten Mittelmeerraum eroberte, Säulen an den Grenzen der Erde aufstellte – und als erster ein Monsterschiff konstruieren ließ.[16]
Nach seiner Rückkehr von seinem Eroberungsfeldzug, der zur Unterwerfung Indiens, Asiens bis zum Don und der ägäischen Inseln führte, kehrte Sesostris nach Ägypten zurück und habe dort ein Schiff bauen lassen: „Zur Dankbarkeit ließ er allen Göttern Tempel bauen, besonders aber dem Gott zu Theben, dem er diese Hülfe zuschrieb [Diodor sic. I all]; wie er dann eben dieser Gottheit auch zu Ehren, soll von Cedernholz ein Schiff von siebenzig Rudern, welches von ausen vergoldet, und von innen versilbert war, haben erbauen lassen.“[17] 
„[Tempel von Luxor] Diodor von Sicilien meldet, daß Sesostris ein Schiff oder eine Barke von Cedernholz dem Gott weihete, den man zu Theben verehrte. Dieses Schiff war 420 Fuß lang von Innen mit Silber beschlagen und von Außen mit Gold. Die Wände des Tempels zeigen unter andern Bildhauerarbeiten zwei, durch ihre Größe und ihre Pracht merkwürdige Schiffe. Eins davon, das 18–19 Fuß lang ist, verdient eine besondere Aufmerksamkeit. Am Vorder- und am Hintertheil führt es einen Ammonskopf von sehr schöner Arbeit.“[18]
Von den 70 Ruderern finde ich bei Diodor (Buch I, Kapitel 4) leider nichts, allerdings schon, dass es dem Gotte von Theben geweiht war (Amun?): „Und er veranlasste ebenso, dass ein Schiff aus Zedernholz gefertigt wurde, 280 Ellen lang, an der gesamten Außenseite mit Gold überzogen und auf der Innenseite mit Silber, und dieses weihte er dem Gotte, den die Thebaner am meisten verehrten.“[19]  
Ein weiteres Riesenschiff in Ägypten beschreibt das deutsche Pfennig-Magazin:

„Ptolemäus Philopater, König von Ägypten, ließ, nach den Angaben eines alten griechischen Schriftstellers, ein Schiff bauen, das 420 Fuß Länge, 56 Fuß Breite und vom Kiel bis zum Vordertheile 72, vom Kiel bis zum Hintertheile 80 Fuß Höhe hatte. Dieses schwimmende Ungeheuer hatte vier Steuerruder von 60 Fuß Länge; die längsten Ruder waren 56 Fuß lang und hatten mit Blei besetzte Handgriffe. Das Schiff hatte sieben Schnäbel. Hinten und vorn befanden sich als Zierathen Figuren von Thieren, die nicht weniger als 18 Fuß hoch waren. Die Mannschaft bestand aus 4000 Ruderern, 400 Sklaven, 2820 Matrosen, war also etwa sieben Mal zahlreicher als auf einem unserer großen Linienschiffe.“[20]

Über dieses Schiff berichtete auch – und damit kommen wir sozusagen zum Anfang zurück – Plutarch in seinem „Demetrius“ (Kapitel 43, 4):

„In der Folge erbaute Ptolemäus Philopater ein Schiff von vierzig Ruderreihen, das zweyhundert und achtzig Ellen lang, und bis an die Verzierungen des Vordertheils acht und vierzig Ellen hoch war. es wurde mit vierhundert Matrosen bemannt, ohne die Ruderer zu rechnen, die sich auf viertausend Mann beliefen, und außerdem erhielt es noch in den Gallerien und auf dem Verdeck nicht viel weniger als dreytausend Soldaten. Aber dieses Schiff diente bloß zur Schau und war von selbststehenden Gebäuden wenig verschieden; auch schien es mehr zum Staat als zum wirklichen Dienste erbaut zu seyn, da es nur mit vieler Anstrengung und Gefahr in Bewegung gesetzt werden konnte.“[21]

Phantasievolle Darstellung eines der Schiffe des Philopater nach Nicolaes Witsen
(Aeloude en Hedendaegsche Scheepsbouw en Bestier. Amsterdam 1671))

„Derselbe Ptolemäus ließ ein anderes Schiff von minder riesenmäßigen Dimensionen, genannt Thalamegos oder Zimmerschiff, erbauen. Dieses war nur 320 Fuß [96 m] lang und 45 Fuß breit, aber seine Höhe betrug mit Inbegriff des auf dem Verdecke erbauten Zeltes 90 Fuß. Es war ein flaches Schiff, für das seichte Gewässer des Nils, und hatte ein majestätisches und ganz königliches Ansehen; das Hintertheil war mit Zierathen von außerordentlicher Schönheit geschmückt. Hintertheil sowol als Vordertheil waren sehr hoch. In der Mitte des Schiffs befanden sich Speisesäle und Zimmer, die mit Allem versehen waren, was der Reichtum nur ersinnen kann, um die Launen eines üppigen Hofes zu befriedigen. Längs der Seiten und des Hintertheils lief eine Galerie mit zwei Stockwerken; die untere Galerie war eine Säulenhalle, das obere Stockwerk glich einer indischen Veranda. In die erste trat man durch einen mit Elfenbein und köstlichem Holze ausgelegten Vorsaal. Der mit Säulen umgebene große Saal war mit Purpursophas versehen und mit Cedern- und Cypressenholz getäfelt; seine 20 Thüren waren mit Elfenbein eingelegt. Die Querbalken waren vergoldet und der Architrav war mit den herrlichsten Basreliefs bedeckt; die Decke von Cedernholz war mit Gold verziert. Aus den Frauengemächern, zu denen ein ebenso prächtiger Speisesaaal gehörte, führte eine Wendeltreppe zu einer Kapelle der Venus, in welcher eine schöne Marmorstatue dieser Göttin stand. Der Bankettsaal wurde von Pfeilern von feinstem indischen Marmor getragen, aber der Bacchussaal übertraf alles Andere an Pracht. Segel und Tauwerk waren purpurroth gefärbt.“[22]

Die Quelle dieser Beschreibung ist der landläufig eher weniger bekannte griechische Schriftsteller Athenaios von Naukratis (2.–3. Jahrh. n. Chr.), der sie in seinem Werk Das Gelehrtenmahl nach Kallixeinos von Rhodos (3. Jahrh. v. Chr.) anführt.

Fazit

Erstens: Die von Kohlenberg und Dopatka angegebene Stelle befindet sich nicht in der angeblichen Quelle.

Zweitens: Dass ein Grieche, der in der Spätzeit Ägypten bereiste (sei es nun Plutarch, der ja auch zahllose Biografien geschrieben hat, in denen sich die Stelle befinden könnte) oder jemand anderes in einem Tempel eine goldene Götterbarke oder ein vergoldetes, für ihn riesenhaftes Schiff gesehen hat, dürfte uns nicht überraschen.

Drittens: Bis die Stelle identifiziert ist oder belegt wurde, dass diese Deutung nicht zutrifft, kann Plutarchs abgestürztes Raumschiff als konventionelles Holzschiff mit Metallüberzug gedeutet werden – wenn es das Schiff denn je gab.


[1] Eine der wenigen Erwähnungen findet sich auf: http://www.paranormal.de/area51/ufos/historie/bericht2.html.

[2] Dopatka, U. 1979: Lexikon der Prä-Astronautik, Düsseldorf, S. 398.

[3] Kohlenberg, K. F. 1996: Enträtselte Vorzeit, Berlin.

[4] Alle Zitate aus Plutarch nach: Ρlutarch Über Isis und Osiris, übers. Gustav Parthey. Βerlin: Νicolaische Βuchhandlung 1850.

[5] vgl. Temple, R. 1979: Das Sirius-Rätsel, München, S. 279.

[6] Um anderen die Arbeit zu ersparen. Ich fand nichts in R. Drake, Gods and Spacemen in the Ancient East und Gods and Spacemen in Greece and Rome, nicht in Pinotti, FSR, 12:3, 1966, 16–18 / Kolosimo (alles) / Charroux (alles) / Le Poer Trench: Mysterious Visitors / John Michell: Flying Saucer Vision / R. Temple: Sirius-Rätsel / G. Hancock: Fingerprints of the Gods / I. Donelly: Atlantis / P. Carnac: Geschichte beginnt in Bimini / R. Krauss: Das Moses-Rätsel / Balsiger und Sellier jr.: Die Arche Noah / R. Henning: Wo lag das Paradies? / Ch. Jacq: Das verborgene Wissen der Magier / I. T. Sanderson (alles) / R. T. Gould (alles) / Blavatski: Secret Doctrine und Isis Unveiled.

[7] Ka: Temple 1979, S. 268; Mumie: Bonnet, H. 2000: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte; Sargschiff: Settgast, J. 1963: Untersuchungen zu altägyptischen Bestattungsdarstellungen, S. 98.

[8] Kuhlmann, K. P. 1988: Das Ammoneion: Archäologie, Geschichte und Kultpraxis des Orakels von Siwa, Mainz, S. 122.

[9] Roeder, G. 1959: Die ägyptische Götterwelt, S. 60.

[10] Dürring, N. 1995: Materialien zum Schiffbau im Alten Ägypten, Berlin, S. 40; Sitchin, Z. 1989: Stufen zum Kosmos, München, S. 76.

[11] Kees, H. / Grohmann, A. 1933: Kulturgeschichte des alten Orients. Band 1, Ausgabe 3, Teil 1, München, S. 111.

[12] Murray, M. A. 1972: The Splendour that was Egypt, London, S. 65 f.

[13] Murray 1972, 132 f.

[14] Schäfer, H. / Möller, G. / Schubart, W. 1910: Ägyptische Goldschmiedearbeiten, Berlin, S. 193.

[15] Murray 1972, 132 f.

[16] zur griechischen Sesostris-Legende vgl. Herodot II, 102–106. Dass zu Sesostris Zeiten der Phönix über Ägypten geflogen sei (wie auch wieder im ersten Jahrhundert n. Chr.), siehe Tacitus, Annalen VI, 28.

[17] Neue Sammlung der merkwürdigsten Reisegeschichten, insonderheit der bewährtesten Nachrichten von den Ländern und Völkern des ganzen Erdkreises: von einer Gesellschaft gelehrter Leute in einen geographischen und historischen Zusammenhang gebracht, Band 2. Frankfurt und Leipzig: Gebrüder van Düren 1749, S. 334–335.

[18] Hamilton, W. 1814: Aegyptiaca: oder Beschreibung des Zustandes des alten und neuen Aegypten, nach eigenen, in den Jahren 1801 und 1802 angestellten Beobachtungen, S. 82.

[19] Diodorus Siculus: The Historical Library of Diodorus the Sicilian: In Fifteen Books. To which are Added the Fragments of Diodorus, and Those Published by H. Valesius, I. Rhodomannus, and F. Ursinus, Band 1. W. M’Dowall, 1814, S. 61.

[20] Das Pfennig-Magazin für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse. 8. Dezember 1838, S. 391.

[21] Plutarchus: Biographien des Plutarchs; Übers. Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. Wien: Haas 1806, S. 85.

[22] Das Pfennig-Magazin für Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse. 8. Dezember 1838, S. 391.

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