Ausstellung: UFO 1665. Die Luftschlacht von Stralsund (Kunstbibliothek Berlin)

Am 8. April 1665 kommt es nahe der norddeutschen Stadt Stralsund zu einem rätselhaften Ereignis: Vier Fischer beobachten, wie sich am Himmel über dem Meer ein Vogelschwarm in eine Armada aus Schiffen verwandelt, die eine Luftschlacht in den Wolken führen. Am Abend desselben Tages ist eine fliegende Scheibe über der Kirche Sankt Nikolai zu sehen. Für mehrere Jahre beschäftigt das rätselhafte Ereignis die Menschen weit über die Region hinaus, dann verliert sich die kollektive Erinnerung – bis heute. Nun versucht eine Ausstellung der Kunstbibliothek im Berliner Kulturforum die Medienkarriere jener UFO-Sichtung aus dem 17. Jahrhundert nachzuzeichnen.

Unter dem Titel „UFO 1665. Die Luftschlacht von Stralsund“ versammelt die Sonderausstellung, die noch bis zum 27. August 2023 läuft, eine Vielzahl originaler Quellen aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert in Form historischer Manuskripte. Verschiedenste Bilder und Texte geben Einblick in jene Zeit, die von tiefer Religiosität und wissenschaftlichem Fortschritt gleichermaßen geprägt war, als eine frühe Medienexplosion Wunderglauben und früher Science-Fiction eine Heimat bot. Gegliedert ist die Ausstellung in sechs Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Aspekte des Ereignisses und seines kulturellen Kontextes behandeln.

Der erste Abschnitt „Zeugen und Medien“ widmet sich den Quellen, die über das Wunder von Stralsund und seine mediale Rezeption überliefert sind. Bereits zwei Tage nach dem Ereignis erscheint ein Bericht in einer Flugschrift, auch die Berliner Zeitung berichtet darüber. So verbreitet sich die Nachricht innerhalb kürzester Zeit im ganzen Land und findet auch in Sammlungen ungewöhnlicher Vorkommnisse Eingang. Eine Visualisierung erfährt die „Schlacht in den Wolken“ schließlich in Form von zwei Kupferstichen – einer noch im selben Jahr in einem Leipziger Flugblatt, der andere 1680 in einem Buch von Erasmus Francisci veröffentlicht.
Den zeitgenössischen wie modernen Erklärungen für das Ereignis widmet sich der zweite Abschnitt „Glaube“. Für die Menschen de 17. Jahrhunderts war die Deutung klar: Bei dem Wunder handelte es sich um ein Vorzeichen Gottes, das auf drohendes Unheil durch Krieg verwies. Dies steht im Einklang mit einer Weltanschauung, die selbstverständlich an einen aktiv eingreifenden Gott glaubte, der sich den Menschen durch Wunderzeichen offenbarte und dabei insbesondere den Himmel gerne als eine Art „Stadion-Bildschirm“ verwendete. Heute dagegen würde man die Sichtung der Schiffsflotte am Himmel wohl eher auf eine Luftspiegelung zurückführen, bei der weit entfernte Objekte über den Horizont versetzt erscheinen. So lassen sich auch andere zeitgenössisch bezeugte Himmelswunder heute durch optische Phänomene wie den „Nebensonnen“(Parhelion)-Effekt erklären.

Kupferstich der Stralsund-Sichtung in Erasmus Franciscis Der Wunder-reiche Uberzug unserer Nider-Welt/Oder Erd-umgebende Lufft-Kreys/ […] (1680)

Der Abschnitt „Design“ handelt von der Bildsprache der Darstellungen im zeitgenössischen Kontext: So dürfte die Abbildung der Luftschlacht im Kupferstich auf eine Illustration der Belagerung von Stralsund aus dem Jahr 1628 zurückgehen, während die scheinbar „schwebende“ Abbildung von Objekten über dem eigentlichen Geschehen sich auch in technischen Zeichnungen der Zeit wiederfindet. Nicht zuletzt die Idee von Luftschiffen, obwohl technisch noch lange nicht realisierbar, war längst bekannt – als Requisite bei Theateraufführungen, fliegendes „Narrenschiff“ in satirischen Schriften, aber auch als ernsthafter technischer Entwurf eines Luftschiffes mit Vakuum-Auftrieb, den Franceso Lana Terzi 1670 veröffentlichte.
Der Abschnitt „Mythos“ kommt auf die religiöse Deutung der zweiten Sichtung zurück: Fünf Jahre nachdem über Sankt Nikolai eine runde Scheibe zu sehen war, schlug ein Blitz in ebendiese Kirche ein und verletzte neun Menschen. Kein Wunder, dass man die Sichtung spätestens nun als göttliche Warnung vor dem drohenden Strafgericht erkannte. So erinnert die Illustration der Katastrophe von 1670 auch frappierend an einen Kupferstich von 1731, der die die Vernichtung der Leviten durch vom Himmel fallendes Feuer im Alten Testament abbildet. Eine weitere Parallele liegt in zeitgenössischen Illustrationen einer Szene aus der Offenbarung des Johannes, in der ein Engel einen Mühlstein auf das der Vernichtung geweihte Babylon fallen lässt.

Blick in die Ausstellung

Was uns heute bei dem Begriff UFO als erstes in den Sinn kommt, spielte im 17. Jahrhundert allerdings noch keine Rolle: Dass es sich bei den fliegenden Objekten um die Gefährte außerirdischer Lebewesen handeln könnte. Dabei war die Vorstellung außerirdischer Welten und Zivilisationen, wie der Ausstellungsteil „Horizont“ verdeutlicht, den Menschen nicht grundsätzlich unbekannt. Gelehrte Schriften und selbst Embleme der Jesuiten(!) zeigen eine Mehrzahl von Welten, die womöglich gar durch bemannte Raketen zu erreichen seien. Während Athanasius Kirchers „Ekstatische Himmelsreise“ (1656) und Daniel Defoes Fortsetzung seines Robinson Crusoe von 1719 sich das Weltall nur von engelhaften Wesen bevölkert vorstellen können, lassen Francis Godwin in The Man in the Moone (1638) und Cyrano de Bergerac in Les États et Empires de la Lune (1657) ihre Helden bereits auf außerirdische Zivilisationen treffen. Doch die Vorstellung, die Außerirdischen könnten ihrerseits mit überlegener Technologie der Erde einen Besuch abstatten, lag offenbar noch völlig außerhalb des Denkhorizonts jener Zeit. Erst 1752 ließ Voltaire in seinem gleichnamigen Roman den riesenhaften Außerirdischen Micromégas vom Sirius auf die Erde kommen, um der Menschheit den Spiegel vorzuhalten. Zum Standardmotiv phantastischer Literatur wurde diese Idee bekanntlich erst im 20. Jahrhundert.    
Heute dagegen sind außerirdische Wesen und Raumschiffe aus unserer Populärkultur nicht mehr wegzudenken, wobei die Erforschung der sogenannten UAPS (unidentified aerial phenomena) in den letzten Jahren zunehmend an Seriosität gewonnen hat. Dabei zeigt der letzte Ausstellungsteil „UFO 21“ bemerkenswerte Parallelen – aber auch Unterschiede – zwischen der Rezeption des UFO-Phänomens im 17. und 21. Jahrhundert auf: Auch heute wird wieder über eine „Hyperphysik“ debattiert, wenn das Verhalten unidentifizierter Himmelsphänomene der bekannten Physik zu widersprechen scheint – auch wenn die direkte Rückführung auf den christlichen Gott mittlerweile keine Rolle mehr spielt. Bemerkenswert sind jedoch die Ähnlichkeiten der beobachteten Objekte – so werden etwa kreuzförmige oder dreieckige UAPS gleichsam in beiden Epochen von Augenzeugen beschrieben.

Mit dieser Vielzahl an Quellen und gut verständlichen Erklärungen ermöglicht die Ausstellung „UFO 1665“ einen faszinierenden Einblick in eine kaum bekannte Seite des 17. Jahrhunderts ‒ ganz abseits von Ereignisgeschichte und „hoher“ Kunst, die sonst unsere Wahrnehmung jener Epoche prägen. Hervorragend gelingt es, das bemerkenswerte Ereignis von 1665 nicht nur umfassend darzustellen, sondern auch auf ganz verschiedenen Ebenen in den Kontext der Zeit einzubetten. Gerade diese kulturelle Kontextualisierung ist es, die bei Behandlungen historischer anomalistischer Phänomene in grenzwissenschaftlichen Publikationen zumeist unterbleibt, woraus in der Regel fehlendes Verständnis und unhaltbare Schlussfolgerungen resultieren. Die Ausstellung „UFO 1665“ zeigt dagegen vorbildhaft, dass und vor allem wie eine seriöse und zugleich spannende Auseinandersetzung mit einem solchen Phänomen möglich ist.

Zur Ausstellung erschien ein gleichnamiger Begleitband, verfasst von dem Ausstellungskurator Moritz Wullen, der sämtliche Abbildungen und Texte der Ausstellung umfasst. Der Inhalt ist deckungsgleich mit der Ausstellung selbst – primär eine kommentierte Sammlung von Bildquellen, vertiefende Sachartikel wie in anderen Ausstellungskatalogen fehlen. Das Buch ist durchgehend zweisprachig (deutsch-englisch) und umfänglich mit Quellenverweisen ausgestattet. Für alle an der Thematik Interessierten, die die Ausstellung nicht besuchen konnten oder die deren Inhalte nach dem Besuch gerne nachschlagen möchten, handelt es sich auf jeden Fall um eine lohnende Anschaffung.

UFO 1665. Die Luftschlacht von Stralsund
Kunstbibliothek (im Kulturforum)
Matthäikirchplatz
10785 Berlin Di-Fr 10:00‒18:00, Sa‒So 11:00‒18:00
Eintritt 6 € (ermäßigt 3 €)
05.05.2023 bis 27.08.2023
Publikation (24 €) im Webshop der Staatlichen Museen zu Berlin