Urgeschichtliche Riesen I – Erich von Däniken und die Riesenzähne

Die einstmalige Existenz riesenhafter Humanoiden gehört zum Kanon der Prä-Astronautik. Als einer der Kernbelege fungiert hier eine Textstelle aus dem Alten Testament. In der Genesis heißt es:

„Als sich die Menschen über die Erde hin zu vermehren begannen und ihnen Töchter geboren wurden, sahen die Gottessöhne, wie schön die Menschentöchter waren, und sie nahmen sich von ihnen Frauen, wie es ihnen gefiel. Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, weil er auch Fleisch ist; daher soll seine Lebenszeit hundertzwanzig Jahre betragen. In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen, und auch später noch, nachdem sich die Gottessöhne mit den Menschentöchtern eingelassen und diese ihnen Kinder geboren hatten. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer.”

1. Mose 6, 1-4

Für Erich von Däniken und andere Vertreter der Prä-Astronautik weisen diese Textstellen darauf hin, dass Riesen das gentechnische Produkt aus außerirdischer und menschlicher DNA seien.[1]     
Somit waren und sind auch nicht-textgebundene Belege für die Existenz von Riesen immer wieder Thema in den Veröffentlichungen der Prä-Astronautik. Auch Däniken thematisiert mehrfach Funde, bei denen es sich um die Reste dieser mythischen Riesen handeln soll.    
Bereits in seinem zweiten Buch Zurück zu den Sternen (1969) erwähnt er „wissenschaftlich anerkannte Funde“ von Riesen in Südchina.[2] In Beweise (1977) führt er hierzu näher aus, die Forscher Koenigswald und Weidenreich hätten zwischen 1937 und 1941 in chinesischen Apotheken „Knochen von Riesenmenschen“ gefunden.[3]     
Zu Beginn der 2000er Jahre greift er diese Funde wieder auf und gibt an, Anthropologen würden Riesenknochen für Knochen von Gorillas halten und wiederholt, Koenigswald und Weidenreich seien 1941 auf „mehrere Knochen von Riesen“ in Apotheken in Hongkong gestoßen.[4]        
Däniken berichtet hier äußerst spektakuläre Funde und es mutet schon merkwürdig an, dass diese – sie sollten den Beschreibungen nach schließlich hohe Beweiskraft haben – nur zu kurzen Randbemerkungen degradiert werden.          
Betrachten wir diese kurzen Aussagen näher, dann stellt sich schnell heraus, dass Däniken hier sehr ungenaue Angaben machte und hier auch einiges durcheinanderbrachte:

Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald war ein deutscher Geologe, der 1935 in chinesischen Apotheken nach Fossilien suchte. Knochen gelten in der traditionellen chinesischen Medizin, zu Pulver zerrieben, als klassische Arzneien mit großer Heilwirkung.   
Er erwarb eine große Sammlung von Zähnen, die als „Drachenzähne“ bezeichnet wurden. Neben einer Reihe von Zähnen, die von Orang-Utans stammten, fiel ihm in der Sammlung auch ein riesiger Backenzahn auf, der von einer noch unbekannten Art stammte. Er gab dieser Art den Namen Gigantopithecus blacki, den Riesenaffen.[5] 
Bis heute konnten gut 1000 Zähne und vier Kieferknochen von Gigantopithecus gefunden werden. Dieser wird in drei Unterarten unterschieden, den Gigantopithecus blacki aus China.  den etwas kleineren Gigantopithecus giganteus aus Vietnam und den in Nordindien und Pakistan nachgewiesenen Gigantopithecus bilaspurensis.[6] Weitere Knochen, wie Däniken suggeriert, konnten von diesem Menschenaffen bislang nicht entdeckt werden.           
Franz Weidenreich unterdes war übrigens nicht zusammen mit Koenigswald auf Fossiliensuche in chinesischen Apotheken. Seine Aussagen zum Gigantopithecus tätigte er auf Basis der Funde von Koenigswalds in den 1940er Jahren. Glaubte Weidenreich zuvor noch, die Menschen hätten sich aus einer Zwergenrasse heraus entwickelt und die Pygmäen seien die ursprünglichste noch existierende Menschenform, so glaubte er jetzt, Riesen seien der Ursprung menschlicher Entwicklung. Der Gigantopithecus sei, so seine Überzeugung, den Hominiden wesentlich näherstehend als den Menschenaffen. Eine Sichtweise, die vor allem in Anbetracht weiterer Funde von Zähnen und Kiefern des Gigantopithecus nicht länger haltbar ist. Die Molaren zeigten eindeutig primitivere Merkmale als jene bei Hominiden.[7]  
Neuere Untersuchungen bestätigen hierbei, was Forscher bereits zuvor vermuteten, nämlich, dass der Gigantopithecus mit den Orang-Utans verwandt war. Proteinanalysen am Zahnschmelz der fossilen Zähne konnten diese Verwandtschaft belegen.[8]     
Bei dem Gigantopithecus handelte es sich also um einen großen Menschenaffen von vermutlich Orang-Utan-artigem Habitus, der in der Zeit von vor 8 Millionen bis vor 100 000 Jahren nachweisbar ist. Ein Zusammenhang mit mythischen Riesen ist hierbei wissenschaftlich nicht haltbar.

Selbst bei der Frage, ob der Gigantopithecus blacki tatsächlich ein Riese war, stehen definitive Antworten noch aus. Aufgrund des Umstandes, dass uns bislang nur Zähne und Kiefer dieses Tieres zur Verfügung stehen, handelt es sich bei den vermuteten Größenangaben um reine Extrapolationen. Diese können auf Basis verschiedener Relationen stattfinden und so schwankt die geschätzte Größe des Tieres zwischen 1,80 Meter und 3,00 Metern, das Gewicht zwischen 200 und 500 Kilogramm.[9] Überhaupt ist eine Rekonstruktion der Körperhöhe nur auf Basis von Zähnen und Kieferknochen höchst problematisch, da diese bei Primaten in keiner nennenswerten Korrelation zur Gesamtkörpergröße stehen. Vielmehr spiegeln sie eine Anpassung an die jeweilige Ernährung wider, weshalb etwa die vegetarischen, klein gewachsenen Australopithecinen größere Zähne besitzen als die deutlich höher gewachsenen heutigen Menschen[10] (siehe hierzu auch den Wunderkammer-Artikel zu Meganthropus).        
Möglicherweise war der große Affe also zumindest nicht riesenhaft. Aber selbst wenn eine maximale Größe von drei Metern Realität gewesen sein sollte: In der Prä-Astronautik ist man sich im Grunde nicht mal eins, welche Größe denn ein solch mythischer Riese gehabt haben soll. Wäre ein drei Meter hoher Humanoide bereits ein Riese oder muss ein solcher zehn Meter groß gewesen sein? Die desbezüglichen Spekulationen hängen schließlich immer an den Mythen und Sagen. Und auch hier herrschen große Variationen vor.

Dänikens Aussagen entpuppen sich also durchweg als ungenau und sogar falsch: Er kommt mit den Jahren durcheinander, die Rollen der Forscher Koenigswald und Weidenreich werden falsch dargestellt, die Bezeichnung „Knochen“ weckt falsche Vorstellung der tatsächlich gemachten Funde in Form von Zähnen und wenigen Unterkiefern und auch von einem „Gorilla“ spricht man in der Wissenschaft nicht bei der verwandtschaftlichen Zuordnung des Gigantopithecus.      
Einen Beweis für mythische Riesen als Abkömmling einer Vereinigung von Menschen und außerirdischen Raumfahrern vermögen die gemachten Funde hierbei schon gar nicht darzustellen.

Quellen

Ciochon, R. / Olsen, J. / James, J. 1992: Warum musste Giganto sterben? Auf der Suche nach dem Riesenaffen aus prähistorischer Zeit, Braunschweig.

von Däniken, E. 2001: Im Namen von Zeus. Griechen – Rätsel – Argonauten, München.

von Däniken, E. 1987: Wir alle sind Kinder der Götter. Wenn Gräber reden könnten, München.

von Däniken, E. 1977: Beweise. Lokaltermin in fünf Kontinenten, Düsseldorf/Wien.

von Däniken, E. 1969: Zurück zu den Sternen. Argumente für das Unmögliche, Düsseldorf.

Dopatka, U. 2004: Die große Erich von Däniken-Enzyklopädie. Die phantastische Perspektive der Menschheit, Oberhofen am Thunersee.

Garn, S. M. / Lewis, A. B. 1958: Tooth‐Size, Body‐Size and “Giant” Fossil Man. American Anthropologist 60/5, 874–880.

Gieseler, W. 1974: Die Fossilgeschichte des Menschen, Stuttgart.

Herder 2001: Die Bibel. Einheitsübersetzung Altes und Neues Testament, Freiburg/Basel/Wien.

von Königswald, G. H. R. 1935: Eine fossile Säugetierfauna mit Simia aus Südchina. N. V. Noord-Hollandsche Uitgevers Maatschappij, Amsterdam.

Welker u.a. 2019: Enamel proteome shows that Gigantopithecus was an early diverging pongine. Nature 576, 262–265.

Dürr, S. / Donecker, A. / Jördens, J. 2016: King Kong war unflexibel. Riesenaffe starb vor 100.000 Jahren wegen mangelnder Anpassung aus. Pressemeldung vom 04.01.2016, Frankfurt am Main.

Titelbild: Kiefer von Gigantopithecus giganteus (Kippelboy, Wikimedia Commons)

Siehe auch:
Urgeschichtliche Riesen II – Meganthropus palaeojavanicus, “Riesenmensch des alten Java”


[1] Vgl. z. B. Däniken 1987, 88 f. / Dopatka 2004, 304 f.

[2] Däniken 1969, 64.

[3] Däniken 1977, 328.

[4] Däniken 2001, 19 f.

[5] Vgl. Königswald 1935, 871 ff.

[6] Vgl. Ciochon / Olsen / James 1992, 51.

[7] Vgl. Gieseler 1974, 222 ff.

[8] Vgl. Welker u.a. 2019.

[9] Vgl. Dürr/Donecker/Jördens 2016.

[10] Vgl. Garn/Lewis 1958, 875 ff.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.