Das schwebende Götterbild von Trier

Bronzestatue des Merkur aus Trier
(Rheinisches Landesmuseum Trier & Thomas Zühmer, CC BY-NC-SA)

Ulrich Magin / Leif Inselmann

Ein rätselhaftes Kultbild

Im römischen Trier – und noch danach – soll es eine schwebende Figur des Merkurs, des Gottes des Handels, zu bestaunen gegeben haben.
Wie Adam Görgen schreibt, brannte im „… hier [am Fluss] befindliche[n] Moseltor, Porta inclita, d. i. Prachttor, genannt, des Abends ein Leuchtfeuer zur Erhellung des Hafens. Auch soll nach der Gesta Trevirorum ein Merkurtempel hier gestanden haben, worin ein eisernes Merkurbild zwischen zwei Magneten schwebend in der Luft hing.“[1]          
Philipp Laven[2] überliefert 1851 sogar noch ein Gedicht über die schwebende Statue:

„Unter dem Merkur:  
Von Eisen was gegossen ein Bilde hoche,   
Mercurius genent, der im Tempel floge,      
Solches zwaier Magnetenn Krafft    
Inn der Luffth schwebenn macht.“

Weitere Hintergründe liefern Ludwig Harig und ‎Hans Dahlem:

„Schon die ‚Gesta Treverorum‘ erzählen von Merkur, wie er, als eherne Figur, den wirtschaftlichen Aufschwung symbolisiert. Sie erzählen, wie die Trierer zu seinen Ehren, den sie als höchsten Gott ansahen, in einem Tempel einen Bogen von großer Höhe errichteten, und wörtlich heißt es weiter: ‚In diesem brachten sie ein großes ehernes Bild Merkurs zum Schweben, indem sie einen Magnetstein im Gewölbe und einen anderen unten im Boden des Bogens einfügten, so daß das mächtige Eisenbild in der Luft hing. … Jesuitenpater Balthasar Alff aus Köln beschreibt seinen [Merkurs, nicht der Statue] Flug von Köln nach Trier in einem Gedicht.“ [3]

Nach G. Kentenich:

„Auch errichteten die Trierer ein geräumiges Kapitol, ferner einen Götzentempel, in dem nicht weniger als 100 Götzenbilder vom Volke verehrt wurden. Sie errichteten ferner zu Ehren des Gottes MERKUR, den sie als höchsten Gott verehrten und der – wie sie glaubten – als Mittler zwischen Göttern und Menschen und als Bote des Friedens hin und her flog, einen Bogen von grosser Höhe, in dem sie ein überaus grosses, ehernes Bild Merkurs, so als flöge es durch die Luft, zum Schweben brachten; er trug die Inschrift: ‚Frei in den Lüften hängt aus Eisen der Heroldsträger‘. Es war aber ein Magnetstein im Gewölbe und ein anderer im Boden des Bogens eingefügt, dessen natürliche Kraft das Eisen in gerader Richtung anzog, und so schwebte das mächtige, eherne Bild in der Luft.“[4]

Bei der Gesta Treverorum handelt es sich um eine Sammlung von Legenden, Erzählungen, Abschriften päpstlichen Briefe und historischer Aufzeichnungen des Erzbischofs von Trier, die um 1105 beginnt und bis 1794 geführt wurde. Da es im Barock bereits zahllose okkulte und technische Spekulationen gab, kann man nicht sicher davon ausgehen, dass es sich bei den Berichten vom schwebenden Standbild um authentische Überlieferungen handelt. Nur A. B. Minola, Professor der Geschichte am Gymnasium zu Bonn, gibt 1816 ein größeres Alter der Erzählung an: „Von einer eisernen Statue des Merkur, die von einem Magnet in der Luft schwebend gehalten ward, spricht Galba, ein alter Schriftsteller.“[5] Minola gibt aber keine Quelle an, der man nachgehen könnte. Mit größter Sicherheit handelt es sich um einen einfachen Verleser von Gesta zu Galba.

Schwebende Statuen in Antike und Mittelalter

Magnetismus – eine magisch erscheinende Kraft, die Gegenstände ohne Berührung bewegen kann – faszinierte bereits die Menschen der Antike und wurde zum Gegenstand zahlreicher phantastischer Spekulationen und Schilderungen, die mit Fug und Recht als frühe Science-Fiction bezeichnet werden können: Verschiedene antike Quellen und mittelalterliche Sagen etwa berichten von einem magnetischen Berg, der die Eisennägel von Schiffen anzieht und diese damit zum Sinken bringt. Insbesondere Götterstatuen, die durch Magneten in der Schwebe gehalten werden, sind ein wiederkehrendes Motiv. Erst- und einmalig wurde die Geschichte dieses Motivs von Dunstan Lowe (2016)[6] in einem umfangreichen Artikel aufgearbeitet, der auch das Idol von Trier am Rande erwähnt.   
Bereits im 1. Jh. n. Chr. beschreibt der Universalgelehrte Plinius ein erstaunliches Projekt:

„Der Baumeister Timochares hatte zu Alexandria begonnen, mit dem Magnetstein den Tempel der Arsinoë zu überwölben, damit darin eine Statue aus Eisen in der Luft zu schweben scheine. Sein Tod und der des Königs Ptolemaios, der diesen Tempel für seine Schwester zu bauen befohlen hatte, verhinderten das Vorhaben.“[7]

Zur Zeit der Ptolemäer war Alexandria nicht nur Standort der größten Bibliothek der damaligen Welt, sondern auch ein Ort sagenhafter wissenschaftlicher und technischer Innovationen: Während der Geograph Eratosthenes bereits den Erdumfang annähernd korrekt berechnete, schufen Architekten wie Heron bereits erste Automata und einfache Vorläufer der Dampfmaschine (z.B. selbstöffnende Tempeltore). In diesem Klima der Innovation scheint auch das Vorhaben einer schwebenden Statue nicht abwegig, auch wenn dieses nie erfolgreich in die Tat umgesetzt wurde. Andere Erfinder dagegen scheinen, glaubt man den Quellen, mit ähnlichen Projekten weit erfolgreicher gewesen zu sein:          
Ein ganz ähnliches Kultbild des Sonnengottes Helios gewesen sein, das vor der Zerstörung durch die Christen im Serapeum von Alexandria befunden habe, beschreibt der frühchristliche Autor Tyrannius Rufinus in seiner Fortsetzung der Kirchengeschichte des Eusebius:[8]

„Es gab noch eine andere Art von Betrug von folgender Art: Die Natur des Magnetsteins ist durch seine Kraft bekannt, dass er Eisen an sich reißt und anzieht. Das Zeichen Sols selbst war genau dazu aus Eisen von feinster Hand eines Künstlers hergestellt worden, dass der Stein, von dem wir sagten, dass seine Natur Eisen anzieht, darüber an der Deckenverkleidung befestigt war, unter dem sorgfältig in der Waage deponiert gewesen sei das Bildnis und in der Luft zu hängen schien. Und damit es nicht von einem plötzlichen Sturze verraten werde, pflegten die trügerischen Diener zu sagen: „Erhoben hat sich die Sonne, Abschied zu nehmen von Serapis und zu seinem Eigentum zu verschwinden!““[9]

Auf dieses alexandrinische Wunder beziehen sich übrigens auch mehrere prä-astronautische Autoren. So lesen wir bei Peter Kolosimo[10], der Robert Charroux anführt[11], wie der Mönch Rufinius Aquileia um das Jahr 400 selbst erlebte, wie eine Metallscheibe im Tempel des Serapis in Alexandria aufgrund einer Vorrichtung mit Magneten in der Luft schwebte.       
Schreibt Charroux: „Eine besonders augenfällige ihrer Kraftleistungen bestand darin, daß sie eine die Sonne darstellende Metallscheibe in dem großen, in der Nähe von Alexandria gelegenen Serapistempel emporschweben ließen.         
Der Mönch Rufinus aus Aquileia, der es mit eigenen Augen gesehen hat, vermutet, daß mehrere starke, in der Decke verborgene, Magneten die Sonnenscheibe an einem Gleichgewichtspunkt in der Luft schwebend halten konnten.“       
Vielleicht meint auch Augustinus dieselbe Statue des Helios, wenn er im Gottesstaat von einem levitierenden Götterbild in einem nicht identifizierten Tempel schreibt und diese als falsches Wunder klassifiziert.[12]

Die beiden Wunderwerke von Alexandria bleiben jedoch nicht allein: Das Motiv der schwebenden Idole, die oft als verwerflicher Götzendienst bewertet werden, hält sich über die ganze Spätantike und das Mittelalter. In der syrischen Stadt Magnesia (!) soll es dem Wunderbuch des Ampelius (4. Jh.) zufolge eine schwebende Eisenfigur der Siegesgöttin Nike/Victoria gegeben haben.[13] Im Tempel der Artemis von Ephesos habe nach Cassiodor (6. Jh.) eine eiserne Cupido-Figur ohne jede Befestigung gehangen.[14] Cosmas von Maiuma (8. Jh.) erwähnt eine hängende Statue des Helden Bellerophon auf dem Pegasos-Pferd, die sich in Smyrna in Syrien befunden habe. Spätere mittelalterliche Quellen beschreiben diese explizit als durch Magnete schwebend.[15] Dem jüdischen Midrasch zufolge seien auch die in der Bibel erwähnten Stierbilder von Bethel und Dan, die der frühisraelische König Jerobeam aufstellen ließ, von Magneten in der Luft gehalten worden, und nach der Nabatäischen Landwirtschaft des Ibn Wahshiyya habe einst auch das Kultbild des babylonischen Sonnengottes zwischen Himmel und Erde geschwebt.[16] Im Hochmittelalter wird schließlich auch das Grab des Propheten Mohammed von mehreren (christlichen) Autoren als Magnetschwebekonstruktion beschrieben[17] – wie wiederum muslimische Quellen den Christen die Verehrung des schwebenden Sarges des Aristoteles nachsagen. Technische Spielereien, falsche und echte Wunder gehen bei diesen Anekdoten fließend ineinander über. In vielen Fällen handelt es sich um religiöse Polemik, die dem jeweils Fremden als trügerischer Götzendienst zugeschrieben wird.    
Die letzteren Wunderberichte führen geradewegs zurück nach Trier – denn neben dem schwebenden Merkur erwähnt die Gesta noch ein weiteres, ganz ähnliches Wunder: In Trier habe sich auch der Sarg des Heiligen Paulinus befunden, der von eisernen Ketten gehalten wurde. Als die Normannen im Jahr 882 die Ketten wegrissen, habe dieser weiter in der Luft geschwebt – hier kein magnetischer Zaubertrick, sondern ein Wunder Gottes. Erst als Jahre später einige Ungläubige den Sarg berührten, habe dieser sich wieder zur Erde gesenkt.[18]

Haben diese zahlreichen Berichte – oder zumindest einige von ihnen – einen wahren Kern? Gab es in Antike oder Mittelaltertatsächlich metallene Kultbilder, die durch eine Konstruktion von Magneten in der Schwebe gehalten wurden?      
Hinsichtlich der technischen Realisierbarkeit muss diese Frage wohl verneint werden: Gemäß dem sogenannten Earnshaw-Theorem, begründet 1839 und bis heute unwiderlegt, kann es kein statisches Magnetfeld geben, das Objekte in einem stabilen Gleichgewicht zu halten vermag. Daher ist eine stabile magnetische Levitation eines Objekts mithilfe herkömmlicher Dauermagneten, wie sie den Menschen der Vormoderne zur Verfügung standen, physikalisch unmöglich. (Umgehen lässt sich dies nur durch moderne Mittel wie eine aktive Regulierung des Magnetfeldes oder die Verwendung diamagnetischer Körper. Mithilfe dieser Methoden sind stabile Magnetschwebekonstruktionen heute durchaus realisierbar.)[19]       
Wenn wir den Menschen der Antike und des Mittelalters also nicht die Technologie des 21. Jahrhunderts mit dynamisch regulierten Hochleistungsmagneten zuschreiben wollen (und keine der Quellen deutet darauf hin), so müssen die vielfach berichteten schwebenden Statuen vor dem Hintergrund des Earnshaw-Theorems wohl als historische Fiktion betrachtet werden: Teils religiöse Wundergeschichten, teils fantasievolle Extrapolation eines bekannten physikalischen Phänomens – Science-Fiction.

Trier: Die Lösung

Wenn es aber das Kultbild von Trier nicht gegeben haben sollte – worauf gründen dann die Berichte darüber? Handelt es sich etwa um eine bloße Erfindung, gar religiöse Propaganda?
Der Erklärung für das Götterbild ist wahrscheinlich eine ganz andere: Die Mosella, ein langes episches Gedicht des römischen Autors Ausonius, enthält in seiner langen Beschreibung der Schönheit des Mosellandes auch einen Verweis auf ein schwebendes Götterbild (Zeilen 311–317):

„Hier auch weilte vielleicht einst des Ptolemäer-Pallastes
Gründer, Dinochares, er, dem empor im Kegelgevierte
Steiget die Pyramid und den eigenem Schatten sich decket;
Wegen des Bündnisses einst ruchlosiger Liebe geheißen,
Hängt’ er Arsinoës Bild hochauf im Pharischen Tempel,
Denn stark weht an der Wölbung des Dach’s magnetisch der Korus,
Und anzieht er am eisernen Haar freischwebend die Jungfrau
.“[20]

Gemeint ist hierbei jedoch nicht ein Kunstwerk in Trier, sondern die von Timochares geplante Statue der Arsinoë, von der bereits Plinius berichtet.   
Da die Mosella für die humanistischen Gelehrten von größter Bedeutung war, wanderte durch einen Irrtum die schwebende Götterstatue in Alexandria, die in dem Gedicht „Mosel“ erwähnt wurde, bei späteren Autoren an die Mosel. Möglicherweise wurde das missverstandene Zitat hierbei auch mit der bekannten Erzählungen um den schwebenden Sarg des Hl. Paulinus vermischt.
Wie viele scheinbar faszinierende Rätsel verdankt also auch dieses seine Existenz Abschreibfehlern und schlechtem Zitieren – auch wenn der Ursprung der Stillen-Post-Fake-News, einmal aufgedeckt, selbst wieder ein Rätsel sein kann.

Weitere verblüffende Rätsel der Archäologie aus der Region Trier findet der interessierte Leser in Ulrich Magins Magische Mosel: Mystische Orte und unheimliche Ereignisse. Regionalia-Verlag 2019 sowie wie in Ulrich Magin: Rätsel und Mysterien der Eifel. Eifelbildverlag 2021.


[1] Görgen, A. 1910: Das Moselland in Sage und Geschichte, Natur und Kultur, Lintz, S. 24.

[2] Laven, P. 1851: Trier und seine Umgebungen in Sagen und Liedern: Mit Bemerkungen über die Quellen dieser Sagen, Lintz, S. 59.

[3] Harig, ‎L. / Dahlem, H. 1983: Trierer Spaziergänge, S. 206

[4] Kentenich, G. 1925: Die Trierer Gründungssage in Wort und Bild, in: Trierisches Heimatbuch, S. 194 f.

[5] Minola, A. B. 18162: Kurze Uebersicht dessen, was sich unter den Römern seit Jul. Caesar bis auf die Eroberung Galliens durch die franken am Rheinstrome Merkwürdiges ereignete, Köln, S. 231.

[6] Lowe, D. 2016: Suspending Disbelief: Magnetic and Miraculous Levitation from Antiquity to the Middle Ages. Classical Antiquity 35/2, 247–278.

[7] Plin. Nat. His. 34:148: magnete lapide architectus Timochares Alexandriae Arsinoes templum concamarare incohaverat, ut in eo simulacrum e ferro pendere in aere videretur. intercessit ipsius mors et Ptolemaei regis, qui id sorori suae iusserat fieri.
Nach: C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde. Lateinisch-Deutsch. Buch XXXIV: Metallurgie. Hg. und übers. von R. König. Sammlung Tusculum, München/Zürich 1989.

[8] Lowe 2016, 253 (zit. Rufinus Kirchengeschichte 2.23).

[9] Rufinus Kirchengeschichte XI 23: Erat et aliud fraudis genus huiusmodi. Natura lapidis magnetis huius virtutis esse perhibetur, ut ad se rapiat et adtrahat ferrum. Signum solis ad hoc ipsum ex ferro subtilissimo manu artificis fuerat fabricatum, ut lapis, cuius naturam ferrum ad se trahere diximus, desuper in laquearibus fixus, cum temperate sub ipso ad libram fuisset positum simulacrum et in aere pendere videretur. Et ne hoc lapsu propero proderetur, ministri fallaciae >surrexit>, aiebant, >sol, ut valedicens Serapi discedat ad propria<
Üs. LI nach: Schwartz, E. (Hg.): Eusebius Werke Zweiter Band. Die Kirchengeschichte. Zweiter Teil. Die Bücher VI bis X. Über die Märtyrer in Palästina. Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte. Eusebius. Zweiter Band, zweiter Teil. Leipzig 1908, S. 1027 f. Vgl. auch Lowe 2016, 253.

[10] Kolosimo, P. 1974: Timeless Earth, London, S. 100.

[11] Charroux, R. 1990: Phantastische Vergangenheit, Berlin, S. 183

[12] Lowe 2016, 254 (zit. Augustinus Civitate Dei 21.6).

[13] Lowe 2016, 258 (zit. Ampelius Liber Memorialis 8.9).

[14] Lowe 2016, 263 (zit. Cassiodor Variae 1.45.10).

[15] Lowe 2016, 259 f (zit. Cosmas Kommentar zu Gedichten des Gregor von Nazianzus).

[16] Lowe 2016, 260 f.

[17] Lowe 2016, 265 f.

[18] Lowe 2016, 263 f (zit. Gesta 43 = PL 154.1164).

[19] Vgl. Lowe 2016, 249 f: „In reality Earnshaw’s Theorem of 1839, stating that stable levitation against gravity using only ferromagnetic materials cannot work on any scale, stands uncontested.“ […] „Even with today’s artificial supermagnets, thousands of times more powerful, such a monument would require precision engineering and impractically large quantities of metal to achieve suspension across even a few inches of air.“

[20] Des Decius Magnus Ausonius Gedicht von der Mosel, verlegt bei Bürger Lassaulx, Koblenz, im Jahr 10 der Republik (= 1802).

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