Der Sturz des Phaeton – ein früher UFO-Absturz?

Sturz des Phaeton (1768). Gemälde von Johann Michael Franz (Wikimedia Commons)

In der griechischen, später von den Römern übernommenen Mythologie ist Phaeton der Sohn des Sonnengottes, der eines Tages den Sonnenwagen lenken darf, aber am Mittagspunkt die Kontrolle über das Gefährt verliert und damit auf die Erde stürzt, genauer: in die Wogen des Flusses Eridanos, und verheerende Brände auslöst. Zeus löscht diese Brände mit einer Sintflut, Phaetons Schwestern stehen am rauchenden Einschlagkrater am Fluss und weinen, sie werden in Pappeln verwandelt, ihre Tränen zu Bernstein.

In der Grenzwissenschaft ist dieser Mythos unterschiedlich gedeutet worden – mal gilt er als erster UFO-Absturz, den wir kennen, mal – etwa bei Velikowsky – ist Phaeton der Planet Venus, der fast mit der Erde kollidiert, bei Johannes von Buttlar ist Phaeton (nach russischen Vorgaben) ein Planet zwischen Mars und Jupiter, der in historischer Zeit zerstört wurde. Da in der Sage der Aufprall Phaetons im Eridanos und der rauchende Krater (unter anderem im Epos Argonautika) präzise beschrieben werden, können wir die Deutungen, die das Ganze ins All verlegen, getrost ignorieren. Gewöhnlich wird der Eridanos seit der Antike schon mit dem italienischen Strom Po gleichgesetzt. Nach Tollmann[1] glaubt der deutsche Mineraloge W. von Engelhardt, die Sage gehe auf einen Großmeteoriten zurück, der ins Po-Delta stürzte.[2]
Er folgt damit allerdings nur dem jesuitischen Assyriologen F. X. Kugler, der bereits 1914 mit einem schmalen Band alte Mythen astronomisch-wissenschaftlich ausdeutete. 55 Seiten dünn ist sein Sibyllinischer Sternkampf und Phaeton in naturgeschichtlicher Beleuchtung, das 1927 in Münster erschien. Kugler will darin den Ursprung des Mythos vom „Krieg der Sterne“ finden, von der Geschichte der Sintflut, dem Sturz des Göttersohns Phaeton mit dem Götterwagen und dem darauf folgenden Weltbrand, den er in einem großen Meteorimpakt innerhalb Europas zu finden glaubt.

Trotz all dieser Wortbeiträge ist die Sache etwas komplexer, denn zuerst waren weder der Absturz Phaetons noch der Lauf des Eridanos genau lokalisiert. Meine Darstellung ist notwendigerweise knapp, enthält aber sämtliche wichtigen antiken Quellen zu Phaeton, der Eridanosfrage und den Argonauten im Eridanos. Folgen wir zuerst der Phaeton-Erzählung chronologisch, dann dem klassischen Wissen über den Eridanos, betrachten danach die Stellen, die vom Versinken des Phaeton im Po genauer berichten und somit eventuell als erste USO-Berichte Oberitaliens bzw. eines der oberitalienischen Seen gewertet werden können.

Phaeton

Die Phaeton-Erzählung wird zuerst ohne Angabe des Absturzortes erzählt. Bei Homer, der vermutlich als Endredaktor einer bereits durch die oral poetry überlieferten Geschichte wohl in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts lebte, wird Phaeton in der Odyssee (23, 246) erwähnt, allerdings als Name eines Pferdes des Sonnenwagens am Okeanos. Er weiß noch nichts vom Sturz Phaetons oder vom Eridanos. Der Sturz Phaetons mit dem Wagen seines Vaters taucht zum ersten Mal bei Hesiod (etwa 700 v. Chr.) auf (Theogonie V, 987). Platon (Timaios 22c–d) bezweifelt den Absturz Phaetons; die Verheerungen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, stellt er als Ereignis kosmischen Ausmaßes und verursacht durch den Sternenlauf dar. Apollonios Rhodios gibt eine ausführliche Beschreibung des Absturzes in den Eridanos (Argonautika iv, 598, 623). Vergil (geb. 15. Oktober 70 v. Chr., in Mantua; gest. 21. September 19 v. Chr.) beschreibt zwei Mal ohne Ortsangabe den Sturz Phaetons und dessen zu Pappeln verwandelten Schwestern, einmal in der Aeneis (X, 189), die zweite Nennung in den Hirtenliedern (vi, 62). Und selbst Ovid (geb. 20. März 43 v. Chr. in Sulmo; gest. 17/18 n. Chr.) kennt in den Amores (3,12,37) die Phaetongeschichte, nicht aber den Ort, wo er zur Erde stürzte – ebenso Catull (lxiv, 291) und Aristoteles, Über die Welt, 400a, 30. Das ist eigentümlich, denn damals war der Sturz durch Apollonios bereits topografisch mit dem Po verbunden.

Zahlreiche antike Zitate zum Phaeton-Absturz bringt Engelhardt; seine Liste der klassischen Stellen[3] ist aber nicht nur unvollständig, sondern auch fehlerhaft (z.B. gehört die Johannes-Apokalypse des Neuen Testaments sicherlich nicht dazu).

Der Eridanos

Der Eridanos ist zuerst nur ein sagenhafter Fluss im (für die Griechen) fernen Nordwesten, möglicherweise gar als Gegenentwurf zum afrikanischen Nil im Südosten. So bezweifelt Herodot (III, 115) im 5. Jahrhundert v. Chr. seine Existenz: Er glaube nicht an den Eridanos als „Strom … der in das Nordmeer fließt“; ähnlich auch Strabo (5, 215). Hesiod, etwa 700 v. Chr., berichtet in seiner Theogonie (338) nur, dass Thethys dem Okeanos die Flüsse gebar, darunter den Eridanos, nach Hesiod F 311 aber stürzt Phaeton schon in den Eridanos.

Als die Griechen, teils durch ihre Siedlungen in Italien und Südfrankreich, teils durch Handelskontakte, mehr über Europa lernten, identifizierten sie den Eridanos mit jedem großen europäischen Strom, von dem sie erfuhren – so wurde der Mythos von mehreren Schichten scheinbarer Realität überdeckt, aus dem mythischen Konzept des unerreichbaren Grenzflusses waren Rhein, Rhone und der Po geworden. Im 3. Jahrhundert v. Chr. dachten die Griechen, dass der Eridanos ein gewaltiger Strom sei, der in drei Meere, das Mittelmeer, die Adria und die Nordsee, münde. Die Adriamündung war der Padus, der Po, als dessen griechische Entsprechung Eridanos benutzt wurde (so bei Apollonios Rhodios), die Mündung im Tyrrhenischen Meer wurde mit der Rhone, die Mündung im Okeanos mit dem Rhein gleichgesetzt.[4] Seit Apollonios von Rhodos besteht die Gleichsetzung des Po mit dem Mündungsarm des Eridanos, den die Argonauten befuhren, um durch einen weiteren Mündungsarm (die Rhone) ihre Reise fortzusetzen (Argonautica iv, 506, 596, 610, 623, 628). Diese Version gilt noch in Apollodors Bibliothek (1, 134), einem im 1. Jahrhundert n. Chr. entstandenen mythografischen Handbuch, in dem die Geschichte der Welt von den Göttersagen bis zur Argonautika beschrieben ist. Die Argonautensage selbst ist älter, bereits Homer spielt in der Odyssee (12, 69) darauf an. Allerdings waren die Abenteuer der „Argo“ nur für die Hinreise fixiert (Pindar P. 4 kennt z.B. nur die Geschichte der Symplegaden, der Prallfelsen), die Rückreise wurde von jedem Bearbeiter unterschiedlich gehandhabt. Mal erfolgt sie über den Don und den Okeanos, mal über den Rhein in die Nordsee, bei Apollonios und den Quellen, die ihm folgen, durch das Flusssystem Ister (Donau)-Eridanos (Po und Rhone).

Ovid gibt, wie bereits erwähnt, den Eridanos als Absturzort des Phaeton an, dort hätten sich auch seine Schwestern in Pappeln verwandelt, die Bernstein weinen, auch sei die Verwandlung des Jünglings Cygnus in einen Schwan im Eridanos erfolgt (Metamorphosen II,372).
Vergil (1. Jahrh.) erwähnt den Eridanos drei Mal in seinen Werken: In der Aeneis (vi, 659) fließt er „wasserreich, breit“ unterirdisch aus dem Elysium hervor; nach der Georgica (i, 482) war das flutartige Anschwellen des Eridanos (Po) ein Omen beim Tode Caesars; nach Georgica (iv, 372) erscheint der Eridanos (Po) in Gestalt eines Stieres. Vergil benutzt also 300 Jahre nach Apollonios Rhodios die Namen „Padus“ und „Eridanos“ synonym, und wir müssen davon ausgehen, dass jede Erwähnung des Eridanos in römischen Quellen sich auf den Po als einen der Hauptmündungsarme des mythologischen großen europäischen Stroms bezieht.

Der Eridanos ist auch eng verbunden mit der Entstehung des Bernsteins (vgl. Plin. nat. 37, 30ff). Phaetons in Pappeln verwandelte Schwestern, die Heliaden, weinen um ihn, ihre Tränen verwandeln sich in Bernstein, der auf dem Eridanos schwimmt.
Der lateinische und italienische Name des Idro-Sees, Eridus bzw. Eridio, klingt dem griechischen Eridanos gleich, doch nach H. Philipp (in der „Realenzyklopädie“) hat der Fluss Reteno[5], heute Bacchiglione, der nördlich des Po und der Etsch in die Adria mündet, den Namen für den Eridanos hergegeben.[6]

Der Eridanos als Po und Phaetons Absturz dort

Beide Sagenstränge – der vom Absturz Phaetons und der vom Westfluss Eridanos – wurden also im Laufe der Zeit zusammengeführt. Der Eridanos wird zum großen Strom, dessen Mündungsarme Rhone, Po und Rhein sind. Zuerst bei Apollonios Rhodios (3. Jahrhundert v. Chr., lebte in Alexandria) ist der Po ein Teil des Eridanos (Argonautika IV, 505. 595–626), und in einen See fern seiner Mündung fiel Phaeton herab: „Und sie liefen in die äußerste Strömung des Eridanos ein, wo einst, vom rußigen Blitz in die Brust getroffen, Phaeton halb verbrannt vom Wagen des Helios in die Fluten des abgrundtiefen Sees gestürzt war. Und der [See] lässt auch heute noch von der brennenden Wunde schweren Brodem aufquellen, und kein Vogel kann … über jenes Wasser hinweggleiten, sondern mitten im Flug stürzt er in die Flamme, und ringsum jammern die Helios-Töchter bemitleidenswert … (u)nd aus ihren Augenlidern lassen sie schimmernde Bernsteintropfen zu Boden strömen. … Die Minyer (= Griechen) … belastet durch den elendigen Geruch, den eben die Zuflüsse des Eridanos vom qualmenden Phaeton unerträglich emporsteigen ließen.“ Dieser See des Phaeton lag nach dem Kommentator Fränkel „nicht der Mündung nahe“[7].
Nach Ovid (Metamorphosen, II, 319–326) fällt Phaeton nicht in einen See am Po, sondern in den Po selbst: „Aber Phaeton, dessen Haar die verheerende Flamme rötet, wird kopfüber hinabgewirbelt und stürzt in weitem Bogen durch die Luft, wie zuweilen ein Stern vom heiteren Himmel zwar nicht fällt, aber zu fallen scheint. Fern der Heimat, am anderen Ende der Welt, nimmt ihn der gewaltige Eridanos auf und wäscht sein dampfendes Gesicht. Hesperische Naiaden übergeben den Leib, der noch von dem dreizackigen Blitz raucht, dem Grabhügel, und sie ritzen in den Stein einen Spruch.“
Vergil erwähnt den Absturz des Phaeton in den Hirtengedichten (Ecl. 6, 22–63) ohne Ort, nimmt den Namen Phaeton aber auch als Synonym für die Sonne selbst (Aen. 5, 105), legt den Ort dann aber auch ins Land der Ligurer (Aen. 10, 185–193), die um Genua siedelten, also wie Apollonios wohl an den Oberlauf und nicht in die Mündung des Po. Es soll allerdings auch antike Berichte über ein Grabmal des Phaeton in Atria an der Po-Mündung geben.[8]
Apollonios Version vom Sturz in einen See wird auch in einem später erstellten, dem Aristoteles zugeschriebenen „Wunderbuch“ (Mirabilia = perì thaumasìon 81) fast wortgetreu wiedergegeben, als es um die Lokalisierung der Bernsteininseln[9] geht, die mit den dalmatinischen Inseln südlich der Halbinsel Istrien identifiziert werden (in der Antike auch Apsyrtische [in der Adria bei Pola[10]], Brygeische und Liburnische Inseln [= Curictae, heute Krk; Crexi, heute Cres, und Arba, heute Rabv[11]] genannt; nach Vergil lebten die Liburner in Illyrien, am Fluss Timavus [heute: Timavo], vgl. Aen. 1, 244–245; Sueton berichtet häufig von liburnischen Bootsbauern in der Adria):
„Die elektrischen Eilande sollen durch den Fluss Eridanos angespült worden sein. In der Nähe des Stromes ist auch ein See mit warmem Wasser, das einen üblen Dunst ausströmt. Kein Tier trinkt aus ihm, kein Vogel fliegt über diesen See, oder er fällt hinein und stirbt. Der See hat einen Umfang von 200 Stadien [37 Kilometer]. In diesen See, so sagen die Eingeborenen, sei Phaeton gestürzt.“ Dass kein Vogel ihn zu überfliegen vermöge, wurde auch dem vulkanischen Averner See bei Neapel nachgesagt (Aen. 6, 237–242). Bei den genannten Maßen kommen eigentlich nur die kleineren Seen Oberitaliens in Frage, der Orta-See (der Umfang entspricht recht genau dem des Orta-Sees mit 18 Kilometer Länge), der Iseo-See oder der zwischen Iseo- und Gardasee gelegene Idro-See, der zudem den römischen Namen Eridus (it.: Eridio) trug.Das warme Wasser könnte seine Erklärung haben in den heißen Quellen Oberitaliens, so liegt z.B. das Thermalbad Boario Terme gerade 15 Kilometer nördlich des Iseo-Sees, Gaverina Terme westlich davon. Bei Colà di Garda südwestlich von Lazise gibt es sogar einen 5000 Quadratmeter großen, 37° C heißen Thermalsee, und im Gardasee selbst befindet sich, etwa 300 Meter vom Ufer bei Sirmione entfernt, in 17 Meter Tiefe eine bereits den Römern bekannte, 62° C heiße Schwefelquelle, die 1889 gefasst und ans Ufer geleitet wurde (Sailer 1985, S. 46). Sie enthält außer Schwefel Natrium, Brom und weitere Mineralien und kann schon von weitem gerochen werden. In der Antike gab es in der Nähe Paduas heiße Schwefelquellen und ein Orakel, das im Zusammenhang mit dem griechischen Sagenkreis um Herakles stand (Sueton, Tiberius 14), der selbst einer der Argonauten war.

Deutungen

Sowohl die Phaetonsage als auch die Lokalisierung des mythischen Eridanos haben manche spektakuläre These erzeugt.         
In der Prä-Astronautik gilt der Absturz Phaetons als frühgeschichtliche UFO-Katastrophe[12], als Raumschiff, dass den 10. Planet zwischen Mars und Jupiter gerammt und zerstört hat[13], für Johannes von Buttlar[14] in Nachfolge des sowjetischen Wissenschaftlers W. G. Fessenkow[15] gar als Name eines heute zerstörten 10. Planeten. Otto Muck hält die Phaetonsage für westliche Augenzeugenberichte des Meteors, der Atlantis vernichtete, als er in Carolina einschlug[16], für Velikovsky (1994) ist er die zum Kometen gewordene Venus. Es ist immer naiv, einen Mythos naturgeschichtlich zu deuten, aber natürlich drängt sich ein Meteoreinschlag auf – nur: Darf man den verorten, wo doch sowohl das Ereignis wie auch die Lokalisation sich so lange verändert und neu formuliert haben?

Der Eridanos, der in der klassischen Antike nach mythischen Anfängen so eindeutig als Rhein, Rhone und Po gedeutet wurde (wobei in letzteren der Phaeton stürzte), hat auch manche Neulokalisierung ertragen müssen. Manche Autoren werten die Angabe, in der Eridanosmündung oder bei der Einschlagstelle des Phaeton finde man Bernstein (Pausanias V, 12, 7), oder hier werde er gar erzeugt, als ein Argument, den Absturzort des Phaetons von dem Po, in dem eigentlich kein Bernstein vorkommt, in den deutschen Nordseeraum zu verlegen. Der Eridanos sei z.B. Eider oder Elbe gewesen. Der rechtsextremistische Autor Jürgen Spanuth[17] führt die Geographen Richard Henning, Heinar Schilling, Kugler und Sven Nilsson für diese Ansicht an und plädiert selbst für die Eider. Bereits vorher hatten die völkischen Autoren Ernst Hymmen und Friedrich Fischbach den Eridanos in Deutschland verortet. Hymmen schreibt (auf S. 7): „der Eridanus (d. h. Oststrom) der Alten: ‚der König der Ströme‘, ist der Fluss […] Ostrhein“ (ein hypothetischer, den Rhein im Osten begleitender Stromarm), für Fischbach (S. 175) ist es der Rhein selbst nahe Lohmar bei Bonn. Beides ist ohne jeden Beleg.
In einem Atlantisbuch glaubt Hans Steuerwald[18], der Eridanos sei eine Meeresströmung im Nordmeer gewesen. Für Däniken ist der Eridanos das Weltall, weil schließlich, wie jedes Kind wisse, keine Verbindung zwischen Rhone, Rhein und Po bestünde, und weil die Griechen auch ein Sternbild Eridanos nannten.       
Doch diese Neuverortungen gehen von der irrigen Vorstellung aus, die Griechen hätten bereits über unsere geographischen Kenntnisse und unser Wissen vom Bernstein verfügt. Für die Griechen kam der Bernstein von der Po-Mündung: In Aquileija bei Venedig endete eine der prähistorische Bernsteinstraßen, an der Po-Mündung bei Spina eine zweite, eine dritte bei Marseilles. Für die Griechen der Antike stammte der Bernstein also von der Mündung des Po – weiter reichte ihr Wissen zu dem Zeitpunkt nicht, als Phaeton, Bernstein und Eridanos mythologisch verknüpft wurden.[19] Plinius identifiziert den Eridanos als Quelle des Bernsteins, gibt aber auch andere Lokalisierungsversuche an (Plin., nat. hist. 37, 31). Das verwundert nicht, denn Plinius kannte – 4 Jahrhunderte später – bereits Nord- und Ostsee als eigentliche Bernsteinquelle.

Die Zeitstellung des Phaeton-Impaktes

„Und Ptolemaeus, der Sohn des Lagus, sagt dass während eines seiner Feldzüge die Celti, die in der Gegend von Adria wohnten, zu Alexander kamen, um ihn ihrer Geneigtheit und Gastfreundschaft zu versichern, und dass der König sie freundschaftlich empfing und sie, während sie tranken, fragte, was sie am ärgsten fürchteten. Er dachte, sie würden ihn nennen, sie jedoch antworteten, sie fürchteten niemanden, es sei denn, der Himmel falle auf sie, sie fügten jedoch in der Tat hinzu, dass sie seine Freundschaft über die jedes anderen Menschen schätzten.“ (Strabo, Geographica VII, 3,8)

Jeder kennt den Ausspruch von seiner Asterix-Lektüre, doch kaum einer weiß, wo er herkommt: Es war eine gallische Delegation von der Adriaküste, die auf die Frage Alexanders des Großen, wovor sich die Gallier ängstigten, erklärte, man fürchte nur, dass einem der Himmel auf den Kopf falle – war das eine Erinnerungen an den Sturz des Phaeton? Liegt nicht nur dem Mythos, sondern seiner Lokalisierung in einem der oberitalienischen Seen oder an der Pomündung ein tatsächliches Geschehen zu Grunde, etwa ein Meteoritenabsturz? Wann soll dieser Impakt geschehen sein, falls dem so war?

In der griechischen Tradition gibt es eine präzise Datierung verschiedener mythologischer Sagenkreise. So soll – in manchen Versionen der Legende – auf den Sturz Phaetons, der ja die Welt versengte, Zeus die Deukalische Flut zur Löschung der Brände geschickt haben (z.B. Hyginus, Fabula 152A). Während der ersten Aufgaben des Herakles erfolgte die Reise der Argonauten (die Phaetons Absturzstelle noch rauchen sahen), darauf der Troianische Krieg (mit den in der „Illias“ und „Odyssee“ beschriebenen Ereignissen).  
Nach Velikovsky[20] datieren Renaissance-Gelehrte Phaetons Sturz auf das Jahr der Welt 2429 (= 1519 v. Chr.), andere auf das Jahr der Welt 2437 (= 1511 v. Chr.). Herodot (I, 2) siedelt die Argonautenfahrt ein Menschenalter vor dem Raub der Helena an, der ja der Auslöser des troianischen Krieges war, der Grieche Erastothenes datiert daher die Argonautenfahrt auf 1225 v. Chr., den Krieg um Troja auf 1183 v. Chr. Und der frühe Kirchenlehrer Eusebius[21] erklärt, dass die Flut des Deukalion, der Feuerbrand des Phaeton und der biblische Exodus zur gleichen Zeit stattgefunden hätten. In der biblischen Chronologie datiert der Exodus auf das Jahr 1495 v. Chr.

Trotzdem: Der Eridanos war nur ein Mythos, der zuerst bei der Entdeckung des Po in Realität verwandelt wurde, der Absturz Phaetons ist eine Sage, die erst im Laufe der Zeit entsteht (Homer und Plato ist sie in der klassischen Form noch nicht vertraut). Die Verknüpfung von Phaeton und Eridanos (jetzt schon: Po) erfolgt im 3. Jahrhundert v. Chr. So spannend es wäre, den Absturz des Phaeton als uralten Bericht eines in den Lago d’Idro oder Lago d’Orta (nach Apollonios) bzw. in den Po eintauchenden UFOs, USOs oder Meteoriten zu bewerten, so wenig wissenschaftliche und mythologische Grundlage gibt es dafür. Auch habe Geologen bisher weder einen schweren Meteoritenimpakt für das Jahr 1500 v. Chr. nachweisen noch einen von solch einem Ereignis stammenden Krater in Oberitalien finden können.

Fazit

Die Sage von Phaeton ist vielleicht entstanden, um eine besonders starke Hitzewelle oder einen ungewöhnlichen Tagesmeteor zu deuten, oder auch nur, um eine mythologische Vorlage zu haben, die zeigte, dass Ungehorsam und Übermut zum Fall führt (Hybris ist ein wichtiges griechisches Konzept).         
Von Anfang an wurde sie in einer mythischen, also nicht realen Geographie verankert – nämlich im unerreichbaren westlichen Grenzfluss der Welt, der seinen Ursprung noch dazu im Jenseits hatte. Als die Griechen den Eridanos mit dem Po gleichsetzen, als sie von diesem erfuhren und er tatsächlich den westlichen Rand ihrer Welt markierte, wurde die Geschichte von den Bernsteintränen hinzugefügt, weil in Spina im Podelta die europäischen Bernsteinstraßen endeten. Vielleicht erfuhren die Griechen über keltische oder etruskische Vermittlung (sowohl Gallier als auch Etrusker gründeten Städte am Gardasee) von den unterseeischen heißen Schwefelquellen des Gardasees und fügten sie als Beschreibung des nach Schwefel stinkenden Kraters in die Erzählungen ein.  
Auf jeden Fall aber sind die einzelnen Elemente der Sage, die heute sowohl von Grenz- als auch Naturwissenschaftlern benutzt werden, um eine realistische Deutung des Vorgangs zu erstellen, Schichten, die sich erst im Laufe der Zeit um einen vormals vollkommen mythischen Kern angesiedelt haben. Das Endprodukt der Sage, ihre Konkretisierung, könnte auf tatsächliche Vorbilder zurückgehen, die Uridee schwerlich, da sie weder zeitlich noch räumlich verortet war und immer wieder neue Aspekte an sich zog.

Literatur

Briegel, W. 1988: Apocalypse now vor 12000 Jahren? Mysteria 67, 12–16.

Buttlar, J. von 1986a: Adams Planet, München.

Buttlar, J. von 1986b: Sie kommen von fremden Sternen, München.

Däniken, E. von 1992: Aussaat und Kosmos, Bergisch Gladbach.

Däniken, E. von 1998: Im Namen von Zeus, München.

Dopatka, U. 1981: Lexikon der Prä-Astronautik, Rastatt.

Dopatka, U. 1998: Die große Erich von Däniken Enzyklopädie, München.

Engelhardt, W. von 1979: Phaetons Sturz – ein Naturereignis? Sitzber. Heidelberg. Akad. Wiss. math. natw. Kl, Berlin, 161–199.

Fischbach, F. 1902: Asgart und Mittgart, das goldene Hausbuch der Germanen enthält die schönsten Lieder der Edda und den Nachweis, dass am Niederrhein zwischen der Sieg und Wupper, die ältesten Mythen der Arier (auch die der Griechen) entstanden sind, Köln.

George 1992: Georges Ausführliches Handwörterbuch Lateinisch-Deutsch. Band 1, Darmstadt.

Herrmann, P. 1978: 7 vorbei und 8 verweht, Hamburg.

Hesiod: Theogonia opera et dies scutum. Oxford Classical Texts, Oxford 1970.

Homer: Die Odyssee, Reinbek 1999.

Hymmen, E. 1902: Ortsnamen der Kölner Gegend im Lichte der Edda.

Kerényi, K. 1966: Die Mythologie der Griechen. Band 2, München.

Kugler, F. X. 1927: Sibyllinischer Sternenkampf und Phaeton in naturgeschichtlicher Beleuchtung, Münster.

Magin, U. 2017: Lag Atlantis im Bergischen? Bergische Blätter 6, 6–9.

Muck, O. 1978: Alles über Atlantis, München.

Ovid: Metamorphosen, Stuttgart 1994.

Pauwels, L. / Bergier, J. 1975: Die Entdeckung des ewigen Menschen, München.

Plinius d. Ä.: Naturkunde IX, München 1979.

Sailer, G. 1985: Gardasee, München.

Schreiber, H. 1955: Versunkene Städte, München.

Seneca: Naturales quaestiones – Naturwissenschaftliche Untersuchungen, Stuttgart 1998.

Spanuth, J. 1953: Das enträtselte Atlantis, Stuttgart.

Steuerwald, H 1983: Der Untergang von Atlantis, Berlin.

Tollmann, A. & E. 1983: Und die Sintflut gab es doch, München.

Magin, U. 2019: Pfälzer Entdecker und Pioniere: unbekannt, vergessen und verkannt, Mannheim.

Velikovsky, I. 1994: Welten im Zusammenstoß, Berlin.

Vergil: Opera. Oxford Classical Texts, Oxford 1969.

Vergil: Werke, Berlin 1983.


[1] Tollmann 1983, 102, 529.

[2] Engelhardt 1979.

[3] Engelhardt 1979, 194.

[4] Kerényi 1966, 213.

[5] vgl. Nennung in Ven. Fort. vit. S. Mart. 4, 677; nach Georges II, Sp. 2362

[6] Kleiner Pauly 2, 357.

[7] vgl. Dräger 2002, 529.

[8] Schreiber 1955, S. 80.

[9] Dräger 2002, 526 f.

[10] vgl. Kleiner Pauly 1, 468.

[11] Kleiner Pauly 3, 628.

[12] Dopatka 1981, 397–398; Dopatka 1998, 399; Däniken 1992, 46; Däniken 1998, 35–37.

[13] Briegel 1988.

[14] 1986a, 1986b.

[15] Pauwels & Bergier 1975, 76–77.

[16] Muck 1978, 25, 195, 200, 246, 305.

[17] 1953, 33, 37.

[18] 1983, 53, 242 ff.

[19] Hermann 1978, 36.

[20] 1994, 415.

[21] nach Spanuth 1953, 33.

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