Keltische Tempel

Die Überreste des Portals zum keltischen Tempel von Roquepertuse.
(Foto: Robert Valette, Wikimedia)

„Ganz nahe“ an der alten römischen Straße, die den Hunsrück von Bingen nach Trier überquert, so Johann Steininger 1845 in seiner „Geschichte der Trevirer unter Herrschaft der Römer“, „liegt der so genannte Juden-Kirchhof, eine ziemlich grosse Stelle im Walde, welche durch Quarzfelsblöcke eingeschlossen wird; und nicht weit davon hat man vor Kurzem eine römische, aber nicht mehr vollständig erhaltene Grabschrift aufgefunden, die in eine Platte von oolitischem Jurakalke, aus der Gegend von Metz, ausgehauen ist.“
Dieser „Juden-Kirchhof“, etwa einen Kilometer nördlich von Morbach-Elzerath im Haardtwald gelegen, ist allerdings kein jüdischer Friedhof gewesen – es handelt sich vielmehr um die Reste eines Tempelbaus aus vorrömischer Zeit, aus weißen Quarzitbrocken errichtet. Heute ist der Ort schwer zu finden, Farn, Ginster und Gras überwuchert die Wälle.
Dass es sich um eine Sensation handelte, nämlich um ein vor Ankunft der Römer errichtetes Felsheiligtum, fanden Archäologen heraus, die das Gelände 1937 und 1963 ausgruben. Die Setzung aus unbehauenem Fels maß 80 m in der Länge und 35 m in der Breite und formte ein unregelmäßiges Viereck. 
In der südlichen Hälfte der Anlage stießen die Forscher auf eine von 60 cm breiten und 60 cm hohen Mauern eingegrenzte Steinpackung, die ein Quadrat von 4,70 mal 4,50 m bildete – vielleicht die Grundfläche eines kleinen Tempels, der wohl römerzeitlich zu datieren ist. Im nördlichen Teil findet man eine Art Steinreihe, die ein paar Meter lang kerzengerade nach Norden weist.        
Der „Juden-Kirchhof“ ähnelt somit einem der bronzezeitlichen Steinkreise, bildet aber ein Rechteck. Man kann ihn Tempel nennen, könnte aber auch von einem Naturheiligtum oder einem heiligen Hain sprechen. Dennoch: Dieses Steingeviert könnte eines der ersten keltischen Heiligtümer Deutschlands sein.

Also doch: keltische Tempel

Es ist ein Allgemeinplatz in Fernsehdokumentationen über das „wilde (oder edle) Volk der Kelten“: Sie verehrten ihre Götter in simpler Einfalt in heiligen Hainen unter freiem Himmel, naturnah und unverdorben, und zwängten ihre Gottheiten nicht in Häuser aus Stein. Sie kannten daher keine gemauerten Tempel, bis sie, unter Einfluss der römischen Besatzung, ihre Naturheiligtümer aufgaben und einen eigenen Gebäudetyp für den Kult entwickelten, den gallo-römischen Umgangstempel.  
Man hat das lange geglaubt, aber mittlerweile gibt es immer mehr Funde, die das Gegenteil belegen. Schon früh, sicher aber in der La-Tène-Zeit, bauten die Kelten Tempel, und das nicht nur im Süden Galliens, wo der griechische Einfluss am stärksten war, sondern auch im Kernland selbst. 
Zu sehen ist von diesen frühen keltischen Tempelbauten leider (fast) gar nichts mehr, es handelt sich nicht um Ruinen, sondern im besten Fall um archäologische Befunde.

Frühe keltische Kultbauten in Deutschland …

Die Steinsetzung bei Morbach im Hunsrück ist nicht der einzige mögliche Tempel, den Kelten lange vor Ankunft der Römer erbaut haben. Dann gibt es die vage Anspielung auf Ruinen eines „Heidentempels“ in der Nähe von Pfalzfeld, die noch 1627 zu sehen gewesen seien.
Ein frühkeltischer Brandopferplatz, auf dem Tiere den Göttern dargebracht wurden, mit einem 12 Quadratmeter großen gemauertem Gebäude, wurde 2010 auf einer Bergkuppe bei Farchant im Kreis Garmisch-Partenkirchen entdeckt und auf die Zeit um 635 v. Chr. datiert.    
Ebenfalls aus der frühen Hallstattzeit stammt ein Kultplatz bei Nagold im Kreis Calw, den man als einfachen Tempelbau oder zumindest umgestalteten heiligen Ort ansprechen kann. Archäologen deckten eine einen Meter starke Steinpackung aus Muschelkalk mit fünf Metern Durchmesser auf. In dem Pflaster stießen sie auf Bronzefragmente und Teile von sogenannten Mondidolen. Das Pflaster war von Gräben umgeben, von denen einer ganze 45 m lang war. Nach ihren Ausgrabungen 1979 und 1981 deuteten die Forscher die Anlage als Kultplatz innerhalb einer „ausgedehnten Siedlungsstelle“. Ein Pflaster ist natürlich kein Gebäude, aber auch kein reiner Naturort mehr.     
In der Keltenstadt Manching, die zwischen 50 und 30 v. Chr. aufgegeben wurde, gab esmehrere Tempel, darunter kleine runde und quadratische Gebäude. Zwei Rundtempel hatten eine quadratische Umfriedung und einen Durchmesser von rund 7 m.    
Mit verfeinerten archäologischen Methoden stellt sich heraus, dass mancher gallo-römische Umgangstempel auf einem rein keltischen Vorgängerbau steht. Unter dem Silvanusheiligtum bei Fell, nahe Trier, fanden Ausgräber die Reste eines keltischen Vorgängerbaus aus Holz. Ein keltischer Tempel aus römischer Zeit bei Koblenz war dem römischen Merkur und der keltischen Rosmerta geweiht und wies als typischer Umgangstempel eine Cella (ein schlichtes Tempelhaus) mit Arkaden an allen vier Seiten (dem Umgang) auf. Eine polygonale Mauer umschloss den etwa 19 x 19 m im Quadrat messenden Bau, unter dem Reste eines älteren Gebäudes entdeckt wurden. 
Die letzten beiden Beispiele – wie auch das Eingangsbeispiel – stammen aus dem Gebiet der Treverer. Sie siedelten auf beiden Seiten der Mosel. Im Großherzogtum Luxemburg finden wir einen Ringwall der Treverer auf dem Titelberg bei Petingen. Von diesem Oppidum wurde in der Spätlatènezeit ein Teil im Osten durch einen großen Graben offenbar als Sakralbereich abgetrennt. Später wurden dort Umgangstempel errichtet, die ersten Tempelbauten aber stammen noch aus spätkeltischer Zeit.

… in Oberitalien …

In Oberitalien siedelten, von der Adria und bis an die Alpen, rund um ihre Hauptstadt Mailand die keltischen Insubrier. Diese Region nannten die Römer Gallia Cisalpina, das Gallien diesseits der Alpen.   
Es bezieht sich also vielleicht auf Mailand, wenn der römische Geschichtsschreiber Polybius erklärt, die insubrischen Gallier hätten einen der Athena geweihten Tempel gehabt, in dem man goldene, „unbewegliche“ Machtinsignien aufbewahrte, offenbar kultische Feldzeichen. Auch Livius erwähnt diesen Tempel, „welcher von ihnen in großer Achtung gehalten wurde“, in seinem Geschichtswerk „Ab urbe condita“.

… und in Gallien

Als die Römer unter dem Consul Servilius Caepio 109 v. Chr. die gallische Stadt Toulouse eroberten, schreibt Livius, plünderten sie dort den Tempel des Apollo und schleppten fünfzigtausend Pfund Gold und hundertzehntausend Pfund Silber fort, Teile der Beute des keltischen Überfalls auf das griechische Orakelzentrum Delphi. Diesen Tempel zerstörten die Römer, und Livius, knapp wie alle antiken Schriftsteller, schildert uns sein Aussehen nicht.
Ein gallischer Tempel, den Archäologen ausgegraben haben, lag bei Gournay-Sur-Aronde südlich von Amiens und stammt aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Es ist ein Freilufttempel, also fast ein heiliger Hain, aber in einem mit Graben umgebenen, rechteckigen Palisadengeviert erhob sich auch ein hölzerner, griechischen Vorbildern nachempfundener Säulentempel. Davor waren mehr als ein halbes Dutzend Pfähle in den Boden gerammt, an denen erbeutete Waffen aufgehängt wurden. Eine Grube enthielt Tieropfer, auch menschliche Knochen.         
Eine monumentale Pforte, mit Tierschädeln geschmückt, führte in den heiligen Bereich. Tempel und Umfriedung waren nach den Haupthimmelsrichtungen orientiert.

Eine ähnliche Pforte wie in Gournay entdeckten Archäologen auch an der bemalten Fassade des Tempels im Oppidum von Roquepertuse, Südfrankreich, der aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammt. Die Wand wies Nischen für Schädel und Statuen der Götter auf.       
In Gallien wurden die keltischen Tempel oft noch bis in römische Zeit hinein genutzt. Die Stadt Bibracte musste zwar auf Befehl der Römer 5 v. Chr. geräumt werden, ein kleiner quadratischer Tempel wurde aber noch bis ins 4. Jahrhundert benutzt. Ähnliches lässt sich über einen gallo-römischen Tempel im Hunnenring bei Otzenhausen sagen.   
Ob die in Deutschland festgestellten vorrömischen Tempelgebäude die Pracht der gallischen Anlagen erreicht haben, ist noch ungewiss.

Kriegerstatue aus dem keltischen Tempel von Roquepertuse. Der Tempelbau stammt aus dem 3. vorchristliche Jahrhundert, die Statue datiert möglichweise sogar zurück ins 5. oder 6. Jahrhundert v. Chr. (Foto: Robert Valette, Wikimedia)

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Keltische Kultplätze in Deutschland: Geschichte und Mythos einer rätselhaften Kultur“ von Ulrich Magin (Nikol, Hamburg 2019, ISBN‏: ‎978-3868205350).

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