Von Wurzelrassen zu den Visionen des Ezechiel – Die Vorläufer der Prä-Astronautik

Von links nach rechts: Charles Fort, Helena Blavatsky, H. P. Lovecraft

Über technische Kenntnisse der alten Völker wurde bereits im 18. Jahrhundert, vor allem dann im 19. Jahrhundert, oft und gern spekuliert Als eines unter mehreren Beispielen sei die mögliche Kenntnis vom Blitzableiter genannt, die der biblische König Salomon gehabt haben soll. 1785 bereits widmete Johann Philipp Ostertag dem Thema seinen Aufsatz Archäologische Abhandlung über die Blitzableiter und die Kenntnisse der Alten von der Electrizität[1], 1856 erklärt Carl Gottfried Wilhelm Vollmer:

„Blitzableiter auf dem salomonischen Tempel.

Daß in dem jüdischen Alterthum solche vereinzelte Kenntniß physikalischer Erscheinungen bekannt war (natürlich nur der Priesterkaste, dem Stamme Levi und zwar nur den Auserwählten desselben), geht sowohl aus den Wundern hervor, welche die ägyptischen Priester und Moses thaten, als aus manchen anderen Erscheinungen und Thatsachen.

Der salomonische Tempel giebt Kunde davon, daß man zu jener Zeit metallene Spitzen als Blitzableiter angewendet; es standen dergleichen Metallspitzen nämlich in großer Menge auf dem metallenen Dache des Tempels (angeblich um die Vögel abzuhalten, sich darauf zu sehen und das Heiligthum zu verunreinigen), welches durch große kupferne Röhren das Regen- und Thauwasser in das Innere des Felsens, auf dem der Tempel stand, ergoß, und welches dadurch zugleich zu dem vortrefflichsten Blitzableiter wurde. Michaelis in Göttingen kam auf diese merkwürdigen Schlußfolgerungen, weil er bei der freien poetischen Uebersetzung des 29. Psalmes auf die Stelle:

‚Indessen singt man Dir, Jehova, Lieder
In Deinem sichern Heiligthum;
Dein Tempel schallt von allen Enden wieder
Du Donnernder von Deinem Ruhm.‘

stieß, welche ihm anzudeuten schien, daß der Sänger der Sicherheit des Tempels sich bewußt gewesen.“[2]

Diese Pseudo-Tatsache war so verbreitet, dass die populäre Zeitschrift Die Gartenlaube 1872 darauf Bezug nahm. Charroux hat das Thema später in seinen Büchern erwähnt, allein, es war keine neue „Entdeckung“.

Auch die Visionen des zukünftigen Jerusalems wurden bereits im 19. Jahrhundert halb technisch gedeutet. Den Anfang macht – meines Wissens – ein Scherzbold, der 1884 in der Zeitschrift Knowledge die Zeugen von Untersee-Lichträdern (ein Phänomen, das in tropischen Meeren vorkommt) mit Ezechiels Vision von Rädern im Alten Testament verglich.[3] Später, gegen Ende des Jahrhunderts, bastelten mehrere Ingenieure, auf Ezechiels Beschreibungen beruhend, Modelle von Luftschiffen.

Ihnen folgte Madame Blavatski, die Begründerin der Theosophie, einer esoterischen, angeblich aus Indien stammenden Lehre von den geheimen Kräften des Weltalls und ihrer Nutzung durch die Wurzelrassen der Menschheit, die auf Kontinenten wie Lemuria und Atlantis lebten. Die vierte Wurzelrasse der Atlanter habe die Weltkraft Fohat genutzt, um zyklopische Mauern zu errichten und um eine „überlegene Technologie“ zu unterhalten.[4] Blavatskis Bücher, viel gelehrter und tiefgründiger als die populäre Prä-Astronautik, behandelten die Kenntnisse der Elektrizität in der Antike und philosophische Konzepte der Alten, die ihrer Zeit weit vorausschienen. Die Bücher Isis entschleiert und Die Geheimlehre lassen sich im Internet leicht finden. [5] Diese alten technischen Kulturen besaßen nach Blavatski aber eine esoterische Technik, und sie entstammten der Erde, nicht dem Weltall.       
Besonders die ersten UFO-Kontaktler wie der Amerikaner George Adamski beriefen sich auf Blavatskis Theosophie und verknüpften ihre Lehren mit der neuen Heilserwartung an Aliens in fliegenden Untertassen.[6] 
Doch bereits ihr Schüler Scott-Eliot fand durch „Hellsehen“ heraus, dass die Lemurer noch heute als Australier und Buschmänner leben. Chinesisch war die Sprache von Lemuria. Von den Lemurern stammen die Atlanter ab und von diesen die altmexikanischen Tolteken. Die Tolteken erbauten nicht nur das Megalithheiligtum Stonehenge in Südengland, sondern auch die ägyptischen Pyramiden, und sie hatten bereits Flugzeuge.[7]

Charles Fort und das Buch der Verdammten

Charles Fort (1874–1932) formulierte in seinem Buch Book of the Damned 1919 als erster die Prä-Astronautik-Hypothese aus, weil er diese separaten Stränge bündelte und sie mit Außerirdischen in Zusammenhang brachte. In einem Artikel für die Zeitschrift Strange (Nr. 1, S. 4–9) fasst Paul J. Willis Forts Gedanken zusammen. Fort nahm an, dass Raumfahrer von fremden Himmelskörpern in der Vorzeit auf der Erde gelandet seien und unseren Planeten in Besitz genommen hätten. Als Beweis zitiert Fort einen Eisenhammer in Kohleschichten[8] und weitere ähnliche Objekte[9], prähistorische Kupferminen am Lake Superior, USA[10], einen „Weltraumhelm“, der 1879 in Missouri gefunden wurde[11], die optischen Linsen von Ninive[12] sowie Felsbilder der Jungsteinzeit[13].   
Forts düstere Schlussfolgerung: „Ich denke, wir sind der Besitz von jemandem. Dass vor langer Zeit diese Erde niemandem gehörte, dass andere Wesen uns entdeckt und kolonialisiert haben, dass andere unter sich um die Erde gekämpft haben, und dass wir nun jemandes Besitz sind. Alle anderen: Verzieht Euch!“[14]

H. P. Lovecraft und der Cthulhu-Mythos

(Kapitel von Leif Inselmann)

H. P. Lovecraft (1890–1937), der amerikanische Horrorschriftsteller, der Forts Arbeit gut kannte (aber ein entschiedener Gegner des sogenannten Aberglaubens war), machte diese Gedanken zur Prämisse mehrerer Geschichten. Lovecrafts Geschichten sind in Deutschland in vielen Ausgaben erhältlich, dazu mehrere Biografien über den Autor. In mehreren phantastischen Erzählungen, die Horror mit früher Science-Fiction verbinden, nimmt Lovecraft Themen der Prä-Astronautik vorweg:

  • In Der Ruf des Cthulhu (The Call of Cthulhu) beschreibt er das gleichnamige Wesen – eine riesige, humanoide Kreatur mit Tentakeln und Flügeln –, das vor Millionen Jahren aus dem Weltall auf die Erde kam und seitdem in der Stadt R’lyeh auf dem Grund des Pazifiks schläft. Cthulhu wird von verschiedenen indigenen Völkern und Sekten der Menschen als Gottheit verehrt, deren Wiederkehr man erwartet.
  • In Berge des Wahnsinns (At the Mountains of Madness) stößt eine Expedition in der Antarktis auf eine riesige Ruinenstadt der Älteren Wesen (Old Ones), die vor Jahrmillionen auf die Erde kamen und die irdischen Lebewesen einschließlich des Menschen erschufen.
  • Der Flüsterer im Dunkeln (The Whisperer in Darkness) thematisiert die krabbenartigen Mi-Go, die von einem Planeten namens Yuggoth jenseits des Neptun stammen (vgl. Zecharia Sitchins Nibiru) und schon seit langem die Erde besuchen.
  • Der Schatten aus der Zeit (The Shadow Out of Time) handelt von der „Großen Rasse von Yith“, die vor hunderten Millionen Jahren auf die Erde kam und später von den Flugkraken, einer weiteren außerirdischen Spezies, besiegt wurde.

Die lose verbundenen Erzählungen bilden den sogenannten Cthulhu-Mythos, in den auch Themen der Theosophie wie die untergegangenen Kontinente Mu und Lemuria mit einflossen.          
Bei Lovecraft finden sich bereits mehrere Motive, die auch die spätere Prä-Astronautik prägen:

  1. Außerirdische erschufen den Menschen und wurden von „primitiven“ Völkern als Götter verehrt.
  2. Megalithische („zyklopische“) Bauwerke an exotischen Plätzen der Erde sind Zeugnisse der außerirdischen Besucher.
  3. Das Wissen über die Außerirdischen wurde in Geheimbünden und Sekten sowie in verbotenen Schriften (allen voran dem Necronomicon) überliefert.
  4. Mehrfach findet sich das Thema der Vermischung nichtmenschlicher Wesen mit Menschen, woraus Hybride hervorgehen (The Dunwich Horror, The Shadow over Innsmouth).

Während Erich von Däniken zwar bestritt, jemals Lovecraft gelesen oder von diesem gehört zu haben, wurde der direkte Einfluss auf dessen Vorgänger Pauwels und Bergier (s.u.) unter anderem von Jason Colavito herausgearbeitet.[15]

„Bergier behauptete, 1935 mit Lovecraft korrespondiert zu haben, obwohl keine Briefe erhalten sind. Er verbrachte einen Großteil der 1950er Jahre damit, Lovecraft in den französischen Medien zu promoten, unter anderem in der von ihm und Pauwels herausgegebenen Zeitschrift Planète, und setzte sich für die Veröffentlichung von Lovecrafts Werk in französischen Ausgaben ein. Die Redakteure der Planète betrachteten Lovecraft als ihren Propheten und trugen mit ihren Nachdrucken seiner Geschichten dazu bei, ihn und den Cthulhu-Mythos in der französischen Vorstellungswelt zu popularisieren.“[16]

In ihrem Buch Aufbruch ins dritte Jahrtausend, einem Schlüsselwerk der frühen Prä-Astronautik, beziehen sich die französischen Autoren nicht weniger als fünfmal explizit auf Lovecraft:

„Existieren sie, diese Bewohner unterirdischer Gefilde oder diese Wesen, die von anderen Planeten gekommen sind? Diese Riesenmenschen, ähnlich jenen, die, in einen goldenen Panzer gehüllt, in den tibetanischen Grüften ruhen? Oder auch diese ungestalten und schreckenerregenden Geschöpfe, wie Lovecraft sie beschreibt und die in den heidnischen und luziferischen Riten beschworen werden?“[17]

Hier zeigt sich jedoch auch ein Unterschied: Während die eigentlichen Vertreter der Prä-Astronautik fast durchgehend von humanoiden Außerirdischen ausgehen, die sich von Menschen nur in Details unterscheiden, handelt es sich bei Lovecrafts Aliens um maximal fremdartige Geschöpfe, die in ihrer Erscheinung eher an wirbellose Tiere denn an Menschen erinnern.

Prä-Astronautik und Nationalsozialismus

Im Gegensatz zu Fort, der seine Thesen stets sehr ironisch präsentierte, und Lovecraft, der sie als Fiktion kennzeichnete, nahmen rassistische Esoteriker, die sich auf die Theosophie beriefen (Madame Blavatski ging zwar von der Existenz von Rassen aus, war aber weder Rassistin noch Antisemitin), prä-astronautische Ideen ernst.  
So phantasierte der Germanenesoteriker Pählke-Weißhaar in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in ihrer Frühphase, vor der Rassenvermischung mit den minderwertigen Juden, seien die Germanen bzw. Deutschen im Besitz überlegener Technologie gewesen: „Immerhin haben wir noch genug Überlieferungen, die erkennen lassen, dass die Alten die Elektrizität, das Fernrohr, das Mikroskop, den Fernsprecher ohne Draht, die Photographie, biegsames Glas, dauerhafte Farben und vieles andere kannten, dass sie in der Chemie weiter waren als wir, in der Astronomie sicherlich.“[18]       
Die Nazi-Forschungsgemeinschaft „Ahnenerbe“, jeder Pseudowissenschaft angetan und u.a. für die Menschenversuche in den KZ und deren „wissenschaftliche“ Legitimierung zuständig, unterhielt auch ein Programm für etwas, was wir heute prä-astronautische Studien nennen würden. Der SS-Führer Heinrich Himmler vermutete, durch die Erforschung germanischer Mythen über Blitze und Donnerkeile könne man Wissen erlangen über „ein früheres, hoch entwickeltes Kriegswerkzeug unserer Vorfahren, das selbstverständlich nur im Besitz weniger, nämlich der Asen, der Götter, war und das eine unerhörte Kenntnis der Elektrizität voraussetzt.“[19]

Richard S. Shaver

Lovecrafts Horrorgeschichten, die auf Forts Thesen gründeten, wurden von einem schizophrenen Amerikaner namens Richard S. Shaver ernst genommen.           
Im September 1943 erhielt Ray Palmer, der Herausgeber des SF-Magazins Amazing Stories, einen Brief von Richard Sharpe Shaver aus Pennsylvania. Shaver hatte – was Palmer nicht wusste – acht Jahre in einer Geistesheilanstalt verbracht, weil er als schizophrener Paranoiker diagnostiziert worden war. Das „Manuskript“ bestand aus bekritzelten Papiertüten, Wäschereirechnungen, Briefumschlägen und ähnlichem. In dem Brief berichtete Shaver, dank seiner übernatürlichen Kräfte könne er Gedanken lesen, und die Gedanken seiner Mitmenschen und die von Außerirdischen hätten ihm die wahre Geschichte der Welt enthüllt: So beherrschte er nicht nur eine antike Sprache namens Mantong, die die „Wurzelwörter“ aller Weltsprachen enthielt, er wusste auch, dass die gesamte menschliche Geschichte auf einen Kampf zwischen guten und bösen Außerirdischen zurückzuführen war.

Amazing Stories Nr. 21/6, Juni 1947: The Shaver Mystery (Wikimedia Commons)

Ursprünglich war unsere Sonne ein wolkenverhangener Planet. Er war von mächtigen Kohleschichten bedeckt, die Feuer fingen. Die Kohle brannte viele Zeitalter lang und sandte „integrative Energie“ ins All. In dieser Zeit wurde die Erde von zwei außerirdischen Rassen besiedelt, den Atlanen und den Titanen. Sie lebten ewig, blieben immerwährend jung und wurden bis zu 15 Meter groß. Diese alten Rassen verfügten über eine unglaublich hochstehende Technologie, hauptsächlich Strahlenmaschinen, die Heilenergien ausstrahlten, die die sexuelle Lust steigern und verlängern konnten, die Hellsehen ermöglichten oder Gedanken übertragen konnten.         
Vor 20 000 Jahren war aber die schützende Kohleschicht der Sonne abgefackelt, sie wurde zum Todesstern, der negative Partikel ausstrahlte. Diese Energie wird von der Erde gespeichert, durch sie müssen wir altern und sterben. Die ältere Rasse zog sich in Höhlen zurück. Tatsächlich ist die gesamte Erdoberfläche von gigantischen Höhlensystemen durchzogen, „Stadt folgt auf Stadt, in unendlichen Perlenketten, die Heimstätten von Riesen“, so Shaver. In diesem Höhlensystem wohnen 50 Milliarden Atlane und Titane. Einige Lemurier waren durch die Sonnenstrahlen bereits mutiert und blieben auf der Erde. Einige davon begaben sich auf die Erdoberfläche, wurden sterblich – man kennt sie als „Menschen“. (Wie klingt das nach Dänikens Aussaat und Kosmos, aber auch nach der scientologischen Mythologie des L. Ron Hubbard!)
Die Höhlenbewohner nannte Shaver „Abandondero“ oder kurz „Dero“. Die Deros beschreibt er so: „Es sind furchtbar blutarme Wesen, hyperzappelig, klein, mit pfeifendünnen Ärmchen und Beinen, Bierbäuchen, großen, hervorstehenden Augen und breiten, idiotisch grinsenden Mündern.“ Sie beherrschen noch immer die Strahlen, und die Menschheit ist wehrlos. Denn die Deros entführen Menschen. Jedes Jahr werden Tausende in die Höhlen verschleppt, um den Deros als Spielzeug, als Sklaven oder Nahrung zu dienen. Die Menschen werden mit Strahlen jahrelang am Leben erhalten und dabei gefoltert. Frauen werden in Höhlen oder ins All verschleppt und mit Sex-Stimulanz-Geräten verkabelt. Sie winden sich ekstatisch, und die Deros nutzen sie als Möbelstücke! Die gesamte menschliche Geschichte wurde von den Deros begleitet und geleitet. Die Berichte früherer Zeiten über Zwerge, Kobolde und Teufel sind Berichte von Begegnungen mit Deros. Auch an der Erdoberfläche sind die Deros aktiv. Sie rufen Menschen an, die ihre scheibenförmigen Raumschiffe gesehen haben, und geben sich als FBI-Agenten aus; manchmal ersetzt ein Dero eine prominente Person (als Wechselbalg). Natürlich kann man das bezweifeln: doch dann ist man Opfer der Gedankenstrahlen der Deros. Shaver selbst wusste, wovon er sprach: „Sie haben mir alle Nerven zerschnitten, die jetzt nicht mehr funktionieren … Sie haben einen Großteil meines Gehirns zerstört“, schrieb er an Palmer.          
Palmer zeigte sich interessiert und veröffentlichte den Brief im Januar 1944 in Amazing Stories. Er bat Shaver um weitere Informationen, aus denen Palmer spannende Geschichten machte. Er verkaufte es als Tatsachenberichte. Ein Manuskript hieß A Warning to Future Man, Palmer streckte es auf den dreifachen Umfang und veröffentlichte es unter dem Titel I remember Lemuria. Je mehr Material von Shaver Palmer druckte, desto höher stieg die Auflage von Amazing. Nur vier Monate nach der ersten Shaver-Veröffentlichung hatte sie sich bereits verdoppelt. Der Verlag musste sogar die Auflage von anderen Magazinen senken, um genug Papier zu haben, um Amazing zu drucken (es war Kriegszeit, und Papier war rationiert). 
Auf Shavers Veröffentlichungen erhielt Amazing Stories eine große Zahl von Leserzuschriften. Viele Leute berichteten von quälenden Dero-Stimmen, die sie in ihrem Kopf hören konnten. Einige Leser hatten eine Höhle bei Pittsburg, Pennsylvania, erkundet und dort künstlich geglättete Wände entdeckt und bemerkt, dass die Höhle von unten belüftet wurde. Ein Leser war auf einen „Menschen von Agharti“ getroffen, ein anderer berichtete, elektromagnetische Strahlen der Deros hätten bei Hopland, Kalifornien, zu Spukeffekten geführt. Ein Leser war in einer Höhle auf einen Dero getroffen, danach hatte er Besuch von einem geheimnisvollen Fremden, der ihm verbot, über seine Begegnung zu sprechen. Ein Leser, Fred Lee Crisman, berichtete, er hätte mit Maschinengewehren einen Kampf gegen Deros gefochten. 1946 gründet Chester Geier einen Shaver-Mystery-Club, der 2000 Mitglieder hatte. Jeden Monat erschien ein Magazin mit 64 Seiten Umfang.       
In Juni 1947 enthielt Amazing ausschließlich Material von und über Shaver. Das ist bedeutsam, nimmt Shaver doch in seiner angsterfüllten Phantasiewelt Entführungen, Verführungen, MIB, den Kampf guter gegen böse Außerirdische, die menschlichen Arbeiter der Außerirdischen und viele andere Elemente des UFO-Mythos voraus. Im Juni 1946 veröffentlichte Shaver in Amazing die Erzählung Luder Valley über den Absturz eines Raumschiffs und seine Bergung.[20] Seine Story Earth Slaves to Space (1944) gab als Tatsache an, Raumschiffe besuchten regelmäßig die Erde, entführten Menschen und verschleppten sie auf ferne Planeten.[21]
Es ist bemerkenswert, dass die Geburt des modernen UFO-Mythos von vielen der Menschen begleitet wurde, die das Shaver-Geheimnis verbreiteten. Ray Palmer z.B. finanzierte Kenneth Arnolds UFO-Forschungen[22], er brachte – nachdem Amazing die Shaver-Geschichten ganz einstellte – 1948 die Magazine Fate und Flying Saucers heraus, die das Geheimnis der fliegenden Untertassen verbreiteten. Fred Crisman zog den Maury Island-Schwindel vom 21. Juni 1947 auf, der die Idee zementierte, Ufos seien eine Art Raumschiffe.   
Auf die Zusammenhänge zwischen Shaver, Palmer, Crisman und den fliegenden Untertassen wurde auch das FBI aufmerksam. Wie FBI-Unterlagen ergaben, wurden Shaver und Palmer von der Behörde überwacht. „Das FBI war überzeugt, dass die beiden Männer sich die ‚Fliegende-Untertassen-Hysterie‘ von 1947 ausgedacht hatten. Agenten wiesen darauf hin, dass Palmers Behauptungen über Fliegende Untertassen, Entführungen und Regierungsverschwörungen die Ursache dieser Hysterie seien. Jeder, der sich in Amerika auch nur im entferntesten für fliegende Untertassen oder Okkultismus interessierte, wusste ja von dem Shaver-Geheimnis.“           
„Hätte es Palmer und Shaver nicht gegeben“, meinte John Keel, „gäbe es heute keine Ufologie. So einfach ist das. Palmer gründete FATE und hielt das Thema in seinen dunkelsten Stunden am Leben. Er musste das Rätsel erschaffen, bevor jemand die wirkliche Erklärung gefunden hatte.“

Die Kontaktler

Frühe UFO-Forscher und Kontaktler rekrutierten sich zuweilen aus der Esoterik-Szene und übernahmen Material aus theosophischen Schriften oder dem theosophischen Weltbild – hier ist vor allem George Adamski zu nennen, der vor seiner Untertassenzeit als tibetischer Weisheitslehrer dilettierte.        
Als nun die fliegenden Untertassen auftauchten, fand er Kontakt zu schönen langhaarigen Männern von der Venus. Adamskis Buch über seine erste Begegnung mit den weisen Venusmenschen enthält einen langen Abschnitt des britischen Theosophen (und späteren großen Motos der englischen Hippie-Bewegung) Desmond Leslie, der Begegnungen mit UFOs in der Geschichte der Menschheit referiert.  
Wir finden bei ihm vieles, was auch die ersten Bücher von Charroux, Kolosimo und Däniken enthalten, teils in identischen Zitaten (er war sicherlich die Quelle all dieser Autoren): Ezechiel (Hesekiel), das Mahabharata, das Buch Dzyan (die grundlegende Schrift der Theosophie), die indischen Vimanas, die UFO-Sichtung des Thutmosis, das „Mysterium“ der großen Pyramide.
Ein Schüler Adamskis war George Hunt Williamson. Er war einer der Zeugen, die Adamskis Treffen mit einem Venusmenschen beobachtet haben wollten. Von Leslie und den esoterischen Lehren der Theosophen inspiriert, fand Williamson Beweise für die einstige Anwesenheit der Planetarier in alten Mythen und archäologischen Artefakten. Von den Linien von Nazca über Inkabauten und Steinstatuen – all das, so berichtete er auf Vorträgen anläßlich seiner Europatournee 1958, sei von Planetariern geschaffen worden.[23] Williamson war übrigens ein Pseudonym: Richtig hieß der Mann Michel d’Obrenovic, er war Mitglied einer amerikanischen Nazi-Partei.[24]

Prä-Astronautik als Teil der Ufologie

In der frühen UFO-Literatur der 1950er Jahre finden wir praktisch jedes „Indiz“, das Erich von Däniken in seinen ersten Büchern anführt (oft in sehr ähnlichem Wortlaut):

  • Ende der 50er Jahre behauptete der französische Ufologe Aime Michel, Bildsymbole in Steinzeithöhlen stellten Ufos dar.[25]
  • 1957 erklärt der amerikanische UFO-Forscher Morris K. Jessup, irdische Pygmäen hätten vor hunderttausenden von Jahren eine Hochkultur begründet und seien auf den Mond ausgewandert, heute besuchten sie uns in fliegenden Untertassen. Er sieht alle megalithischen Bauten als ihr Werk an, darunter Tiwanaku, Nazca, Baalbek, die Große Pyramide, Sacsayhuamán und die Riesen der Osterinsel.[26]
  • Dass die Karte des Piri Reis ein Beweis für die Erforschung der Erde durch Außerirdische sei, äußerte zum ersten Mal Donald Keyhoe 1960 in seinem Buch Flying Saucers – Top Secret.[27]
  • Der englische Ufologe Le Poer Trench veröffentlichte im gleichen Jahr sein Werk The Sky People, in dem er die Ansicht vertrat, bei den Engeln des Alten Testament handle es sich um Außerirdische.[28]
  • 1961 veröffentlichte der sowjetische Wissenschaftler Modest Agrest mehrere Artikel, in denen er Felsgemälde der Sahara als Alien-Darstellungen deutete und die römische Tempelplattform in Baalbek im Libanon als außerirdisches Bauwerk auffasste. Sodom und Gomorrha, glaubte er, seien von einer Atombombe vernichtet worden.[29]
  • Paul Misraki übernahm 1962 Le Poer Trenchs Bibelinterpretation, ergänzte die in der heiligen Schrift überlieferten Astronautenkontakte um die Variante, auch in Fatima seien Außerirdische erschienen.[30]
  • Jacques Vallee hatte bereits 1965 in seinem Buch Anatomy of a Phenomenon – UFOs in Space[31] Hesekiel als UFO-Zeugen geführt.
  • 1966 mutmaßten Guy Tarade und Andre Millou in der italienischen Zeitschrift Clypheus (Oktober 1966)[32], die Grabplatte von Palenque zeige einen Raumfahrer.

Die eigentliche Prä-Astronautik

Es fehlte nur noch ein Autor, der die rechtsextremen, ufologischen und esoterischen Spekulationen um Übermenschen und Raumfahrer in der Vergangenheit in eine auch für ein nicht-ufologisches Publikum genießbare Form brachte. Da die Prä-Astronautik spätestens seit der Kontaktler-Bewegung ein fester Bestandteil der spekulativen Literatur über „fliegende Untertassen“ war, verblüfft es nicht, dass sich einzelne Autoren schließlich ganz diesem Gebiet widmeten.            
1963 erschien Aufbruch ins dritte Jahrtausend (Le Matin des Magiciens) der französischen Journalisten Jacques Bergier und Louis Pauwels, ein Buch mit vielen prä-astronautischen Passagen (die sich dann fast wörtlich in Dänikens Büchern wiederfinden).         
Im gleichen Jahr erschien Robert Charrouxs Phantastische Vergangenheit – das erste Buch, das ausschließlich prä-astronautische Spekulationen enthielt (u.a. zur Piri Reis-Karte (S. 21), zu Tiahuanaco in Bolivien, das von Raumfahrern erbaut worden sei, zu den Pyramiden, dem Kandelaber der Anden (S. 112) und zu der israelischen Bundeslade (S. 98)). 1964 folgte sein Buch Verratene Geheimnisse (Henoch, prähistorischer Atomkrieg, Hesekiel). Dass Erich von Däniken einen großen Teil seiner ersten Bücher aus seinen Werken übernommen hatte, ohne das Zitat deutlich zu machen, erboste Charroux noch Jahre später: „Ein gewisser, wenig skrupelhafter Autor gefällt sich darin, diese Weltraumreisenden ‚meine Götter‘ zu nennen; er hat sich damit nur eine meiner Ideen angeeignet, da ich schon lange vor ihm, nämlich im Jahre 1962, ausdrücklich erklärt habe, dass die Weltraumreisenden Initiatoren und Lehrmeister waren, die von den alten Völkern zu Göttern erhoben wurden.“[33]     
1964 begann Raymond Drake seine Serie über Gods und Spacemen, die Bücher Peter Kolosimos erschienen seit 1964 (Terra senza tempo).         
1967 erschien Erich von Dänikens Erinnerungen an die Zukunft – jenes Buch, das wie kein Werk der Prä-Astronautik zuvor eine breite Öffentlichkeit erreichte. Wie Gerhard Gadow bereits 1971 in dem Büchlein Erinnerungen an die Wirklichkeit herausstellte, besteht Dänikens Erstlingswerk in weiten Teilen aus Übernahmen aus nicht mehr als fünf früheren Büchern, die teils wörtlich und  ohne Quellenangabe kopiert wurden: Aufbruch ins dritte Jahrtausend von J. Bergier und L. Pauwels; Phantastische Vergangenheit und Verratene Geheimnisse von Robert Charroux, Götter, Gräber und Gelehrte von C. W. Ceram sowie Auferstandene Geschichte von Edward Bacon.[34]

Ulrich Magin lebt nahe Bonn und ist Autor des Buchs „Megalithen in Deutschland: Rätselhafte Großsteingräber, Hinkelsteine und Steinkreise“ (Nikol).


[1] Ostertag, J. P. 1785: Archäologische Abhandlung über die Blitzableiter und die Kenntnisse der Alten von der Electrizität. Neue philosophische Abhandlungen der Baierischen Akademie der Wissenschaftem 4.

[2] Vollmer, C. G. W. 1856: Naturkräfte und Naturgesetze: populäres Handbuch der Physik zum Selbstunterricht für die Gebildeten jeden Standes. Elektricität, Magnetismus, Galvanismus, Band 1, 6.

[3] Fort, C. 1974: Complete Books, New York, 271.

[4] Gooderick-Clarke, N. 1992: The Occult Roots of Nazism, London, 20.

[5] z.B. hier, wo die Osterinsel im Zusammenhang mit untergegangenen Kulturen behandelt wird:

Blavatsky, H. P. 1888: The Secret Doctrine. Vol. 2, London/New York, 316 ff.

[6] Adamski, G. 1953: Flying Saucers have Landed, London, 11, 80 – diese Teile stammen von den Briten Desmond Leslie.

[7] Nach Ashe, G. 1992: Atlantis, London, 11.

[8] Fort 1974, 129 f.

[9] Fort 1974, 133, 157 f.

[10] Fort 1974, 147 f.

[11] Fort 1974, 143 f.

[12] Fort 1974, 134.

[13] Fort 1974, 213 f.

[14] Fort 1974, 163. Zu Fort: Magin, U. 1997: Der Ritt auf dem Kometen. Über Charles Fort, Frankfurt a. M.

[15] Colavito, J. 2005: The Cult of Alien Gods. H. P. Lovecraft and Extraterrestrial Pop Culture, New York.

Colavito, J. 2011: The Origins of the Space Gods. Ancient Astronauts and the Cthulhu Mythos in Fiction and Fact.

[16] Colavito 2011, 12: „Bergier claimed to have corresponded with Lovecraft in 1935, though no letters survive. He spent much of the 1950s promoting Lovecraft in the French media, including the magazine he and Pauwels edited, Planète, and working to bring Lovecraft’s work out in French editions. The Planète’s editors held Lovecraft as their prophet, and their reprints of his stories helped to popularize him and the Cthulhu Mythos in the French imagination.“ (Übersetzung: DeepL)

[17] Pauwels, L. / Bergier, J. 1962 (61967): Aufbruch ins dritte Jahrtausend. Von der Zukunft der phantastischen Vernunft, Bern/München, 305. Weitere Erwähnungen von Lovecraft ebd., 193, 288, 420 und 451 (dort mit einseitigem Zitat).

[18] nach Heermann, C. 1983: Geheimwaffe Fliegende Untertassen, Berlin, 49. Das Buch ist eine DDR-Kampfschrift und sollte mit Vorsicht gelesen werden. Zur „germanischen Astronomie“ siehe Ulrich Magin 1996: Geheimwissenschaft Geomantie, München.

[19] Kater, M. H. 1974: Das ‚Ahnenerbe‘ der SS 1935–1945, Stuttgart, 50–51.

[20] Wright, B. L. 1999: From Hero to Dero. Fortean Times 127, 36–41, Zitat S. 38.

[21] Keel, J. A. 1983: The Man Who Invented Flying Saucers. Fortean Times 41, 54.

Wright, B. L. 1999: Fear Down Below. Fortean Studies 56, 187.

[22] Kenneth Arnold war der erste UFO-Zeuge, als er am 2. Juni 1947 eine Flotte von 9 sichelförmigen Flugkörpern erblicktem er untersuchte als Amateurjournalist weitere Sichtungen.

[23] Heermann 1983, 171 f.

[24] Vallee, J. 1988: Dimensions – A Casebook of Alien Contact, Chicago, 250.

[25] Ribera, A. 1984: Galeria de condenados, Barcelona, 61.

[26] Jessup, M. K. 1957: The Expanding Case For the UFO, New York.

[27] Keyhoe, D. 1960: Flying Saucers – Top Secret, New York, 213.

[28] Vallee, J. 1965: Anatomy of a Phenomenon – UFOs in Space, Chicago, 179, 216.

[29] Vallee 1965, S. 177 f; Keel 1971, 69.

[30] Vallee 1965, 178–179.

[31] Vallee 1965, 2.

[32] Dopatka, U. 1979: Lexikon der Prä-Astronautik, Düsseldorf, 354.

[33] Charroux, R. 1976: Vergessene Welten, München, 272.

[34] Gadow, G. 1971: Erinnerungen an die Wirklichkeit. Erich von Däniken und seine Quellen, Frankfurt a. M., 9.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert