Polynesische Sakralbauten – Eine Beschreibung aus dem Jahre 1781

„An Offering before Capt. Cook in the Sandwich Islands“
Schnitt von D.K. Bonatti, nach Ferrario 1827 (Wikimedia Commons)

Ob Thor Heyerdahl mit seinen europäischen Kulturbringern auf der Osterinsel (wenn auch über amerikanische Umwege) oder Robert Charroux und Erich von Däniken mit ihren außerirdischen Baummeistern (auf der Osterinsel, auf Tonga und Kiribati) – bei alternativen Geschichtsdeutern stehen die megalithischen Tempelanlagen Polynesiens (es gibt sie von Hawaii bis nach Neuseeland) immer in dem Verdacht, sie stammten gar nicht von Einheimischen. Dass aber die Insulaner die Tempel gebaut haben, steht für Archäologen außer Frage. Dass sie aus mehr bestanden als aus großen Steinbrocken und dass sie von denen genutzt wurden, die sie erbauten, das erzählen die Berichte der ersten europäischen Entdecker der Inselwelt der Südsee.

Unter den Seeleuten, die mit dem Captain James Cook 1776–1780 fast die gesamte Welt umsegelten, befand sich auch ein Kurpfälzer, Heinrich Zimmermann. Trotz Verbots machte er sich während der Reise Notizen, die er später als Buch veröffentlichte: „Reise um die Welt, mit Capitain Cook“, das 1781 in Mannheim beim kuhrfürstl. Hofbuchhändler C. F. Schwan erschien.
Dem Band können wir sehr frühe Aufzeichnungen über polynesische Sakralbauten und ihre Nutzung entnehmen, die selten zitiert werden. In Deutschland ist Zimmermann wenig bekannt, im englischen Sprachraum zitiert man lieber Captain Cook.
Im Mai 1777 erreichte Zimmermann mit Cook die Insel Amsterdam, heute Lifuka in Tonga. Heinrich Zimmermann sah dort zum ersten Mal einen polynesischen Tempelbau. Er beschrieb ihn wie folgt:

„Das Heiligthum war ein viereckigter Tempel, der ganz von Holz aufgebauet, die Riegelwände mit Blätter und Gras ausgefüllet, ohngefehr 20 Schuh hoch 40 lang und 30 breit ware, seine Balken waren mit Bänder von vielfarbigtem Gras in einem architektonischen Geschmack in tausenderlei Formen gezieret und das ganze Dach mit Kokosblätter gedecket.   
Diese innere und äussere Beschaffenheit des Tempels hatte ich noch vor Anfang des Götzendienstes beobachtet, kann aber jedoch nicht angeben, worin eigentlich ihre Abgötterei bestehe, indem bei würklichem Anfang des Götzendienstes wir alle uns davon entfernen mußten und nur von weitem Zuschauer abgeben durften.  
Herr Cook und [der polynesische König] O-mai durften nur allein mit Fetesi den Tempel alsdann betretten, und ausser diesen durfte auch von den Heiden niemand damals mehr hineingehen. Finau und alle übrige Obersten der Insel giengen, nachdem sie sich auf einem etwas entlegenen Plaze versammelt hatten in einem schönen und regelmäsigen Zuge gegen den Tempel; Paar und Paar trugen sie das Opfer an einer Stange, das in Schweinen, Früchten und Fischen bestund, legten es vor selbigem, ohne einen Tritt hineinzuthun nieder, fielen eine Zeitlang auf ihr Angesicht, beteten auf ihre Art und Sprache und giengen mit Zurücklassung des Opfers auf den vorigen Sammelplatz und in voriger Ordnung zurück. 
Das Opfer blieb, so lange wir in der Gegend waren, liegen und als Herr Cook nebst O-mai aus dem Tempel zu uns zurückkamen, so äusserte sich ersterer, daß alles, was er in demselben gesehen, sehenswürdig seye, ohne jedoch zu veroffenbaren, worinn es bestanden; nur dieses erzählte er noch, daß Fetesi von ihnen beiden verlanget, daß sie vor dem Eintritt in den Tempel sich gleich ihm ganz entkleiden, und nur ihre Schaam bedecken sollten. O-mai seye diesen Accord als ein Heide sogleich eingegangen, er Herr Cook aber habe sich dessen geweigert; Fetesi habe endlich sich mit ihm dahin vereinigt, daß er nur seinen Hut zurücklassen, seinen Haarzopf aufmachen und das Haar fliegen lassen sollte.“ [S. 32f]

Auch die Hawaiianer kannten aus Stein errichtete Kultorte. Zimmermann [S. 76–79] beschreibt Prozessionen und die Bauten selbst:

„Sie haben eine sehr große Anzahl Götter und nennen sie alle nach dem Namen ihrer Könige und Ehris. 
Diese Götter flechten sie in der Form eines Brustbildes aus einer Art dünnen und biegsamen Holzes samt dem Halse, Kopf, Nase, Mund und Ohren. Sie setzen selben Augen von Perlemutterschaalen und große Schweinszähne ein. Von der Brust bis ganz über den Kopf besetzen sie selbige mit kleinen rothen Vögelfedern in solcher Menge, daß man von dem inneren Holze gar nichts mehr wahrnimmt.
Die Brustbilder und alle übrigen Theile sind von ungeheurer Größe. Einigen von diesen ihren Göttern machen sie auf dem hinteren Theil des Kopfes falsche Haare und einigen setzen sie auch Kappen auf die ebenfalls auf nemliche Art geflochten und mit Federn besetzet, jedoch aber mit gelben und noch mehr andere Federn schattiret sind und den römischen Pickelhau ben viel gleichen.
Sie trugen uns mehrere ihrer Götzenbilder zum eintauschen an; wir handelten auch verschiedene von ihnen ein, die wir mit nach England nahmen.
Herrn Cook machten jene auf der Insel O-waihi auch zu einem Gott und richteten ihm zu Ehren ein Götzenbild auf. Sie nannten es nach dessen Namen: O-runa note tuti. O – runa hies Gott tuti Cook. Dieser Abgott war wie die ihrige geformt; aber statt der rothen mit lauter weissen Federn gezieret vermuthlich aus der Ursache, weil Herr Cook als ein Europäer von weisser Gesichtsfarbe war.  
Auf jeztgesagter Insel O-waihi sahe ich einem Götzendienste zu. Der König gieng mit vielen Ehris aus seiner Wohnung und einige von lezteren trugen mehrere Götter voraus. Der König war mit einem großen bis auf die Ferse reichenden rothen Mantel, und die Ehris theils mit eben so langen, theils aber mit etwas kleineren und zum Theil auch nur bis über die Schultern reichenden Mänteln umhüllet. Ein jeder hatte auch so eine nemliche Kappe, wie zum Theil ihre Götter haben. Der Zug gieng in Fahrzeugen über den Seehafen hinüber auf die Seite, wo Herr Cook sich in seinem auf dem Lande aufgeschlagenen Zelte befande, und diesem wurde allda auch einer ihrer Mäntel angezogen, und eine der vorgesagten Kappen aufgesetzet.    
Unterwegs fiel das gemeine Volk, da die Götter vor ihnen vorbeigetragen wurden auf das Angesicht nieder; keiner von diesen durfte aber dem Zuge folgen. 
Wie eigentlich der Götzendienst auf jener Seite des Hafens gehalten worden, was für Ceremonien dabei vorgefallen, und was allenfalls geopfert worden kann ich nicht angeben, indem mir meine Geschäfte damals nicht erlaubten, daß ich dahin abkommen konnte. So viel kann man aber doch schon abnehmen, daß diese, wie alle übrige bisher entdeckte Heiden zu nicht geringer Bewunderung eine Gottheit erkennen und verehren. Selten sahe man sonstenden König oder einen Ehri in denen Kappen und rothen Mänteln; und dieses mag ein Zeichen seyn, daß der selben Gebrauch hauptsächlich zum Götzendienst gewidmet seye.          
Diese rothen Mäntel sind sehr künstlich gearbeitet; das innere bestehe aus einer von Gras geflochtenen Matte und aussenher sind kleine rothe Vogelfedern dicht darauf gesetzet. Diese sind wieder in allerlei schönen und ordentlichen Zügen mit schwarzen, gelben und grünen Federn vermischet, so daß alles gegeneinander absticht.
Es ist die schönste und künstlichste Seltenheit, die je unter allen wilden Völkern gefunden, auch von allen dafür erkannt worden. Auf unsern Schiffen wurden mehrere davon eingetauscht und nach Haus gebracht. Die Vögel die dergleichen Federn tragen, sind in solcher Menge vorhanden, daß ich sie noch nirgends gesehen; und werden selbige auch ohne besondere Mühe in Schlingen gefangen. 
Die Begräbnisplätze der Insulaner sind mit Steinen hoch aufgesetzt, und unter diese werden die Todten nach ihrer uns gethanen Auslegung (da wir keine Leiche gesehen) begraben.       
Auf diesen Plätzen selbst nahmen wir eine große Anzahl aufgerichteter Stangen wahr. An einigen hingen noch abgedörrte Früchte; und so viel wir abnehmen konnten, so richtet jede Familie den ihrigen zu Ehren dergleichen Stangen auf.“ [S. 79]

Die Schiffe segelten wieder los, mussten allerdings zurück auf die „Sandwich-Inseln“, als der Mast der Resolution bricht. Nun aber herrschte eine unfriedliche Stimmung auf Hawaii:

„An beidem mag allerdings die Schuld gewesen seyn, weil Herr Cook von dem Begräbnisplatze alle von ihnen aufgerichtete Stangen, jedoch mit Erlaubnis ihres Oberhaupts, dem 6 Beile zum Geschenke dafür gereichet worden, um des willen zum Feuerholz kleinmachen ließ.“ [S. 81]

Der Tabubruch brachte Cook, wie man in den Geschichtsbüchern nachlesen kann, den Tod.

Lesetipp

Ulrich Magin: Pfälzer Entdecker und Pioniere: unbekannt, vergessen und verkannt. Mannheim: Wellhöfer Verlag 2019 enthält ein Kapitel über Zimmermann.

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